Natur-Oper „Wölfe“: Mit den Wölfen singen

In Schwerin feiert Helena Tulves erste große Oper ihre Uraufführung: Die estnische Komponistin spielt darin reale Konflikte durch.

Viele Schauspielerinnen und Schauspieler spielen eine Protestszene. Auf einem Plakat steht: Wir sind kein Wolfsfutter

Der Wolf polarisiert, wird zum Politikum – und umgekehrt Foto: Silke Winkler/Staatstheater Schwerin

SCHWERIN taz | Der schotterschäbige Parkplatz vorm schmucken Neorenaissance-Portal des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin war bis zum Durchstarten des Coronavirus der Event-Ort für die Open-Air-Oper der Schlossfestspiele. Nach jahrelang defizitärem Betrieb strich der neue Intendant Hans-Georg Wegner diesen Programmpunkt.

Jetzt bezaubert das Areal zur Eröffnung des sommerlichen Veranstaltungsreigens mit einem Schäferidyll. Riesengroß in Form des Theaterlogos „M“ ist der Platz begrünt, umzäunt und mit lässig vor sich hin mähenden Schafen bevölkert. „Wir sind kein Wolfsfutter“ steht am Gehege. Dazu ist ein besonders süßes Schäfchen abgebildet. Ja, wer kann das schon wollen, dass freilebende Wölfe solche Tierniedlichkeiten zum Mitternachtsdinner verspeisen? Wenn so auf dem Signet der Bühne gegen den Wolf polemisiert wird, liegt die Vermutung nahe, das sei die Aussage der dazu im Haus gezeigten Uraufführung von Helena Tulves erster großer Oper „Wölfe“. Also nichts wie ­hinein, um das zu überprüfen.

Das Publikum nimmt die Schäfchenposition ein und Platz auf einer Kunstrasen-Weide, mit der das Parkett überbaut ist. Naturgeräusche empfangen säuselnd das Sänger:innenensemble. In Wort- und Bildprojektionen wird ein paradiesischer Urzustand Mecklenburgs beschworen: so viel Platz für vieles sei vorhanden.

Das sehen die Wölfe draußen im Land genauso: Zurückhaltend parzelliert und spärlich besiedelt ist es ideal zum Gründen neuer Reviere. Ausgerottet war das Raubtier bis Ende des 19. Jahrhunderts, aber schon nach dem 2. Weltkrieg kamen erste Exemplare wieder über die polnische Grenze, wurden aber zumeist abgeschossen. Seit 1990 gilt der wilde Grauhund ganzjährig in Deutschland als geschützt. Wolfskiller Nummer eins sind seither Autofahrer.

In Mecklenburg-Vorpommern leben derzeit 16 Wolfsrudel – eine fünf- bis zehnköpfige Familie – sowie zwei Paare und drei Einzeltiere. Die Population entwickele sich stabil, heißt es. Das bedeutet auch: 2021 waren knapp 60 Wolfsrisse mit etwa 230 getöteten und verletzten Nutztieren zu verzeichnen. Viehzüchter fürchten daher um ihre Tiere, Jäger einen Konkurrenten, viele Menschen grundsätzlich den fies-fabulösen Isegrim und das bös-listige Märchenungeheuer, andere huldigen ihm als anmutig edlem Wesen.

Projektionsfläche Wolf

Im Theater soll die Projektionsfläche Wolf nun als Problemfeld beackert und kunstvoll bestellt werden. Dafür hat Regisseurin Nina Gühlstorff mit Wolfsschützern, Naturwissenschaftlern, Waidmännern, Förstern, Abgeordneten sowie Schäfern gesprochen und aus dem Best-of der O-Töne ein Libretto gepuzzelt, garniert mit erquicklichem Fauchen, Zischeln sowie reichlich „Grrrrrrr“ und „Ahuuu“.

Der beanzugte Tenor Marius Pallesen bekommt den „Politiker“-Text und empört sich, dass Stadtbewohner die Vorstellung von der wieder wölfischen Natur Mecklenburgs lieben, ohne je solch eine graue Eminenz außerhalb des Zoos gesehen zu haben. Die Landbewohner beschweren sich, diese ahnungslose Begeisterung ausbaden zu müssen. Die Polarisierung führt zur Politisierung des Wolfs – oder umgekehrt.

Die „Aktivistin“, Sopran Morgane Heyse, verehrt ihn und möchte gar von ihm gefressen werden, nach dem Tod: „Wölfe lecken einander das Gesicht. Sie küssen. Sie sind wie wir.“ Was alle Darsteller vorführen. Zusammen mit dem Chor spielen sie auch Wolf-, Schaf-, Menschenrudel und wissen, was die „Schäferin“ braucht: Herdenschutzhunde und höhere Elektroschutzzäune.

