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Die Meeresschildkröten vor Lady Elliot Island sind nicht nur eine Touristenattraktion, sondern auch für das Korallenriff wichtig Foto: Sandy Nicholson/Redux/laif

Nachhaltiger TourismusNur noch kurz das Reisen retten

Tourismus und Naturschutz stehen oft im Widerspruch zueinander. Ein Resort am australischen Great Barrier Reef will es besser machen. Ein Ortsbesuch.

Aus Lady Elliot Island

Verena C. Mayer

E s dauert keine Minute, bis die erste Schildkröte vorbeigleitet. Fast so groß wie eine Luftmatratze, der Panzer von braun-grünem Mosaik überzogen. Mit kräftigen Zügen navigiert sie durch das Labyrinth aus Korallen, das sich unter den Schnorchelnden auftut. Plötzlich schießt eine zweite hervor. Etwas kleiner, der Panzer noch kunstvoller, wie mit kräftigen Pinselstrichen bemalt. Dann eine dritte. Als die Gruppe eine halbe Stunde später zurück aufs Boot klettert, blickt die Crew in strahlende Gesichter.

Lady Elliot Island, am südlichen Ende des Great Barrier Reefs gelegen, zählt zu den bedeutendsten Schildkrötenrefugien der australischen Ostküste. Gleich drei Arten leben rund um die kleine Insel, darunter mit der Echten Karettschildkröte eine weltweit gefährdete. Die Häufung zeigt, wie vielfältig das dortige Ökosystem ist. Denn Schildkröten, Meerestiere generell, dienen als biologischer Seismograf: Wo sie leben und nisten, sind Riffstruktur und Wasserqualität in der Regel intakt.

Ein Paradies. Für Tiere – und für Reisende, die diese Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum erleben wollen. Nur: Schutz und Schnorchelspaß, kann das zusammengehen? Das Lady Elliot Island Eco Resort, das vor rund zwei Jahrzehnten auf der Insel eröffnete, versucht Tourismus und den Erhalt eines sensiblen Naturgefüges zu verbinden.

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Lady Elliot Island liegt knapp 400 Kilometer nordöstlich von Brisbane im australischen Bundesstaat Queensland. Die Insel ist keinen halben Quadratkilometer groß, zu Fuß umrundet man sie in 45 Minuten. Anders als viele Inseln, die aus Felsen oder Vulkanen bestehen, ist diese ein Produkt von Korallen: Über Jahrtausende hinweg vermischte sich abgetragenes Korallenmaterial mit Sand, Muscheln und Pflanzenteilen.

Im Südwesten ist sie von einem Wald aus Pisonienbäumen überzogen. Rundherum wachsen Kasuarinen mit staubwedelartigen Nestern aus langen Nadeln und Küstensträucher wie das Samtblatt mit seinen ledrigen, leuchtend grünen Blättern. Mehr als 1.200 Meerestiere leben und nisten auf und um die Insel, außerdem unzählige Vögel, Frösche und Schmetterlinge.

Das war nicht immer so. Im 19. Jahrhundert wurde auf der Insel Guano abgebaut. Die nährstoffreichen Exkremente von Seevögeln waren ein wertvoller Dünger. Nach Ende der kommerziellen Förderung in den 1870er Jahren blieb eine Sandwüste zurück. Eine wissenschaftliche Arbeit aus den 1980er Jahren nennt die Insel als Beispiel für „das Schlimmste der Menschheit“: ein vollständig zerstörtes Ökosystem. Es dauerte Jahrzehnte, bis es sich langsam erholte. Die Wende kam, als Peter und Julie Gash 2005 den Pachtvertrag für die Insel übernahmen und dort die Ferienanlage aufbauten. Die Gashs trieben die Renaturierung massiv voran. Um das zerstörte Ökosystem wiederherzustellen, pflanzten sie Zehntausende einheimische Pflanzen, entfernten invasive Arten und schufen so Lebensraum für Wildtiere.

