Preise für russisches Öl steigen: Wie der Irankrieg den russischen Haushalt rettet
Russland profitiert vom Krieg in Nahost, weil seine Erdöllieferungen nicht von der Straße von Hormus abhängig sind. Doch dem Kremlregime droht bereits ein neues Problem.
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Meduza öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Die ganze Analyse ist auf Russisch verfügbar.
Russland gilt als einer der Hauptprofiteure des Kriegs im Nahen Osten: Seine Öllieferungen sind, anders als bei Saudi-Arabien, Irak, den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Exporteur:innen, nicht von der Straße von Hormus abhängig. Seit Kriegsbeginn Ende Februar ist der Preis für die russische Sorte „Urals“ von 45 US-Dollar pro Barrel auf rund 75 US-Dollar gestiegen. Zugleich haben die USA die Sanktionen gegen Russland vorübergehend gelockert.
Wie viel Russland am Krieg der USA und Israels gegen Iran verdient, hängt maßgeblich von Dauer und Intensität des Konflikts ab. Eine Eskalation im Nahen Osten, die die Weltwirtschaft in eine Rezession stürzt und die Ölnachfrage einbrechen lässt, wäre auch für den Kreml nachteilig. Profitabel wäre hingegen ein langwieriger Konflikt, der nicht vollends eskaliert, bei dem die Ölpreise einige Zeit auf hohem Niveau bleiben. Entweder wegen einer tatsächlichen Blockade der Straße von Hormus oder wegen der bloßen Drohung damit.
Es gibt verschiedene Berechnungen, wie der Krieg dem Kreml nutzt. Würde der durchschnittliche monatliche Urals-Preis um 10 US-Dollar pro Barrel steigen, brächte das dem russischen Staat monatlich Mehreinnahmen in Höhe von circa 1,63 Milliarden US-Dollar (etwa 134 Milliarden Rubel). Das hat Sergej Wakulenko, Senior Fellow am Berliner Carnegie-Zentrum für Russland- und Eurasienstudien, berechnet. Er sagt: „Steigt der Preis um 20 US-Dollar und bleibt einen Monat lang auf diesem Niveau, verdient der russische Staat rund 3 Milliarden US-Dollar zusätzlich.“ Würde der Preis wiederum um 40 US-Dollar steigen und ein halbes Jahr auf diesem Niveau bleiben, würde der Kreml 38 Milliarden US-Dollar zusätzlich erhalten. Es wäre ein Geldsegen für die angeschlagene russische Haushaltskasse.
Sollte der Krieg im Nahen Osten noch Monate andauern, könnte Russland tatsächlich seinen Haushaltsplan für 2026 erfüllen. Die russische Wirtschaft allein ist dazu nicht in der Lage. Trotz der Zusatzeinnahmen verlangsamt sie sich immer weiter, die Produktion im zivilen Sektor geht zurück.
Renteneintrittsalter könnte bald erhöht werden
Für 2026 beträgt der geplante russische Gesamthaushalt rund 44,1 Billionen Rubel (circa 464 Milliarden US-Dollar). Davon sind etwa 27,8 Billionen Rubel für Verteidigung, Sicherheit und Schuldendienst vorgesehen und machen damit den größten Teil des Haushalts aus. Für Sozialpolitik sowie zivile Bereiche wie Wirtschaft, Gesundheit, Bildung und Infrastruktur bleiben rund 16,3 Billionen Rubel übrig. Der Anteil für zivile Ausgaben ist im internationalen Vergleich eher niedrig.
Der „Ölbonus“ kommt für die russische Wirtschaft unerwartet und könnte die Behörden zumindest kurzfristig davon abhalten, bei den Ausgaben zu kürzen. Doch die strukturellen Probleme der russischen Wirtschaft bleiben ungelöst. Dazu zählen die zunehmende Schwächung des zivilen Sektors, der Arbeitskräftemangel, Defizite in den Regionalhaushalten, eine flächendeckende Verschuldung und die wachsende Abhängigkeit von China.
Ein weiteres Problem wird bislang kaum öffentlich thematisiert, gewinnt unter Ökonom:innen jedoch an Bedeutung: Wegen des demografischen Rückgangs, der Verluste unter Männern im erwerbsfähigen Alter infolge der Vollinvasion in der Ukraine, der Emigration wegen des Krieges sowie steigender Löhne und Inflation ist das sogenannte Ersatzniveau deutlich gesunken. Es beschreibt das Verhältnis von durchschnittlicher Rente zu durchschnittlichem Lohn.
Von 2018 bis 2025 fiel das Ersatzniveau von 31 auf 25 Prozent (zum Vergleich: 2012 bis 2015 lag es noch bei 35 bis 37 Prozent). Das zeigt, dass das Rentensystem zunehmend unter Druck gerät. Womöglich wird das Renteneintrittsalter in Russland bald erhöht.
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