Nachbarschaft an der Grenze

Ein Geburtstagsberg für Finnland

Nur zu oft hat der Zufall den Stift geführt, als Menschen sich Trennlinien auf der Erde ausdachten. Zeit, das zu ändern, findet ein Norweger.

Der schneebedeckte Berg Halti an der norwegisch-finnischen Grenze.

Nicht besonders hoch, nicht besonders markant – nur mit der Geschenkschleife um den Berg Halti wird es schwierig Foto: Christina Schmidt

OSLO UND BABYLON taz | In einem Vorort von Oslo sitzt ein Mann in einem Keller und überlegt, wie er Norwegen dazu bringen kann, Finnland einen Berg zu schenken. Der Berg ist nicht besonders hoch, nicht besonders markant. Im Winter erhebt er sich aus einem Meer weißer Hügelwellen, im Sommer gibt er das Geröll preis, auf dem nur Flechten wachsen. Selten will ihn jemand erklimmen. Das Geschenk für Finnland steht in der norwegischen Tundra. Der Mann kann sich kein besseres vorstellen

Halti nennen sie den Berg in Norwegen. Haltitunturi in Finnland. Sein Rücken erstreckt sich über die Grenze hinweg. Auf der finnischen Seite markiert er den höchsten Punkt des Landes, 1.324 Meter über dem Meeresspiegel. Der Gipfel aber liegt auf der norwegischen Seite. Dort ist Halti 1.365 Meter hoch.

Der Mann in dem Keller nahe Oslo heißt Bjørn Geirr Harsson, selbst hoch und auf dem Kopf so weiß wie ein schneebedeckter Gipfel. Sein ganzes Berufsleben hat er für die staatliche Kartografiebehörde gearbeitet und dann, als die Pensionierung kam, einfach nicht aufgehört. Grenzen sind Harssons Leben. Deshalb kann er solche Feststellungen machen: „Ich habe kein anderes Land gefunden, in dem man absteigen muss, um an seinen höchsten Punkt zu kommen.“ Er hat tatsächlich danach gesucht.

Stein 303B ist verrutscht

Grenzen waren in der jüngeren Geschichte Skandinaviens oft Abwägungssache: Die Kalmarer Union, in der sich Schweden, Norwegen, Dänemark, Teile Islands, Finnlands und der Färöer vereinigten; Dänemark, das Norwegen den Status einer autonomen Region gewährte, es nach den Napoleonischen Kriegen aber Schweden überlassen musste. Und dann mischte auch das Russische Reich mit.

All das mussten Kartografen zu Papier bringen. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zogen sie zu Fuß los, um die Länder zu vermessen, über Berggipfel und durch Täler, an Flussläufen entlang. Trafen sie unterwegs auf Menschen, fragten sie: An wen zahlt ihr eure Steuern, welche Kirche besucht ihr? Dazwischen zogen sie die Grenze, einmal um das Land herum, wie ein imaginäres Band, das alles darin zusammenhalten soll.

Die Premierminis­terin antwortet: Die Idee ist schön – aber nicht mit der ­Verfassung vereinbar

Dass etwas mit der Grenze zwischen Norwegen und Finnland nicht stimmt, weiß Bjørn Geirr Harsson schon seit 1972. Anders als die erste Generation der Kartografen war er damals nicht zu Fuß unterwegs, sondern im Helikopter. Aus der Luft konnte er die Steinmarkierungen sehen. Nummer 303B stand an einer ungewöhnlichen Position – nicht auf dem Gipfel, nicht am Fuße des Berges, sondern dazwischen. Skandinavien war hier verrutscht.

„Aber ich wusste nicht, was ich mit dieser Feststellung anfangen sollte“, sagt Harsson. Also wartet er. Ein Jahr lang, zehn Jahre, Jahrzehnte, bis er 2015 in der Zeitung liest: Finnland wird bald einhundert Jahre alt. Erst 1917 wurde es unabhängig, vom Russischen Kaiserreich. „Was wäre ein besseres Geschenk als Halti?“ So sagt Harsson zu seinem Sohn, so schreibt er es auch in einem Brief an das Außenministerium, er bleibt unbeantwortet.