Das Lady Elliot Island Eco Resort, das heute Gäste aus aller Welt auf die Insel lockt, trägt maßgeblich zur Finanzierung der Schutzmaßnahmen bei. Rund 40 Minuten dauert der Flug vom Festland. Anfang Dezember, zu Beginn des australischen Sommers, ist die kleine Propellermaschine gut gefüllt. Vor der Landung dreht der Pilot eine Extraschleife, damit die Fluggäste die kreisrunde Insel und das blau leuchtende Wasser bewundern können, das so flach und klar ist, dass die Korallen hindurchschimmern. Dann landet er die Maschine routiniert auf der buckligen, aus einem Grasstreifen bestehenden Landebahn.

Jessica Blackmore ist Umweltmanagerin des Resorts. Sie stellt sicher, dass die Schutzmaßnahmen „nicht nur auf dem Papier stehen, sondern in der täglichen Praxis umgesetzt und kontinuierlich verbessert werden“. Entdeckt hat sie die Insel als Taucherin. Inmitten dieser „einzigartigen Meereslandschaft“ arbeiten zu dürfen, sei ihr wahr gewordener Traum. Als Master Reef Guide teilt sie Begeisterung und Wissen mit den Inselgästen. Das 2019 begonnene Ausbildungsprogramm zum Master Reef Guide verknüpft Umweltbildung und Tourismus. Master Reef Guides wie Jessica Blackmore werden zu Botschafterinnen des Riffs – und Gäste, so die Idee, zu verantwortungsvolleren Reisenden.

Wegen seiner ökologischen Bedeutung zählt das Great Barrier Reef seit 1981 zum Unesco-Weltnaturerbe. Der Schutzstatus variiert je nach Farbzone: Lady Elliot Island liegt im streng geschützten grünen Bereich. In diesen sogenannten No-take-Zonen ist Fischen verboten; das Tauchen und Boote sind unter Auflagen erlaubt. Kri­ti­ke­r:in­nen werfen Australien vor, das Land tue zu wenig für den Schutz des Riffs und gegen den Klimawandel, seine größte Bedrohung. Das Land argumentiert dagegen, sein Riffmanagement sei eines der strengsten weltweit, man könne globale Klimatrends nicht alleine aufhalten.

Koralleninseln wie Lady Elliot Island sind kleine Nährstoffbomben

Christine Dudgeon, Meeresbiologin

Das stimme, sagt Meeresbiologin Christine Dudgeon. Es brauche internationale Anstrengungen. Dennoch könnten einzelne Projekte einiges bewirken. Dudgeon forscht an der University of the Sunshine Coast in Queensland unter anderem zur Wechselwirkungen zwischen Ökosystemen an Land und der Meeresumwelt. Im Kern geht es um die Frage, wie die Widerstandsfähigkeit von Riffen in Zeiten des Klimawandels gestärkt werden kann.

Korallenriffe gehören zu den produktivsten und artenreichsten Ökosystemen der Erde, obwohl sie meist in nährstoffarmen Gewässern wachsen. Auf den ersten Blick ein Widerspruch, weil die vielen Arten sich wenige Nährstoffe teilen müssen. Der Trick: eine Symbiose mit einzelligen Algen, sogenannten Zooxanthellen. Sie versorgen die Korallen mit Energie, die sie aus Sonnenlicht und Nährstoffen im Wasser gewinnen. Im Gegenzug liefern diese Schutz und Abfallstoffe, die Algen für die Fotosynthese brauchen.

„Koralleninseln wie Lady Elliot Island sind kleine Nährstoffbomben“, meint Dudgeon. Vorausgesetzt, sie sind mit üppiger Vegetation bedeckt. Die Insel – einst kahl, heute grün und voll Leben – bietet eine einzigartige Gelegenheit, den Zusammenhang zwischen Land und Meer zu untersuchen.

Der Zustand der hiesigen Korallen sei gut, meint Dudgeon. Deutlich besser als in vielen nördlich gelegenen Regionen. Durch die Lage am südlichen Ende des Riffs ist die Wassertemperatur generell niedriger, zudem sorgt der unweit der Insel abfallende Meeresboden dafür, dass kühles, nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe an die Oberfläche gelangt. Zwar gab es auch hier erste Korallenbleichen. „Aber die Korallen haben sich sehr gut erholt“, sagt Dudgeon, das zeigten neue Messungen. Grund dafür ist neben dem kühleren Wasser das intakte Ökosystem der Insel, das die Korallen mit Nährstoffen versorgt. Aber wie kommen die Nährstoffe von der Insel zur Koralle?

