Nachruf auf Andreas Ehrholdt: Gesicht der Proteste gegen Hartz IV
2004 initiierte er in Magdeburg Proteste gegen die Hartz-Gesetze, danach geriet er schnell in Vergessenheit. Am 25. Mai ist Andreas Ehrholdt verstorben.
Am 25. Mai ist Andreas Ehrholdt im Alter von 62 Jahren gestorben. Der Name wird vielen heute nichts mehr sagen. Vor 19 Jahren wurde er kurze Zeit zur Person des öffentlichen Interesses. Er hatte im Juli 2004 in Magdeburg mit selbstgemalten Plakaten zu Protesten gegen die Hartz-Gesetze aufgerufen, die damals von der Regierung des SPD-Kanzlers Gerhard Schröder vorbereitet wurden. Viele arme Menschen, zu denen neben Erwerbslosen auch Menschen im Niedriglohnsektor zählten, sahen dadurch weitere Schikanen und Sanktionen auf sich zukommen.
Vor allem in Ostdeutschland fand Ehrholdts Parole „Schluss mit Hartz IV, denn heute wir und morgen ihr“ viel Anklang. Jeden Montag gingen im Spätsommer 2004 unter diesem Leitsatz in fast allen ostdeutschen Städten zigtausende Menschen auf die Straße. Sie bezogen sich damit auf die Montagsdemonstrationen gegen das autoritäre SED-Regime im Herbst 1989. In Westdeutschland wurden damit deutlich weniger Menschen mobilisiert.
Ehrholdt, der nach der Wende trotz vieler Umschulungen erwerbslos war, wurde für kurze Zeit das Gesicht und auch die Stimme der Protestbewegung. Die aber spaltete sich bald in verschiedene Fraktionen, und Ehrholdt zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Der Versuch, mit einer eigenen Partei, den „Freien Bürgern für soziale Gerechtigkeit“, in die Politik einzusteigen, scheiterte schnell. Später wurde er Mitglied der Linkspartei, hatte aber dort keine Funktionen.
Dass er nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit verbittert war, zeigt der Titel seiner Autobiografie, die er im österreichischen Verlag „Novum“ unter dem Titel „Ihr habt euch selbst verraten“ herausgegeben hat. Sie fand kaum Aufmerksamkeit, was zeigt, wie schnell Ehrholdt vergessen wurde.
AfD besetzt soziale Frage
Dabei gäbe es heute einige Fragen an ihn. Wie hat er es beispielsweise geschafft, eine Protestbewegung zu initiieren, die eindeutig die Gerechtigkeitsfrage für alle in den Mittelpunkt stellte? Deswegen beteiligten sich auch Linke aller Couleur an den Protesten. Sie sorgten auch dafür, dass rechte Gruppen, die durchaus in manchen Städten an den Demonstrationen teilnahmen, nicht die Deutungshoheit übernahmen.
Die Diskussion wäre auch deshalb sehr aktuell, weil heute in Ostdeutschland die AfD die soziale Frage von rechts besetzt, sich ebenfalls auf die Montagsdemonstrationen vom Herbst 1989 bezieht und damit Erfolg hat. Dass die Rechten vor 19 Jahren noch kleingehalten werden konnten, ist nicht zuletzt auch einem Andreas Ehrholdt zu verdanken. Er sprach viele Menschen, die sich nicht als links verstehen, mit seiner Forderung nach bedingungsloser Gerechtigkeit an.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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