piwik no script img

Neue Musik aus BerlinFlipper im Uhrwerk

Tiefe und rauschende Töne: Auf seiner neuen Platte „Two Movements“ schlägt das Quartett Werckmeister vielstimmige und konstruktive Richtungen ein.

N ovembermusik: Mit Sounds wie denen des Windes in der Tiefebene und später denen eines Teekessels eröffnet das Quartett Werckmeister sein zweites Album „Two Movements“. Markus Eichenberger (Klarinette), Carl Ludwig Hübsch (Tuba), Philip Zoubek (Moog Synthesizer) und Etienne Nillesen (erweiterte Snare Drum) haben darauf zwei Stücke von jeweils zwanzig Minuten Dauer eingespielt.

Nillesen ist es, der in der dritten Minute mit verschachtelten Klopfzeichen die Verdichtung der Musik einläutet, die alsdann an ein Walzwerk erinnert. In der siebenten Minute wechselt die Stimmung vom flächig Atmosphärischen zu skizzenhafter Nervosität, in der dreizehnten Minute blitzt kurz eine Prozession auf.

Sie könnte den Zirkus mit sich bringen, der in Béla Tarrs prophetischem und allgemeingültigen Film „Die Werckmeisterschen Harmonien“ auf den Marktplatz eines im Winter gefangenen ungarischen Dorfes kommt. Andreas Werckmeister war ein Komponist und Universalgelehrter der Barockzeit. Das Quartett hat sich nach ihm benannt, der auf Improvisation setzte und meinte, ohne sie bliebe der Musiker „an der Tabulatur hangen/ stümpert so etwas hin/ und kömmt nicht weiter.“

Das Album

Werckmeister: „Two Movements“ (Creative Sources Recordings); Live am 08. November um 20 Uhr im PANDA Theater, Knaackstr. 97 (Kulturbrauerei, Gebäude 8)

Eichenberger und Kollegen kommen ziemlich weit. Im zweiten Stück klingen sie nach vielstimmigen Nebelhörnern, spielen Flipper im Uhrwerk und gehen in eine heftige Diskussion, bei der keiner allein das letzte Wort hat. In den letzten Minuten schließen sie den Kreis zum Beginn des Albums. Tarrs Film hat kein Happy End. Die Musik des Quartetts Werckmeister ist bei all ihren Brüchen konstruktiv.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Robert Mießner

Robert Mießner

Robert Mießner, geboren 1973 in Ost-Berlin. Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, Philosophie und Bibliothekswissenschaft. Flaniert und notiert, hört zu und schreibt auf. Herausgeber (mit Alexander Pehlemann und Ronald Galenza) von „Magnetizdat DDR. Magnetbanduntergrund Ost 1979–1990“, Buch und LP, Berlin, Leipzig und Barreiro 2023.
Mehr zum Thema

0 Kommentare