Sie beklagt die hohen Kosten dafür und verbündet sich mit dem „Jäger“ in der These: „Die Natur schütze ich nicht, indem ich sie sich selbst überlasse.“ Gefordert wird eine Quote für die Population der Großraubsäuger und ihre Überführung aus dem Tierschutz- ins Jagdrecht. Der leicht misanthropische Naturfreund „Lonely Wolf“ entgegnet: „Wir haben viel zu viel Wild im Wald. Es frisst die jungen Bäume. Wir brauchen den Wolf“ als „Schäfer des Waldes“. Das Hin und Her der gesungenen Worte mündet im Aufstand zorniger Bürger. „Aber wie die Lämmer abgeschlachtet werden zu Ostern, das interessiert kein Schwein“, ist auch zu hören.

Intoniert wird all das in einem lyrischen, gespielt in einem expressiven Duktus mit direktem Kontakt zum Publikum. In der Begegnung auf Augen- und Ohrenhöhe kommt einem der Gesang mit geradezu physischer Intensität nahe. Aber die Musik erzählt in morphenden oder kontrastierenden Klangschichten wenig, was jenseits der Worte in den Figuren vorgeht.

Illustriert wird die mal friedlich wolfsfreie, mal wölfisch erregte Atmosphäre, vor allem aber das tumultöse Gegeneinander der Wolfsfreunde und -feinde. Was erstaunt, ist die estnische Komponistin doch bisher eher durch eine mal fragil schwebende, mal unscheinbar fließende Klangfantasie in langen musikalischen Bögen mit verwehenden Obertönen und fraktaler Melodieführung aufgefallen. Hinein bettete sie Texte von Mystikern und tief­religiösen Poeten. Jetzt ist ihre Kompositionskunst in der rauen Realität und im Reich der Opern­effekte angekommen.

Wölfe. Dokumentarische Naturoper aus Mecklenburg, von Helena Tulve und Nina Gühlstorff, Mecklenburgisches Staatstheater, Schwerin, Großes Haus. Aufführungen am 3. und 10. 7., jeweils 18 Uhr, sowie am 5., 6. und 8. 7., jeweils 19.30 Uhr

Die Regie will als Problemlösung nicht das notwendige Wolfsmanagement diskutieren, sondern das Thema vertiefen. Hierzu werden Besucher von der Wiese auf die Bühne beordert – in eine Installation blutroter Wolfsopfermahnmale, durchwuselt von einem plastik­rot gewandeten Rotkäppchen-Kinderchor. Der besingt die bürgerliche Panik, vom geraden Lebensweg abzukommen, wo das Fremde lauere: das Wölfische.

Statt zum Mitklatschen wird das Publikum nun zum wölfischen Mitheulen animiert. Passend dazu mutiert der Chor zu verwilderten Menschen und dem Verwilderungssymboltier Werwolf.

Der Aufführung geht es also nicht um Bestärkung der Schäferposition vorm Theater, sondern um Versöhnung von Natur und Mensch. Also der Akzeptanz des unzähmbar Animalischen in unserer kontrolliert durchorganisierten Kultur.

Esoterische Rituale

Gefeiert werden irgendwie esoterische Rituale, in denen das „Es“ getanzt werde, wie es in einer Szenenanweisung heißt. Aspekte wie Umweltzerstörung und Klimawandel klingen in der naturromantischen Wolfsumarmung an. Dann der Appell: „Du, geliebter grauer Hund des Waldes. Goldener König des Waldes. Bitte verschone unsere Lämmer und Zicklein, iss stattdessen Moos im Moor.“

Das ist natürlich lächerlich, denn der Wolf ist kein für den Heimgebrauch kaputtgezüchteter Kuschelhund, sondern ein Fleischfresser. Ihn kann man nicht zum Vegetarier umerziehen. Es ist zum Heulen – mit dem Wolf? Mit den Wolfsgegnern? „Wer ist der Feind?“, lautet die finale Frage der Inszenierung.

Aber so pointiert die Textfassung die gegensätzlichen Meinungen anfangs zusammenfasst, verliert die Szenenfolge zunehmend an Stringenz, wenn Märchenmotive, Unterbewusstes, Triebhaftes zu Musik und Spiel werden. Schade um diese großenteils faszinierende Kreation eines neuen Genres: der dokumentarischen Naturoper.

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