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Naydar vs. GaydarNow they call me mother

Der Naydar ist der böse Zwilling des Gaydar und funktioniert wie eine Signalstörung des hetero-getunten Unterbewusstseins.

J etzt gehört uns nicht mal mehr der Gaydar. Sein Evil Twin, der Naydar, ist mit dem Gaydar nämlich so eng verwandt, dass er erst anspringt, wenn ein Hauch gleichgeschlechtlicher Intimität die Nüstern des Gegenübers umschmeichelt und es langsam die Fühler ausstreckt.

Einmal aktiviert kehrt der Naydar sich in eine Signalstörung um, die die wahrgenommene Realität um jeden Preis blockiert und im hetero-getunten Unterbewusstsein fieberhaft alternative Erklärungen am laufenden Band generiert. Einfach irgendwas ausspucken, Hauptsache nicht klar genug hinschauen, um zu merken, was ist.

Sehr beliebt unter den Naydar-Kreationen: aus einem schwulen Paar, das sich nicht die Bohne ähnlich sieht, Geschwister machen oder gleichaltrige Frauen* zu fragen, ob sie Mutter und Tochter sind.

Meine Freundin und ich haben diese erzählerische Großleistung in den letzten zwei Jahren mindestens drei mal erlebt. Auf Englisch, auf Italienisch, auf Deutsch. Am Flughafen, an der Salattheke, im Taxi. So wie ganz frisch letztes Wochenende auf Fahrt nach Hause von der Teddy Party, also der Afterparty zum queeren Filmpreis der Berlinale.

Um vier Uhr morgens und leicht beschwipst sagte ich nur mit einer Mischung aus Amüsiertsein und Genervtheit: „So alt bin ich nicht.“ Wo ich doch so auf den Swagger von älteren Lesben stehe. Meine hochverehrten OWLs, bitte verzeiht mir diese pragmatische Entgleisung!

Zu allem Überfluss musste meine Freundin sich auch noch den Spruch anhören, sie sähe aus wie 19. Zum Glück war da noch der Group Chat mit unserer Wahlfamilie, um uns live im Auto der Ausblendung bei Laune zu halten. Die Konklusion des Abends: „Straight Consciousness LIVES!“.

Zur Schau gestellte Homophobie

Und seien wir mal ehrlich. Wenn ich davon abhängig bin, wieder aus einem Land nach Hause zu fliegen, das gerade das Sprechen über Homosexualität gegenüber Menschen unter 18 kriminalisiert hat, wenn ich im einzigen Lädchen weit und breit fürs Abendessen einkaufen will, oder wenn jemand, den ich nicht kenne, ein Auto steuert, in dem ich sitze, fühlt es sich nicht unbedingt sicher an, den Naydar mit einem Realitätscheck daran zu erinnern, dass er nur existiert, weil er die gleichen Wahrnehmungsfähigkeiten wie seine Zwillingsschwester hat.

Je nach Situation wird auch sehr schnell klar, ob die fragende Person sich wirklich nur in den komplizierten Windungen des Labyrinths verirrt hat, das das Wissen um queeres Leben tief im Innern unter tausende von Jahre alten Efeuranken begraben hat, oder ob die „dumme Frage“ ganz bewusst gestellt wird, um die eigene Homophobie zur Schau zu stellen.

Ohne Machtgefälle könnt ihr euch aber da­rauf verlassen, nächstes Mal lass ich die schwule Diva raus: „Now They Call … Me … Mother!“ Wie könnt ihr es eigentlich wagen, unsere größte Auszeichnung in den Mund zu nehmen?

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Noemi Molitor

Noemi Molitor Redakteur:in

Redakteur:in für Kunst in Berlin im taz.Plan. 2022-2024 Kolumne Subtext für taz2: Gesellschaft & Medien. Studierte Gender Studies und Europäische Ethnologie in Berlin und den USA und promovierte an der Schnittstelle von Queer-Theorie, abstrakter Malerei und Materialität. Als Künstler:in arbeitet Molitor mit Raum, Malerei und Comic. Texte über zeitgenössische Kunst, Genderqueerness, Rassismus, Soziale Bewegungen.
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3 Kommentare

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  • Lowandorder

    Keine Ahnung. But.



    Kann mir nicht passieren! Woll.



    Meine Kiddies sprechen mich mit dem Vornamen an.



    Ist mir Auszeichnung genug!;))

    • Jim Hawkins

      @Lowandorder:

      Ich musste mich reinfuchsen.

      Gaydar beschreibt die Fähigkeit von Homosexuellen, andere Homosexuelle an deren Äußeren und dem Habitus zu erkennen.

      Naydar ist die Eigenart von Heteros, auf Teufel komm raus Schwule und Lesben nicht als solche erkennen zu wollen, sondern etwa ein lesbisches Paar für Schwestern, Mutter, Tochter oder Freundinnen zu halten.

      Ich für meinen Teil verfüge aufgrund häufigen Umgangs mit Schwulen und ein paar wenigen Lesben über einen ganz guten Radar.

      Ich kann sogar in Sendungen, wie der "Küchenschlacht", schwule Kandidaten ausmachen.

      Gerade auch dann, wenn sie nicht tuntig oder genderfluid daherkommen.

      Man hat es oder man hat es nicht.

      • Lowandorder

        @Jim Hawkins:

        Eben. Bin da - obwohl viele meiner Mitmusiker & das in Kölle - schwul sind.



        Aber den Kollegen - der mich morgens vier im allgemeinen SchlafengenGewusel in der Richterakademie brachial anfiel: hatte ich erst kurz zuvor gecheckt!



        Zimmer angeschlossen & er tat anschließend wie 🌷!

        unterm—- btw lange Leitung—-



        Als PulloverRichter nehme ich auf Tagungen Männer eher am Rande wahr.



        But. Brauner Anzug - geklebte Bill-Haley-Locke 2.Tag breiter Ledergürtel Jeans 👖 offenes Hemd Goldkettchen &



        Tauchte immer auf wenn ich schwimmen ging!;)



        (ps kl. Kuriosum - NRW wollte unbedingt die Richterakademie haben!



        Da legte das klamme Saarland nochn Schwimmbad drauf: & Däh - da war’s Trier!;))