Neuer „Kiosk“ des Gorki-Theaters: Was Theater sein kann

Das Gorki-Theater eröffnet vor Spielzeitbeginn einen „Kiosk“, um neue Formen zu erproben. Zum Auftakt gibt es Produktionen von Rimini Protokoll.

Die nüchterne Glassfassade des Kiosks des Gorki Theaters.

Hinter der unscheinbaren Fassade des „Kiosk“ erforscht das Gorki-Theater neue Formen Foto: Ute Langkafel/maifoto/Gorki

Eine etwa zwanzigköpfige Gruppe steht mit Kopfhörern und Atemschutzmasken im Berliner Hauptbahnhof und schaut unisono in eine Richtung, als gäbe es dort etwas zu sehen. Theater zum Beispiel. Und tatsächlich redet ihnen eine Stimme via Kopfhörer ein, hier einem Theaterereignis beizuwohnen: dass die umherlaufenden Menschen Reisende spielen und mehr.

Die Spielanordnung, die diesen Einflüsterungen zugrunde liegt, soll bewirken, dass Menschen im öffentlichen Raum unter verschiedenen Prämissen füreinander zu Darstellerinnen und Darstellern werden.

Die Teilnehmer*innen am Stadtspaziergang „Remote Mitte“ von Rimini Protokoll werden es für die geschäftig durch die Etagen des enormen Bahnhofs laufenden Ankommenden und Abfahrenden: Ihr seltsames, dem Ort nicht funktional angemessenes Verhalten macht sie automatisch zu Fremdkörpern und zum Gegenstand der Betrachtung. Die „normalen“ Nutzer*innen dieses Bahnhofs wiederum werden durch die simple Behauptung der Stimme im Ohr der Remote-Teilnehmer*innen zu Mitspieler*innen gemacht.

Was Theater sein kann, ist ja schon länger nicht mehr leicht zu sagen. Überall wird performt, im Leben, auf Social Media, in der Politik. Da kommt die gute alte darstellende Kunst kaum noch hinterher. Die Pandemie hat die Lage weiter verschärft. Sich zu versammeln, um gemeinsam Kunst zu erleben, gilt aktuell als ungesund. Ausgebaute Sitzreihen und Abstandsregeln, Masken nicht nur für Spieler*innen, sondern auch für das Publikum, sind die Folge, die fortan auf unbestimmte Zeit das Thema Theater belasten.

Rückseite des Theaters

Was also tun? Das Gorki-Theater hat als erste Amtshandlung in der neuen Spielzeit ein Ladenlokal eröffnet. „Kiosk“ heißt die Unternehmung in der Dorotheenstraße 4, also auf der Rückseite des Theaters gelegen.

Das Gorki möchte seine Suchbewegung in Richtung der Schnittpunkte von bildender und darstellender Kunst erweitern. Mit dem jährlichen Herbstsalon und der Young Curators Academy ist das Haus als Player auf diesem Sektor ja schon gut eingeführt. Die Aktivitäten sollen nun verstetigt werden, statt wie bisher nur Sonderevents zu sein.

Statt die Pandemie als Tragödie für das Medium Theater zu betrachten, gilt es, sie als Chance zu begreifen

Statt die Pandemie als Tragödie für das Medium Theater zu betrachten, gelte es, sie als Chance zu begreifen, sagt On Ken Seng, der den Kiosk gemeinsam mit Shermin Langhoff kuratieren und entwickeln wird, wo sie genau das vorhaben, um neue Formen und Formate zu entwickeln. Seng, der auch Gründungsdirektor des Singapore International Festival of Arts ist, gehörte 2019 bereits zu dem Machern der Young Curators Akademy am Gorki.

Die Gegend für den „Kiosk“ ist gut, die Museumsinsel, das Haus Bastian sind in der Nähe. Es kann also sogar auf Laufkundschaft gesetzt werden. Vorerst ist in den hellen Räumen noch nicht viel zu sehen. Die Theaterkasse befindet sich hier. Auf zwei Bildschirmen laufen Videodokumentationen von zwei Produktionen von Rimini Protokoll. Das Performance-Kollektiv residiert seit dieser Spielzeit im Gorki.

Tondokumente aus dem Stasi-Archiv via Smartphone

Jetzt eröffnen zwei historische Produktionen das Kiosk-Programm: „Remote Mitte“ von 2016 – ein Stadtspaziergang, bei dem man von einer computergenerierten Stimme angeleitet, also ferngesteuert, wird, Dinge zu tun, zu sehen und zu fühlen – unter anderem am Berliner Hauptbahnhof.

Das zweite Projekt, das Stasi-Hörspiel „50 Aktenkilometer“ ist schon von 2011. Auch hier wird man von einer Stimme durch Berlin geführt. An bestimmten Orten lassen sich via Smartphone Tondokumente aus dem Stasi-Archiv aktivieren – meist just an dem Ort, an denen die dokumentierten Ereignisse vor Jahrzehnten ihren Anfang nahmen.

Unter den Linden etwa, wo ein simpler roter Luftballon die Aufmerksamkeit der berüchtigten Behörde weckt, oder in der Nähe des Berliner Ensembles, wo es in einem Wohnhaus eine Kleiderkammer gab, in dem Spitzel sich mit Verkleidungsrequisiten ausstatten konnten wie die Bettler bei Herrn Peachum in Brechts „Dreigroschenoper“.

Das ist charmant, aber alles auch ein wenig pittoresk und nicht mehr ganz auf der Höhe zeitgemäßer Diskurse. Gerne würde man tiefer in die Materie tauchen.

Auch in „Remote Berlin“ verdirbt der „Sendung mit der Maus“-Habitus, mit der die allwissende Computerstimme Julia altklug ihre Allgemeinplätze zu Demokratie und Zukunft, zum Berliner Schloss und anderem verkündet, manchmal den Spaß. So oberflächliche und schlecht begründete Ansichten zu Medizin und Big Data wirken in unseren Zeiten anschwellender Anfälligkeit für Verschwörungstheorien außerdem etwas schal.

Trotzdem sind das noch einmal aufschlussreiche Reisen in die Vergangenheit eines Formats, dessen Zukunft hier jetzt an der Praxis entlang untersucht und erforscht werden soll.

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