Zu Fuß umrundet man die Insel in 45 Minuten,. Auf ihr und um sie herum leben mehr als 1.200 Meeres­tiere Foto: David Maurice Smith/VU/laif

Nach mehr als fünf Jahren Forschung wisse man, dass Seevögel dabei eine große Rolle spielen, sagt Dudgeon. Und davon gibt es auf Lady Elliot Island viele. Sie sind das Erste, was man sieht, hört und riecht. Der Weg zum Haupthaus, wo sich Umkleiden und Restaurant befinden, ist mit ihren weißen Hinterlassenschaften bedeckt. Die sich zersetzenden Mikroorganismen im Kot tränken die Luft mit süßlichem Duft. „Wir befinden uns mitten in der Brutsaison“, meint der Guide lachend. Als er die Gruppe zum Schnorcheln einweist, muss er zeitweise fast schreien, um das Krächzen der Vögel zu übertönen. Dank der Wiederaufforstung wurde die Insel zu einem der wichtigsten Nistplätze für Seevögel im gesamten Riffgebiet. Dezember bis März gilt als Hochzeit, denn dann sind sowohl Jungvögel als auch die flügge werdenden Küken präsent. Insgesamt mehr als 100.000, die Nährstoffe aus dem Meer oder vom Festland aufnehmen, als Kot auf die Insel bringen und so zum Schutz des Riffs beitragen.

In einer 2024 erschienenen Studie legt das Team der Forschenden dar, dass die Vegetation auf der Insel in zweifacher Hinsicht eine Rolle spielt: Sie bietet nicht nur Nistplätze, sondern beeinflusst durch die Transpiration, also die Abgabe von Wasser über die Blätter der Pflanzen, auch das Grundwasser. Regen fließt so weniger schnell ins Meer ab und verlangsamt so den Fluss des Grundwassers, das dadurch mehr Nährstoffe aufnehmen kann, bevor es ins Meer gelangt. Entscheidend dafür ist vor allem die Wechselwirkung von Transpiration und Grundwasserfluss und gar nicht unbedingt die Zahl der Vögel auf der Insel, die saisonal schwankt.

Seit 2018 wird die Wiederaufforstung auf Lady Elliot Island im Rahmen der groß angelegten Reef Islands Initiative mit privaten und öffentlichen Mittel unterstützt: Neben dem Reef Trust der australischen Regierung und der Regierung von Queensland finanzieren ein australischer Infrastrukturkonzern und eine gemeinnützige Familienstiftung die Pflanzungen mit. Das Resort beteiligt sich an der Verwaltung und Durchführung von Schutz- und Forschungsprojekten und investiert die erwirtschafteten Gewinne in die Naturschutzmaßnahmen.

wochentaz

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Als Nächstes gelte es, mehr über das sensible Nährstoffgleichgewicht zu erfahren, meint Meeresbiologin Dudgeon. Einerseits brauchte das Riff Nährstoffe zum Wachstum. Sind jedoch zu viele Nährstoffe im Wasser, kippt die Wirkung, die Algen nehmen überhand. Kürzlich begann eine Trackingstudie mit jungen Meeresschildkröten, die rund um die Insel überdurchschnittlich häufig vorkommen. „Wir glauben, dass sie ihre gesamte Jugend hier verbringen und dabei ständig Algen fressen.“ Dies spiele, so ihre Vermutung, eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Algenwachstums.

Die Ausbreitung der Makroalgen ist ein wichtiger Indikator für die Riffgesundheit. Ihre Zunahme gilt als Warnsignal für zu hohe Nährstoffbelastung oder fehlende Pflanzenfresser wie etwa Schildkröten. Überwacht wird auch die für die Riffgesundheit wichtige Vogelpopulation: Vom Weißkappennoddi, der am häufigsten vorkommenden Art, wurden 2025 mehr als 50.000 Paare gezählt – fast doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor.

Auch die Gäste werden in die Forschung eingebunden. Im Haupthaus hängen Whiteboards, auf denen sie Sichtungen eintragen können: Schildkröten, Riffhaie, Mantarochen. Die Insel ist als „Home of the Manta Ray“ bekannt. Das sogenannte Project Manta, das ihr Vorkommen und Verhalten erforscht, läuft bereits seit mehr als 18 Jahren. Durch die Citizen-Science-Projekte entstehe eine persönliche Verbindung zum Riff, sagt Umweltmanagerin Blackmore.

