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Neuer Kampfmodus freigeschaltet

Immer noch ist Krebs eine der tödlichsten Krankheiten. Die eine Therapie,die Heilung verspricht, gibt es nicht – mittlerweile aber Hoffnung, dass Immuntherapien uns ein gutes Stück nach vorn katapultieren

Von Judith Rieping und Sofia Zharinova (Texte) und Katja Gendikova (Illustration)

Krebszellen sind Meister der Tarnung. Alles, was sie vom gesunden Gewebe abheben könnte, verbergen sie. Sie verstecken die winzigen Moleküle, die sie als Krebszellen markieren, oder schalten schlicht den Alarm stumm, der sie verraten würde. Und so entgehen sie ihrer größten Bedrohung: den Suchern des Immunsystems. Ohne Pause sucht das Abwehrsystem des Körpers nach fremden Gefahren, nach Viren und Bakterien oder eben mutierten Zellen. Doch Krebszellen sind für das System quasi unsichtbar, sie können sich vermehren – und das Immunsystem schaut untätig zu.

Niels Halama will die Sucher wieder scharf stellen. Der Arzt forscht am deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zur Immuntherapie. „Vor 20 Jahren wurde man ausgelacht, wenn man etwas mit dem Immunsystem in der Krebstherapie machen wollte“, sagt er. Doch der Ansatz sollte sich als revolutionär erweisen. Die destruktiven Zellen sollen wieder sichtbar werden, sodass der Körper sie von alleine aufspüren und bekämpfen kann. Liegt in der Therapie der entscheidende Durchbruch im Kampf gegen Krebs?

Bis heute bleibt eine Krebsdiagnose für Betroffene eine Zäsur im Leben. Über eine halbe Million Menschen erkranken jährlich in Deutschland und mehr als 200.000 Menschen starben im Jahr 2024 an Krebs. Damit ist es die zweithäufigste Todesursache nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das eine Gegenmittel fehlt, zu unterschiedlich und wandelbar verhält sich Krebs. Doch in der Entwicklung neuer Therapien liegt für Betroffene enorme Hoffnung.

Mariana Bagci bemerkte ihn vor fünf Jahren, einer ihrer Leberflecken hatte sich verändert. Er war schon immer da gewesen, groß wie eine Ein-Euro-Münze, aber nun sah er anders aus. Ihre Hautärztin erkannte sofort, was sich im Labor bestätigte: Hautkrebs. Bagci bräunte sich gern, war dafür früher oft im Solarium und hat von Natur aus einen hellen Hauttyp. Alles Risikofaktoren für Hautkrebs.

„Ich hatte Angst, wichtige Dinge im Leben nicht mehr zu schaffen“, erzählt Mariana Bagci am Telefon. Als der Krebs entdeckt wurde, arbeitete Bagci in der Gastronomie, ritt nach Feierabend mit ihrem Pferd aus oder verbrachte Zeit mit ihrem Mann und ihrem Sohn. Heute ist die 39-Jährige mehrere Stunden pro Woche im Krankenhaus. Bagci ist sich sicher: „Ohne die Immuntherapie wäre ich heute nicht mehr hier.“

Die Immuntherapie ist einer der Durchbrüche, die Krebsforschende gerade in Aufbruchstimmung versetzt. „Man erlebt in der Onkologie gerade so etwas wie im IT-Bereich in den Neunzigerjahren. Es läuft eine Art gigantisches Wettrennen“, beschreibt Niels Halama sein Forschungsfeld. Nahezu alle vier Wochen gebe es neue Forschungsergebnisse. Wo ÄrztInnen vorher mit leeren Händen dastanden, tragen sie nun einen vollen Werkzeugkasten vor sich. Heute könnten viele PatientInnen langfristig geheilt werden, die früher gestorben wären.

Lange Zeit basierte die klassische Krebsbehandlung vor allem auf drei Säulen: Operation, Strahlen- und Chemotherapien. Angenehm ist keine der Behandlungen. Letztere greift alle sich schnell teilenden Zellen an und trifft damit neben Tumorzellen auch gesunde. Die Nebenwirkungen sind schwer und vielfältig. Haarausfall, starke Übelkeit und eine erhöhte Infektanfälligkeit können auftreten. Mittlerweile stellt die Immuntherapie laut dem Deutschen Krebsforschungszentrum die vierte Säule der Krebsmedizin. Wenn andere Therapien nicht mehr wirken oder sich der Krebs ausgebreitet hat, setzen ÄrztInnen und PatientInnen ihre Hoffnung in die Wirkung von Immuntherapien.

Als Mariana Bagci ihre Diagnose erhielt, war die Therapie noch nicht die erste Wahl. Heute sind Immuntherapien Standard für PatientInnen mit metastasiertem Hautkrebs, also für Hautkrebs, der sich bereits im Körper ausgebreitet hat. Damals, im Jahr 2020, war die Behandlung für ihr Stadium allerdings noch nicht zugelassen und damit auch nicht von den Krankenkassen gedeckt. Zwar hätte Bagci einen Antrag für die Therapie stellen können, doch dafür blieb keine Zeit. Ihre Operation stand unmittelbar bevor und die Immuntherapie hätte direkt darauf folgen müssen. Erst als der Krebs erneut ausbrach, erhielt sie eine Immuntherapie.

