Neue Serie „Fatma“ auf Netflix: Fromme Morde

Eine als Reinigungskraft tätige Frau in Istanbul scheint für ihre Umwelt unsichtbar. Das nutzt „Fatma“ für einen Rachefeldzug gegen die Männerwelt.

Burcu Biricik als „Fatma“

Burcu Biricik ist „Fatma“ – und lässt sich nichts mehr gefallen Foto: netflix

Verzweifelt sucht Fatma Yılmaz ihren Mann Zafer, der seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis verschwunden ist. Übrig gelassen hat er ihr einen Berg Schulden bei miesen Typen und die Missgunst ihres sozialen Umfelds. Um über die Runden zu kommen, putzt sie für einen Hungerlohn in einem Einkaufszentrum oder in den Wohnungen wohlhabender Stadtteile Istanbuls. Ihr eigener Status in einem konservativen, einfachen Vorort entspricht einer anderen Lebensrealität.

„Fatma“, glaubhaft dargestellt von Burcu Biricik und namensgebende Protagonistin der sechsteiligen Netflix-Serie aus der Türkei, ist eine fromme Mittdreißigerin. Den patriarchalen Bedingungen der Gesellschaft ausgeliefert, ist sie schier unsichtbar für ihre Umwelt und ohne ihren Ehemann somit fast machtlos. Auch hat sie ihren autistischen Sohn durch einen Verkehrsunfall verloren.

„Fatma“, sechs Episoden, seit 27. April auf Netflix

Dass ihr Mann Zafer sie hat sitzen lassen, will sie nicht wahrhaben und erkundigt sich auch bei Bayram, Zafers Chef und mehr Mafioso als Geschäftsmann, immer wieder nach ihm. Auf der Suche nach Zafer begibt sie sich zu einem seiner Gläubiger, der sie bedroht. Fatma handelt im Affekt und drückt ab, doch ihr Geständnis nehmen die männlichen Ermittler der Polizei nicht ernst.

Schnell wird klar, dass Fatmas Unscheinbarkeit sie unverdächtig macht. Als ein Mitwisser sie deshalb als Auftragsmörderin benutzen und erpressen will, stößt sie ihn vor einen Zug. Auch ihr Vermieter nutzt die Situation der verlassenen Fatma aus, ist sexuell übergriffig und droht sie aus dem Häuschen zu werfen, woraufhin sie ihn in einer Baustelle entsorgt. Als Nächstes ermordet sie einen frauenfeindlichen Mafiaboss und erschießt einen Handlanger von Bayram.

„Ich habe keine Angst“

Zwar plant sie die Morde nicht, begeht jedoch eine Kurzschlussreaktion nach der anderen. Dass man(n) sie schlicht nicht ernst nimmt und deshalb nicht verdächtigt, macht sich Fatma geschickt zum Vorteil und wird dadurch zunehmend selbstsicherer.

„Ich habe keine Angst. Ich werde nicht mehr schweigen“, lässt sie ihren durchgebrannten Mann wissen, als sie ihn aufspürt und ihm mit der Tatwaffe die Morde anhängt. Dass auch Putzmittel als Waffe dienen können, zeigt Fatma, als sie damit kurzerhand eine mächtige Anwaltskanzlei in Brand setzt, die sie für den Schaden am Auto haftbar macht, das ihren Sohn tötete.

Nach und nach wird enthüllt, durch welche Traumata und Ohnmacht sich Fatmas Wut entlädt und wie Erinnerungen sie unfreiwillig die Taten begehen lassen. Angedeutet wird dabei, dass Fatma bereits als Kind sexualisierte Gewalt erfahren hat, was zur Entzweiung mit ihrer Schwester Emine führte, die als unabhängige und selbstsichere Frau das Gegenteil von Fatma verkörpern soll.

Fortsetzung kann folgen

Welche Handlungsspielräume bleiben als Frau in einer misogynen Gesellschaft? Die Serie „Fatma“ von Filmemacher Özgür Önurme kritisiert in erster Linie patriarchale Mechanismen und schneidet auch andere kritische Themen der türkischen Gesellschaft an, bleibt dabei aber etwas oberflächlich. Wer die erfolgreichen Serien „Bir Başkadır“ oder „Şahsiyet“ mochte, wird thematische Parallelen wahrnehmen.

Die Mordserie, die Fatma begeht, befreit sie letztendlich nicht von der Ungerechtigkeit, die sie erfährt. Die Realität bleibt, wie sie ist, mit omnipräsentem Sexismus und mit der Gewalt, der sie als Frau und als Individuum niedriger sozialer Klasse ausgesetzt ist. Aktuell ist das Thema nicht zuletzt auch durch den kürzlich angekündigten Ausstieg der Türkei aus der Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen.

Am Ende gerät Fatma doch noch unter Verdacht. Und wenn ihr ein glückliches Ende in der erste Staffel verwehrt bleibt, dann bleibt so immerhin die Möglichkeit für eine Fortsetzung offen.

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