Netflix-Serie „Das letzte Wort“: Im Kern eine Familiengeschichte

Eine Netflix-Serie übers Sterben mit Anke Engelke: Erst ist da ein bisschen viel Klamauk, dann wird aber doch noch etwas Ganzes draus.

Filmstill

Anke Engelke in der Netflix-Serie „Das letzte Wort“ Foto: Frederic Batier

Den weisesten Satz spricht Bestatter Borowski: „Es gibt keinen richtigen Weg zu trauern, und wenn es keinen richtigen gibt, gibt’s auch keinen falschen.“ Was die Arbeit eines Beerdigungsinstituts einerseits einfach macht. Und andererseits schwer.

Wie kompliziert der Umgang mit dem Tod sein kann, das zeigt die erste Folge der sechsteiligen Netflix-Serie „Das letzte Wort“. Borowski (Thorsten Merten) trifft dort auf Karla Fazius (Anke Engelke), deren Mann Stephan auf der Silberhochzeitsfeier kopfüber ins Sammelgeschirr gekippt ist. Nun entdeckt Karla, dass er ihr einiges verheimlichte: ein verstecktes Maler-Atelier, in das der Zahnarzt sich verzog – und Schulden. Die Frau braucht also Geld und drängt sich dem maroden Bestattungsinstitut prompt als Trauerrednerin auf.

Mit der Prämisse „Partner perdu/Geld knapp“ wurden bereits zahllose weibliche Seriencharaktere zurück in die aktive Handlungsebene gelockt. Die von Aaron Lehman und Carlos Irmscher nach einer Idee von Thorsten Merten gestaltete Serie hält sich darum nicht lange mit dem „Warum“ auf, sondern nähert sich flugs dem „Wie“.

Zunächst mit einer Reihe von irritierend klamaukigen Szenen, in denen auf Engelkes parodistisches Talent gesetzt wird. „Das letzte Wort“ laboriert lange an der Grenze zwischen Sitcom und Tragödie. Die Figuren brauchen eine ganze Weile, um zu offenbaren, was sie suchen und was sie vermeintlich und wirklich wollen.

Zwar schlummert in der Tragik viel Humor, den die Serienschaffenden schürfen wollen – aber vermeintliche Inkohärenz funktioniert bei Figuren nur in Comedyformaten, wenn der Witz aus einer unerwarteten Reaktion entsteht. Dass es um die seriöse Auseinandersetzung mit dem Tabuthema Tod geht, wird spät klar.

Im Kern eine Familiengeschichte

Aber dann, irgendwann zwischen dem Bettnässen des verzagten Tonio und Judiths Suche nach dem Mann mit dem richtigen Distanzverständnis, formt sich die Serie zu einem Ganzen: Es ist, im Kern, eine Familiengeschichte, bei der die Figuren unterschiedlich viel lernen müssen – am wenigsten die angeschickerte Oma, am meisten Karla, die weder die Kunstsinnigkeit des Ehemannes noch die Bedürfnisse ihres Sohnes je ernst nahm.

Ernst nehmen wollen die Serienmacher*innen das Thema gewiss – und geraten dennoch ab und an aus der Spur. Dass „Das letzte Wort“, genau wie die US-amerikanische Bestattermilieu-Serie „Six Feet Under“, zudem pro Folge einen Todesfall verarzten möchte, scheint zuweilen zu ambitioniert: Die Eltern eines Psychopathen mit dem Satz „tief drinnen war er ein guter Junge“ zu trösten, ist abwegig. Und für die komplexe Situation, in der ein Krebskranker mitsamt Exfrau und Liebhaber auf der Matte steht, bleibt wenig Zeit.

Auch füllen die Darsteller*innen ihren Rollen unterschiedlich aus: Nina Gummich als Judith Fazius ist ein Highlight, glaubwürdig und ergreifend spielt sie eine Frau, der eigene Gefühle genauso viel Angst machen wie fremde. Gemeinsam mit Ronnie Borowski sind die beiden das interessanteste Paar der Serie. Thomas Mertens gibt Borowski seine überzeugende, wenn auch nicht überraschende Bodenständigkeit – das Verhältnis zur Meckerziegenfrau dagegen wird nicht klar: Meckert sie weil er trinkt? Oder trinkt er weil sie meckert?

Anke Engelke jedoch schafft es zu selten (oder wird von der Regie zu selten aufgefordert), Karlas emotionale Zerrissenheit offenzulegen. Oder um noch einmal „Six Feet Under“ zu bemühen: Während man sich um dessen Hauptfigur „Nate“ von Anfang an Sorgen machte, und darum von Anfang an am Haken hing, glaubt man fest an Karlas Resilienz.

Den Satz „Pietät ist wichtiger als Wahrheit“ hebelt „Das letzte Wort“ in jedem Fall genüsslich aus: Eine Szene, in der eine Frau bei der Beerdigung ihrer Mutter endlich ihren Frust hinausschreit, ist schon fast anarchistisch. Würde so etwas auf Beerdigungen öfter passieren – man hätte einiges über das Trauern gelernt.

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