Eine Infusion dauerte anderthalb Stunden, alle drei Wochen erhielt sie eine – über zweieinhalb Jahre. „Direkt nach der Infusion habe ich nichts gespürt“, sagt Bagci. Die Nebenwirkungen kamen schleichend: Fieber, starker Juckreiz und ausgetrocknete Schleimhäute. Der Krebs war unter der Therapie nicht mehr sichtbar, ein krasser Erfolg. Aber die Therapie war nicht folgenlos. Ihre Hormone gerieten aus dem Gleichgewicht, Mariana Bagci kam in vorzeitige Wechseljahre und leidet seither an einer Autoimmunerkrankung. „Doch ich würde jede Nebenwirkung in Kauf nehmen, solange der Krebs nicht wiederkommt“, sagt sie.

Der Entwicklung von Immuntherapien ging eine ganz grundsätzliche Frage voraus: Woran erkennt das Immunsystem eigentlich, was es bekämpfen soll? Das wollte der amerikanische Immunologe James P. Allison bereits in den 80ern verstehen. Ihn interessierten die hochkomplexen Kreisläufe, die das Abwehrsystem regulieren sollen. Denn einerseits soll es rechtzeitig auf Gefahren reagieren, aber auch nicht gegen die Falschen Alarm schlagen oder überreagieren.

In seinen Versuchen an Mäusen entdeckte Allison CTLA-4, einen sogenannten Immuncheckpoint. Als Moleküle auf der Oberfläche von Immunzellen entscheiden sie, ob die Immunabwehr aktiviert oder gebremst wird. CTLA-4 ist ein Bremser im Immunsystem. Krebszellen nutzen ihn für ihr Versteckspiel und schalten so das Immunsystem vermehrt ab. Daraus wuchs die Idee, diesen Mechanismus und Checkpoint zu blockieren, sodass die Immunzellen wieder auf die Krebszellen reagieren.

2001 begann Allison die ersten Untersuchungen an HautkrebspatientInnen. 17 Jahre später erhielt Allison gemeinsam mit dem Japaner Tasuku Honjo den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für die Forschung im Feld der Tumorimmunologie. Honjo hat die Funktion eines weiteren wichtigen Immuncheckpoints erforscht. Basierend auf den Entdeckungen der Wissenschaftler wurden 2011 die ersten Checkpoint-Inhibitoren zugelassen. Drei Jahre später brachte der US-Pharmariese MSD dann auch Keytruda auf den Markt. Es wurde ein Mega-Blockbuster, wie die umsatzstärksten Medikamente der Pharmaindustrie genannt werden. Und der Zusatznutzen von Keytruda gegenüber den damals vorhandenen Therapien war deutlich. Menschen mit fortgeschrittenem Hautkrebs, die Keytruda erhalten hatten, lebten länger. 2015 konnte es in Deutschland und der EU zugelassen werden – mittlerweile wird Keytruda bei mehr als zehn Krebsformen eingesetzt, darunter Formen von Brust- und Lungenkrebs.

Mariana Bagci hat durch ihre Krankheit viele weitere an Krebs Erkrankte kennengelernt. Sie weiß, wie vielen die Therapie geholfen hat. Zum Beispiel einer jungen Frau, die bereits viele Lymphknotenmetastasen hatte und nach der Immuntherapie bis heute krebsfrei ist. Dennoch gibt es Menschen, die auf eine Immuntherapie nicht ansprechen. Bagci kennt das Gefühl, wenn man mit einer Person auf Whatsapp schreibt, sich über die Erkrankung austauscht und gegenseitig unterstützt und dann nur noch das schwarze Profilbild im Messenger sieht. In diesem Moment wird Bagci klar: Bei dieser Person hat die Therapie nicht funktioniert. Gleichzeitig sagt sie sich selbst: „Das bedeutet nicht, dass es bei mir auch so sein muss“.

Die Diagnose hat ihr Leben verändert. Statt großer Ziele freut sie sich inzwischen, wenn sie morgens ohne Bauchkrämpfe aufwacht. „Mittlerweile reicht es mir, um glücklich zu sein“, sagt sie.

Obwohl ihre Therapie zuerst erfolgreich war, musste Bagci im Februar 2026 erfahren, dass sie neue Metastasen hat. Warum die Therapie bei ihr langfristig nicht wirksam war, kann bis heute niemand beantworten. Aktuell hat sie wieder wöchentliche Termine im Krankenhaus – PET-CT, eine Krebsröntgenuntersuchung, Blutabnahmen, Hautscreening – und wird mit einer neuen, auf ihre Genmutation abgestimmten Therapie behandelt.

