Neubauers Schulstunde aus der Antarktis: Geht's hier um Ohrenschmalz oder ums Klima?
Aktivistin Luisa Neubauer und Kinderfernsehstar Checker Tobi geben Unterricht vom Polarmeer aus. Viel trauen sie den Kindern aber nicht zu.
„Der Welt geht’s eben nicht so richtig gut“ – so will Luisa Neubauer mehr als Tausend Schüler:innen davon überzeugen, dass es wichtig ist, über den Klimawandel zu sprechen. Die Klimaaktivistin sitzt dabei vor einer eindrücklichen Kulisse gigantischer Eisberge auf dem Segelboot „Malizia Explorer“ mitten in der Antarktis. Die Schüler:innen, die ihr zuhören, sitzen hingegen am Bodensee, in Hamburg oder Berlin und haben sich per Zoom zum „Klassenzimmer aus dem Eis“ dazugeschaltet. Zu den etwa 1.300 Zoom-Teilnehmer:innen gehört auch Kika-Moderator Tobias Krell, der als Checker Tobi das Gesicht einer gleichnamigen Wissenssendung ist.
Er schaltet erst Luisa Neubauer und die freie Journalistin Lea Wowra zum virtuellen Unterricht hinzu. Die beiden sollen vom Segelschiff aus kindgerecht die Besonderheit der Antarktis erklären, aber auch von den persönlichen Eindrücken ihrer Reise erzählen. Sie berichten, dass es vor Ort gerade Sommer ist und dass es nachts nicht dunkel wird.
Kindgerecht ist hier das Stichwort, denn die Aktivist:innen, Journalist:innen und Wissenschaftler:innen haben sich bemüht, ein kindgerechtes Format zum Klimawandel zu schaffen. Das Ganze findet zur gewöhnlichen Unterrichtszeit statt und setzt nicht darauf, dass Schüler:innen nach einem anstrengenden Schultag noch Energie haben, sich mit dem Klimawandel zu beschäftigen.
Birte Lorenzen-Herrmann, früher Lehrerin und nun Leiterin des Bildungsprogramms der „Malizia Explorer“, lobt im Zoom-Call, dass die Kinder mit ihrem Interesse an Ozean und Klima einen wichtigen Schritt gehen. Dieses Wissen sei notwendig, um etwas gegen den Klimawandel tun zu können. Die geladenen Gäste erzählen vom Buckelwal und den Gletschergeräuschen. Nur eins findet erstaunlich wenig Platz: Wie schlecht es eigentlich um die Antarktis steht.
Die Dramatik der Klimakrise wird nicht deutlich
Sicher ist es interessant, dass der Gletscher nachts „richtig rumst“, wie Neubauer erzählt, oder dass das Ohrenschmalz der Buckelwale Einblicke in ihre Reisen, ihre Gesundheit und ihre Umwelt ermöglicht, wie Wowra berichtet. Aber dass die Gletscher der Antarktis im Rekordtempo an Volumen verlieren und die Eisdecke der Antarktis in diesem September sein drittniedrigstes Flächenmaximum seit Beginn der Messungen erreichte, das erwähnt in der Schulstunde niemand.
Wowra und Neubauer warnen zwar, dass das schmelzende Eis dafür sorgen könnte, dass weltweit der Meeresspiegel ansteigt. Aber sie machen diese abstrakte Gefahr nicht konkret: Dass Inseln versinken, Städte überschwemmt und Sturmfluten noch gefährlicher werden.
Dazu kommt, dass Neubauer versucht, Wortwahl und Ton eines Kindes zu mimen. Das irritiert angesichts der Tatsache, dass einige der Zuhörenden 14- bis 15-jährige Teenager sind, während andere gerade erst in der zweiten Klasse das kleine Einmaleins gelernt haben. Ein Lernformat „für alle Altersgruppen“ zu kreieren – so das selbst gesteckte Ziel der Initiative „My Ocean Challenge“, die hinter dem antarktischen Klassenzimmer steht – ist eben eine ambitionierte Aufgabe.
Sicher wollten die Veranstalter:innen den zuhörenden Kindern keine Angst machen. Dabei sind sie aber in eine leicht überspitzte Positivität verfallen, die der dramatischen Lage nicht gerecht wird. Man kann Kindern durchaus Ernsthaftigkeit zutrauen – hier wäre es nötig gewesen.
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