An diesem Punkt in der Geschichte macht sich die Idee selbstständig. Wahrscheinlich war es so: Harssons Sohn postet diese Idee seines Vaters in einem Internetforum. Dort liest ein Norweger davon und legt eine Facebookseite an. „Halti als Jubiläumsgeschenk“ heißt sie und hat heute 17.000 Fans.

So werden Journalisten auf die Idee aufmerksam, erst norwegische und finnische, dann türkische Medien, amerikanische, alle wollen von Bjørn Geirr Harsson wissen, wie er auf die Idee kam, die sie so lustig finden. Der nimmt sein Telefon und ruft einen Mann weit oben im Norden des Landes an, um ein ernstes Wort zu reden.

„Warum nicht ein Stück abgeben?“, findet der Bürgermeister

Die Macht des Bürgermeisters erstreckt sich vom Ende eines Fjordes tief in ein Tal, das einst ein Gletscher in die Berglandschaft fraß. Häuser, weiß und gelb und rot, stehen auf altem Schnee, und der Bürgermeister Svein Oddvar Leiros sitzt am Frühstückstisch seines Bruders. Die ganze Familie ist gekommen, Großeltern, Nichten, die Schwägerin aus Deutschland.

Das nächste Kino: 2 Stunden und 20 Minuten mit dem Auto. Die günstigen finnischen Supermärkte: eine Stunde. Halti: erhebt sich gleich am Ende des Tals. Der Berg gehört zu Leiros’ Verwaltungsgebiet.

Ein Mann vor Berglandschaft

„Sind ja eh nur Steine, Steine, Steine“, sagt Bürgermeister Svein Oddvar Leiros Foto: Christina Schmidt

Svein Oddvar Leiros ist ein Mann, der es gemütlich mag. Wenn er erzählt, was ihm wichtig ist, sind das: Seine Familie, die Kommune und dass jeder, der seine Nachbarn unangekündigt besucht, einen Kaffee bekommt. Als Bürgermeister kümmert er sich darum, dass die einzige Straße, die in die nächste Stadt Tromsø führt, besser wird, und darum, dass die Schule im Ort bleibt, obwohl sie so klein ist.

Landflucht ist auch in Norwegen ein Problem, erst recht nördlich des Polarkreises. Die Städte wachsen, Wohnraum wird knapp und teurer, die kleinen Gemeinden am Leben zu erhalten auch. Es ist Svein Oddvar Leiros’ Aufgabe, 2.200 Menschen zusammenzuhalten. Und seit Neuestem auch einen Weg zu finden, ein Stück von Norwegen abzuspalten. Denn der Anruf aus Oslo ging an ihn.

Wie er denn die Idee mit dem Geburtstagsberg fände, fragt ihn Bjørn Geirr Harsson aus Oslo am Telefon. „Es sind friedliche Zeiten“, antwortet ihm Svein Oddvar Leiros, „warum sollte Norwegen nicht ein Stück abgeben?“ Und er sagt auch: „Dort sind ja eh nur Steine, Steine, Steine.“

„Immer eine Lösung für Grenzkonflikte“, sagt der Geograph

Also schreiben sie einen zweiten Brief, dieses Mal direkt an die Premierministerin.

In seinem Berufsleben hat Bjørn Geirr Harsson erst Norwegen vermessen, später die Grenzen anderer Länder zurechtgeschoben. In Westafrika beispielsweise, wo er Guinea, Gambia, Mauretanien, Liberia und Kap Verde beraten hat. Dort überlappten die unterschiedlichen nationalen Grenzen mit den internationalen Zonen, und so wurden Linien zu handfesten politischen Krisen.

Wo darf welches Land fischen und nach wessen Recht? Und: Wie messen wir das nach? Am Ende führten Harssons Bemühungen nicht nur dazu, dass die Länder sich auf Grenzen einigen konnten – sondern auch dazu, dass sie ihre Daten und Messungen zum ersten Mal nicht mehr voreinander geheim hielten. Sie begannen zu kooperieren.

