Nationalismus in Malaysia: Streit und Hetze zum Nationalfeiertag
Wegen einer falsch aufgehängten Flagge schürt die malaiisch-islamistische Partei Umno Hass. Jüngere Menschen sehen das kritisch.

D ie Malaysier freuen sich auf ihren Nationalfeiertag am 31. August. Zum 68. Mal jährt sich „Merdeka“, also die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht. Merdeka fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag. Und weil auch der Montag ein Feiertag ist, haben die malaiischen, chinesischen und indischen Malaysier sowie die Ureinwohner ein langes Wochenende.
An Regierungsgebäuden und Geschäften, an Autos und Mopeds, überall flattern schon Tage vorher Nationalflaggen getreu der Regierungsparole „1 Rumah, 1 Jalur Gemilang“ – „1 Haus, 1 malaysische Flagge“. Aber statt bei den Feierlichkeiten selbst Jalur Gemilang zu schwenken, zieht es viele Malaysier zum Bummeln in die Shopping Malls oder in den Kurzurlaub.
Die Panne mit der Flagge
Merdeka könnte also schön und entspannt sein, wäre da dem 59-jährigen Pang Chin Tiang nicht ein Missgeschick passiert. Der Einzelhändler hängte Mitte August Jalur Gemilang versehentlich verkehrt herum vor seinem Heimwerkerladen in Penang im Norden des Landes auf.
Das brachte Akmal Saleh auf den Plan, den für seine Drohgebärden gegen ethnische und religiöse Minderheiten bekannten nationalistischen Vorsitzenden der Jugendorganisation der mächtigen malaiisch-islamischen Partei Umno. Pang Chin Tiang habe aus unpatriotischen Gründen die Flagge vorsätzlich falsch herum aufgehängt, tönte der Politiker.
Malaysias Medien griffen das Thema auf. Seitdem vergeht kaum ein Tag ohne die Entdeckung angeblich vorsätzlich falsch aufgehängter Flaggen. Die Botschaft der Nationalisten ist klar: Böse Kräfte arbeiten gegen Malaysia, die Bevölkerungsmehrheit der ethnischen Malaien und den Islam als ihre Religion.
Gegen den Ultranationalismus
Für Joseph Lim, 34, sind die Flaggenfehler nur ein billiger Anlass für die Umno, sich einmal mehr als Schutzpatron der Malaien vor einer Vereinnahmung durch andere Ethnien zu inszenieren. „Bei dem Fall in Penang handelte es sich klar um ein Versehen eines malaysischen Chinesen. Das passt zur Umno-Propaganda, derzufolge malaysische Chinesen verkappte Kommunisten mit Loyalität zu China sind“, sagt der Designer.
In den sozialen Medien wendet sich die Stimmung über ethnische Grenzen hinweg gegen den spalterischen Ultranationalismus von Akmal Saleh. „Ein wahrer patriotischer Führer wird sein Land so sehr lieben, dass jedes seiner Worte und jede seiner Taten die Einheit und Harmonie des malaysischen Volkes und Landes sicherstellen wird“, schrieb die Malaiin Salmah Azlan auf Facebook und erhielt dafür viele zustimmenden Kommentare.
Ahmed Ibrahim, 37, gehört einer Runde von Expats sowie malaiischen und chinesischen Einheimischen an, die sich regelmäßig zum Stammtisch in Kuala Lumpurs Kneipenstraße Changkat Bukit Bintang einfinden. Das birgt für ihn als biertrinkenden malaiischen Muslim ein gewisses Risiko, er könnte bei einer der seltenen Polizeirazzien erwischt werden. Aber Ahmed Ibrahim gehört wie auch Salmah Azlan und Joseph Lim zur jungen Generation, die die politische, religiöse und kulturelle Gängelung leid sind.
Am Stammtisch sieht man den Flaggenstreit mit gewisser Sorge. Ein niederländischer Expat sagt: „Mit der Stimmungsmache gegen Chinesen wegen falsch aufgehängter Flaggen unterläuft Umno die Bemühung der Regierung, der sie selbst angehört, die Gräben zwischen den ethnischen Gruppen zu überbrücken.“
Für Joseph Lim war die Unabhängigkeit und Gründung der Föderation Malaya am 31. August 1957 „zweifellos ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu Malaysia“. Aber für ihn als in Sabah auf Borneo geborener malaysischer Chinese sei der „Malaysia Day“ am 16. September wichtiger. Am 16. September 1963 traten die beiden Borneostaaten Sabah und Sarawak der Föderation bei und aus Malaya wurde Malaysia. Lim sagt: „Malaysia Day repräsentiert besser das Ideal eines ethnisch harmonischen und fortschrittlichen Landes.“
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