Im Haupthaus hat das Team ein Lernzentrum eingerichtet. Wichtig ist ihm auch die Zusammenarbeit mit Schul- und Universitätsgruppen, die trotz der entlegenen Lage und der entsprechend kostspieligen Anreise regelmäßig auf die Insel kommen. Auf Behind-the-Scenes-Touren können private Gäste, aber auch Schul- und Unigruppen hinter die Kulissen blicken und mehr über die Nachhaltigkeitsinitiativen des Resorts erfahren. „Die Touren sind wahnsinnig gefragt“, meint Blackmore lachend. Obwohl Gäste schon vor ihrem Besuch einen „Sustainability Pledge“ ablegen müssen, der sie zu umweltverträglichem Verhalten verpflichtet, habe sie das „doch ziemlich überrascht“.

Die Tour führt zu den PV-Anlagen, die jedes Dach und viele Freiflächen bedecken, und zur solarbetriebenen Anlage, mit der Meerwasser entsalzt wird. Mehr als vier Fünftel des Energiebedarfs wird durch Solarstrom gedeckt. Derzeit läuft ein Pilotprojekt, das Trinkwasser aus von Sonne erwärmter Luft gewinnt. Immerhin 60 Liter Wasser kann die simpel wirkende, aber hochkomplexe Anlage – ein schräg stehendes Panel, in dem sich Kondenswasser sammelt – an sonnigen Tagen produzieren. Bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 2,5 Litern pro Person und Tag deckt das immerhin den Tagesbedarf von 24 Gästen. Der Müll wird dreimal pro Jahr aufs Festland gebracht, Essensreste werden auf der Insel kompostiert. Das Abwasser von Duschen und Waschmaschinen wird vor Ort in der Kläranlage aufbereitet und für die Bewässerung der Landebahn verwendet, deren Grasbewuchs die Landung zumindest etwas weniger holprig macht.

Vom Weiß­kappennoddi, der am häufigsten vorkommenden Vogelart, wurden 2025 mehr als 50.000 Paare gezählt – fast doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor

Die Lage so weit draußen macht den Schutz von Flora und Fauna einfacher: Besucherzahlen können besser beschränkt werden, Industrieanlagen sind fern. Hinzu kommt die generell vorteilhafte Lage – das kältere Wasser, das Verbot von Fischfang. Dennoch kann die Insel als Blaupause für andere Orte im Riff dienen, die durch Guanoabbau oder andere menschliche Eingriffe stark verändert sind. Wegen ihrer intakten, einheimischen Vegetation zeigt sie den Wert der Wiederaufforstung. Es wurde Nist- und Lebensräume für Pflanzenfresser geschaffen und sensible Nährstoffflüsse zwischen Land und Wasser aufrechterhalten. Dudgeon plädiert für mehr allgemeine Schutzzonen, damit Meereslebewesen die empfindliche Nährstoffbalance bewahren können. „Wir wissen noch nicht genau, was sie machen. Aber wir wissen, dass sie wichtig sind.“ Dieses Wissen sei das Rüstzeug im Kampf um den Schutz des Riffs. Eine ihrer Studentinnen forscht gerade zu Seegurken, die einst rund um die Insel gefischt wurden und sich nun sehr gut erholt hätten. Ziel sei es nun, die Populationen in küstennahen Regionen wiederherzustellen.

Projekte wie dieses stimmen Dudgeon optimistisch. Sie trieben Menschen an und schenkten ihnen Hoffnung. An Orten wie Lady Elliot Island wird das ganz praktisch erfahrbar. Im Resort setze man auf die Kombination aus Bildung und einmaligen Erlebnissen, sagt Umweltmanagerin Blackmore.

Zu solchen Momenten gehört etwa die völlig überraschende Sichtung eines Mantarochens außerhalb der eigentlichen Saison, kurz bevor das Boot mit den Schnorchelnden wieder am Ufer ankommt. „Nachdem ich all das gesehen habe“, sagte eine Inselbesucherin zum Abschied, „habe ich mir geschworen, ein besserer Mensch zu werden.“

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