Ohne die Immuntherapie wäre ich heute nicht mehr hier

Mariana Bagci, Krebspatientin

Trotzdem will sie nicht den Mut verlieren. Auf ihrem Instagram-Kanal klärt sie über Sonnenschutz auf, nennt sich „Sonnenbrand Polizei“ und erzählt von ihren Erfahrungen mit der Krebstherapie. Sie hat sogar eine Selbsthilfegruppe gegründet. Ihre Community macht ihr Mut. „Ich denke an dich“, „Du tapfere Maus“, schreiben ihr fremde Menschen in den Kommentaren. Ihr Instagram-Profil heißt nicht ohne Grund „hau_p_tsache glücklich“ – trotz der Erkrankung führt Bagci ihr Leben weiter.

Die große Hoffnung, Krebs allein durch innovative neue Medikamente ganz zu besiegen, bleibt weiter unerfüllt. So bahnbrechend die Verbesserungen in manchen Bereichen durch Immuntherapien sind – sie wirken leider nicht bei allen PatientInnen. Trotzdem sind in den vergangenen 15 Jahren die Überlebenschancen für HautkrebspatientInnen stark gestiegen, auch in fortgeschrittenen Stadien. Das zeigt sich im 10-Jahres-Überleben, einem Prognosewert, der beschreibt, wie viele Menschen 10 Jahre nach der ursprünglichen Diagnose noch leben. Mittlerweile liegt er für Hautkrebs bei über 95 Prozent.

ÄrztInnen wissen bisher nicht, wer von der Immuntherapie profitiert und wer nicht. Wie groß der Nutzen ist, variiert je nach Krebsform. Der Grund hierfür liegt in der Komplexität jedes Tumors selbst. Krebszellen haben ein großes Arsenal an Abwehrmechanismen. Auch wie lange eine Therapie fortgeführt werden sollte und welche Langzeitfolgen es gibt, wird diskutiert. Manche PatientInnen bekommen eine Immuntherapie bereits seit Jahren, ohne zu wissen, wann sie beendet werden soll.

„Es ist die Ära der Kombinationstherapien“, resümiert der Krebsforscher Halama. Die besten Erfolge lieferten Ansätze, in denen die verschiedenen Therapiebausteine der Krebsmedizin bestmöglich kombiniert würden.

Doch muss man sich auch leisten können, das Alte mit dem Neuen zu kombinieren, denn Immuntherapien kosten gigantische Summen. Ein internationales Rechercheprojekt, an dem der Spiegel und das ZDF beteiligt waren, konnte zeigen, dass allein die Erstattung des Medikaments Keytruda die gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland im Jahr 2025 mehr als zwei Milliarden Euro kostete. Eine einzelne Dosis kostet mehr als 5.000 Euro.

Heute könnten viele PatientInnen langfristig geheilt werden, die früher gestorben wären

Die Kosten für die Versichertengemeinschaft explodieren, bei zunehmend speziellen und individualisierten Krebstherapien. Aktuell werden in Deutschland selbst die teuersten Medikamente für gesetzlich Versicherte erstattet. Aber auch Krebsforscher Halama fragt sich: „Wie können wir diese Kosten auf den Schultern verteilen, damit eine Finanzierung auch in Zukunft noch gelingt?“ Der CDU-Politiker Hendrik Streeck provozierte 2025 eine ethische Debatte, als er andersherum fragte, ob weiterhin teure Krebsmedikamente für Hochaltrige finanziert werden sollten. Die Frage bleibt: Wie viel darf eine Behandlung kosten und wer bekommt sie?

Unterdessen profitiert die Pharmaindustrie reichlich. Der US-Pharmariese MSD generierte im letzten Jahr fast die Hälfte seines Umsatzes allein mit Keytruda. Es war mit 31 Milliarden Euro im Jahr 2025 das umsatzstärkste verschreibungspflichtige Medikament weltweit. Gleichzeitig wurde das Medikament 2019 von der WHO auf die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel gesetzt.

Aktuell sichern Patente den Pharmafirmen ihre Gewinne und das Monopol auf die Wirkstoffe. Doch das wird sich ändern. 2028 läuft in den USA das Patent für Keytruda und weitere Immuncheckpoint-Inhibitoren aus. Damit können auch günstigere Nachahmepräparate auf den Markt kommen, sodass mehr Menschen Zugang zu den Mitteln ermöglicht werden kann. Auch in Studien können die Präparate dann noch breiter untersucht und kombiniert werden, was dem Wettrennen in der Krebstherapie einen weiteren Schwung gäbe.

Immerhin haben Menschen wie Mariana Bagci heute eine Chance auf das krebsfreie Leben. „Früher war meine Diagnose eine tickende Zeitbombe. Heute bin ich eher chronisch krank statt sterbenskrank“, sagt sie. Bagci hat in den letzten Jahren vor allem gelernt, ihre Träume nicht länger aufzuschieben. Vor einem Jahr hat sie eine Ausbildung zur Pflegefachkraft begonnen, etwas, das sie schon immer machen wollte. Ihre Wunschabteilung: Onkologie.

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