Nach Absturz zweier Boeing-Maschinen

Schwere Vorwürfe gegen US-Behörde

Die US-Flugaufsicht FAA soll bei der Sicherheitskontrolle der Boeing 737 Ingenieure des Herstellers eingesetzt haben. Jetzt prüft die Regierung den Fall.

Ein Flugzeug fliegt vor weiß-blauem Himmel, auf dem Bauch stehen die Zahlen 737 und die Buchstaben M A X

Früher Hoffnungsträger für den Hersteller, jetzt Unglücksflieger: Boeings 737 Max 8 Foto: Mustafa Yalcin

BERLIN taz | Rund eine Woche nach dem Absturz der zweiten Boeing 737 Max 8 innerhalb weniger Monate werden erhebliche Zweifel an der Sorgfalt der US-Behörden bei der Zulassung dieses Flugzeugtyps laut. Nach einem Bericht des Wall Street Journal untersucht das US-Verkehrsministerium die Zulassung der Boeing 737 Max 8 durch die Luftfahrtbehörde FAA. Danach prüft das Verkehrsministerium seit dem ersten Absturz der 737 in Indonesien, ob das Steuerungssystem MCAS für den Unfall verantwortlich ist. Außerdem beschäftigt sich die US-Staatsanwaltschaft mit dem Fall. Eine Grand Jury in Washington hat dem Bericht zufolge mindestens eine Person vorgeladen, die mit der Entwicklung der Boeing 737 Max 8 befasst war.

Beim Absturz eines Flugzeugs dieses Typs Ende Oktober in Indonesien waren 189 Menschen ums Leben gekommen, bei dem einer Maschine gleicher Bauart in Äthiopien am vorvergangenen Sonntag starben 157 Personen. Mittlerweile verdichten sich die Hinweise, dass es bei beiden Unfällen Probleme mit der Steuerungssoftware gab.

Der Flugschreiber der in Äthiopien abgestürzten Maschine wird zurzeit in Frankreich ausgewertet. Erste Ergebnisse zeigen der äthiopischen Verkehrsministerin Dagmawit Moges zufolge „eindeutige Ähnlichkeiten“ mit dem Absturz der Maschine in Indonesien. Beide Flugzeuge sind kurz nach dem Start im Sturzflug auf die Erde geprallt. Die Vermutung: Ein Sensor hat falsche Informationen an die Steuerungssoftware gesendet, die daraufhin den Steilflug abwärts ausgelöst hat.

Nach einem Bericht der Seatt­le Times setzt die US-Aufsichtsbehörde FAA zunehmend bei Sicherheitsprüfungen von Boeing-Maschinen Ingenieure des Herstellers ein. Bei der Zulassung der 737 durch die FAA soll es zu groben Verstößen gekommen sein, vor allem beim Flugkontrollsystem MCAS. Dieses System ist so konzipiert, dass es ohne Eingreifen des Piloten aktiv wird. Weil die Motoren bei der 737 Max 8 sehr weit vorne angebracht sind, soll die Software selbstständig den Auftrieb der Maschine korrigieren.

Europäische Flugsicherheit schweigt

Die FAA soll dem Bericht zufolge auch bei der Sicherheitsanalyse für MCAS auf Ingenieure von Boeing zurückgegriffen und wichtige Informationen nicht bekommen haben: Der Computer soll das Höhenruder sehr viel mehr bewegen können, als die FAA erfahren hat. Pikant: Das entstandene Dokument zur Sicherheit stellt die FAA dem Bericht zufolge anderen für die Flugsicherheit zuständigen Behörden etwa in Kanada oder in Europa zur Verfügung.

Damit sind die Versäumnisse der US-Behörden auch hierzulande ein Thema. In der EU werden Flugzeuge in zwei Schritten zugelassen. Die nationalen Behörden, in Deutschland etwa das Luftfahrtbundesamt, erteilen die Verkehrszulassung. Dieser Vorgang ist vergleichbar mit den Kfz-Zulassungsstellen, bei denen Autos angemeldet werden. Voraussetzung dafür ist die technische Zulassung eines Flugzeugtyps, die seit 2003 auf europäischer Ebene erfolgt. Verantwortlich dafür ist die in Köln sitzende Europäische Agentur für Flugsicherheit, die European Union Aviation Safety Agency (EASA). Bis Redaktionsschluss antwortete die Agentur nicht auf taz-Anfrage, ob sie bei der Zulassung der Boeing 737 Max 8 die Angaben der US-Behörden ungeprüft übernommen oder eigene Untersuchungen angestellt hat.

Für Deutschland hat nach Angaben des Luftfahrtbundesamtes keine Fluggesellschaft die Zulassung für eine Boeing 737 Max 8. In der EU war bislang eine niedrige zweistellige Zahl unterwegs. Für die von Airlines weltweit eingesetzten 350 Maschinen gilt nahezu überall ein Flugverbot.

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