„Es gibt immer eine Lösung für Grenzkonflikte“, sagt er. Nur in Israel und Palästina konnte er keine finden. „Wenn etwas als gottgegeben gesehen wird, sind alle Verhandlungen unmöglich.“

Im Reich der Rentiere

Monate später bekommen die beiden Männer tatsächlich eine Antwort auf ihren Brief. Sie ist von der Premierministerin unterschrieben. Und fällt knapp aus. Die Idee ist wirklich schön, schreibt sie – aber leider nicht mit der Verfassung vereinbar. Die verbietet es der Regierung, Teile des Landes abzuspalten.

Doch Bjørn Geirr Harsson liest nur: Die Idee ist wirklich schön.

Sie schreiben erneut. „In einer Welt, in der Nationen sich bekriegen, würde Norwegen als friedliebende Nation hervorstehen, wenn es einem Nachbarland Territorium anbietet, ohne dass dieses sich bemüht hat, es zu bekommen“, schreibt Harsson. Und weiter: „Wenn die Juristen der Regierung daran festhalten, dass ein Areal von etwa 0,01 Quadratkilometern nicht als Geschenk zum 100-jährigen Bestehen an Finnland gegeben werden kann, so könnte Finnland doch ein gleich großes Areal zurücktauschen.“

Das ist Harssons Lösung: ein Tausch. Weil es solche Deals in der Vergangenheit gab, hält er sie für verfassungskonform.

Tore Fossli dreht Babylon den Rücken zu, nimmt einen Schluck Selbstgebrannten aus der Plastikflasche und fällt seinem besten Freund und dann seiner Freundin in die Arme. So machen sie das ab jetzt alle paar Minuten, immer wenn ein paar Kilometer auf den brummenden Schneemobilen überwunden sind. Schluck. In die Arme fallen. Weiterfahren.

Manchmal steht Fossli auch einfach nur da. Schüttelt den Kopf. Seine eisblauen Augen haften auf dem, was vor ihm liegt. Eine Gruppe aus Gipfeln, einige kantig, andere weich, sie glitzern in der Abendsonne, die auf den Schnee scheint und dieses milde Licht verbreitet. Der höchste: Halti.

Norwegen gehört der Berg gar nicht, sagt der Same Fossli

Babylon, das ist dort unten, am Fuße des Berges, das Dorf des Bürgermeisters mit den Sorgen um Straßen und Schulen. Es ist auch Norwegen, dieses Land der reichen Menschen und der Arbeit, die Leuten wie ihm den Rücken krümmt, bis er schmerzt. Fossli gehört dort nicht richtig dazu. Er ist ein Same, Nachfahre eines alten Volkes, das von Rentierzucht lebte.

Wie er die Idee mit dem Berg findet? Er zuckt mit den Schultern. Eigentlich, sagt er, kann Norwegen ja gar nicht über einen Berg entscheiden, der dem Land nicht gehört. Halti gehört für ihn den Samen. Deren Reich, Sápmi, lag nun mal in Finnland, Schweden, Norwegen und Russland, lange bevor es diese Länder gab.

Und so liegt die Welt hier oben hinter eigenen Grenzen. Für Fossli, weil hier für ihn das Paradies ist: das kleine weiße Zelt, das er mit Rentierfellen auslegt, der zugefrorene See, in den er Löcher bohrt, um zu angeln. Für die Samen sowieso, weil sich manchmal Rentiere norwegischer Samen mit Rentieren finnischer zusammenschließen und weiterziehen. Nur die Staatsgrenze, die sich Menschen vor Jahrhunderten ausgedacht hatten, ist nicht zu sehen. Schweift der Blick nach Westen, erheben sich weiße Hügel, schweift er nach Osten, Norden, Süden auch, und ein Reisepass ändert daran nichts.

Es ist mitten in der Nacht und die Sonne nur kurz hinter den Horizont getaucht. Sollen wir nicht nach Finnland fahren, fragt Fosslis Freundin. In die Bar, gleich hinter der Grenze? Ja, beschließen sie. Das Bier ist dort so billig.

Norwegens Außenministerium beschließt bald darauf: Finnland soll eine Skulptur bekommen.

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