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NS-ZeitzeuginnenGegen das Schweigen

Bei einer Veranstaltung der Omas gegen Rechts berichten vier Zeitzeuginnen aus ihrer Kindheit in der NS-Zeit. Sie geben Einblicke in die deutsche Gesellschaft vor und nach 45.

Renate Seifert, Petra Michalski, Hanelore Klemp Foto: Fotos Doro Zinn
Nicolai Kary

Aus Berlin

Nicolai Kary

7. Mai 1945. Es ist Hannelores 14. Geburtstag. Es gibt Kuchen, den ihre Mutter gebacken hat – um „Normalität zu wahren“, sagt die heute 94-Jährige. Dass das Datum ein historischer Tag ist, sei ihr erst später bewusst geworden. „Die Propaganda verkündete immer noch den Endsieg“, erinnert sie sich. „Dass Teile der Wehrmacht in den Tagen zuvor kapituliert und Hitler in der Reichskanzlei Selbstmord begangen hatte, war nicht verkündet worden.“

Am 8. Mai trat die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht in Kraft. Die junge Hannelore erlebte diesen Tag in dem kleinen Dorf Waldkirchen im Erzgebirge. Zusammen mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern war sie dorthin evakuiert worden, um den Luftangriffen der Alliierten zu entkommen. Flüchtlingstrecks passierten das Dorf, Menschen, die aufgrund der herannahenden russischen Armee flohen. „Die Angst vor den Russen wurde uns allen eingeimpft“, sagt Klemp.

Hannelore Klemp ist eine von vier Zeitzeuginnen, die am vergangenen Freitag vor Publikum von ihrer Kindheit im Nationalsozialismus berichtete. Etwa 100 Menschen waren gekommen, um den Geschichten von Klemp, Renate Seifert, Petra Michalski und Ruth Almuth Lehmann zu lauschen. Michalski, die Jüngste von ihnen, ist 1937 geboren. Die älteste, Renate Seifert, kam 1928 zur Welt. Ihnen ist es wichtig, ihre Erinnerungen an die jüngeren Generationen weiterzugeben, auch als Mahnung. Besonders sind ihre Zeitzeuginnenberichte auch, weil sie, im Gegensatz zu vielen anderen ihrer Generation, mit dem Schweigen gebrochen haben.

Sie alle wurden in ein Land hineingeboren, das von menschenverachtender Ideologie, von allgegenwärtiger Gewalt, der antisemitischen Propaganda des Nationalsozialismus und dem Mord an den europäischen Juden geprägt war. Aufgewachsen sind sie in einer Gesellschaft, die über den Holocaust schwieg, umgeben von Nazi-Ideologen, Tätern und Mitläufern.

Die Räumlichkeiten für die Veranstaltung mit den Zeitzeuginnen stellte die Hansabibliothek an der Altonaer Straße im Hansaviertel. Viele im Publikum gehörten älteren Generationen an, doch es waren auch einige Jüngere und wenige Jugendliche unter den Teilnehmenden. Maßgeblich organisiert wurde die Veranstaltung von den „Omas gegen Rechts“ aus Reinickendorf, mit Unterstützung des Vereins „Sonay soziales Leben“. Der Verein setzt sich dafür ein, dass sich Se­nio­r:in­nen und Jugendliche gegenseitig unterstützen.

Namen im Vorfeld nicht bekannt gegeben

Die Namen der vier Zeitzeuginnen wurden im Vorfeld der Veranstaltung nicht bekanntgegeben. Die Entscheidung habe man auch vor dem Hintergrund möglicher Angriffe von rechts und aus „Fürsorgepflicht für die alten Damen“ getroffen, erklärt Patricia von den Omas gegen Rechts der taz, die nicht mit ihrem vollen Namen in der Zeitung stehen möchte. Man sehe ja, was beispielsweise in Brandenburg passiere, sagt sie. Die Zahlen rechter Gewalt nehmen auch dort zu und erreichen immer wieder neue Höchstwerte.

Zu Beginn nahm Hannelore Klemp das Publikum für etwa eine halbe Stunde mit in ihre Kindheit. Seit Jahrzehnten schreibt sie ihre Erinnerungen nieder, erzählt wortreich und bildhaft. Die Sammlung war zunächst für ihre Familie gedacht, erst später ergab sich die Verwendung als Zeitzeugenberichte. Die Frage, wie sie ganze „zwölf Lesestunden“ voller Erinnerungen auf einen rund 30-minütigen Vortrag kürzen könne, habe ihr schlaflose Nächte bereitet, berichtet Klemp. Auch einige Angehörige von ihr sitzen im Publikum, dankbar, dass sie ihre Familiengeschichte aufgeschrieben hat.

Präsent ist in Klemps Erzählungen etwa die Angst vor Bombenangriffen der Alliierten, ihre zahlreichen unfreiwilligen Umzüge im Rahmen sogenannter „Kinderlandverschickungen“ – ein Programm der Nazis, um Kinder vor den Luftangriffen zu evakuieren – und die Suche eines Kindes nach Antworten auf Fragen der Moral. So fragte sich die kleine Hannelore angesichts von Luftangriffen der Royal Air Force, was sie fühlen darf: Sollte sie sich über den Abschuss eines britischen Bombers freuen, oder darf sie Mitleid empfinden? „Mutti sagte immer, es gibt überall gute und böse Menschen“, so erinnert sich Klemp.

Stiller Tag der Befreiung

Und auch von dem 8. Mai, den Tag der Befreiung, erzählt sie detailreich. Als die Rote Armee in Waldkirchen eintraf, wurde klar, dass der Krieg vorbeiging. An diesem Tag wurde sie von einem lauten Knall geweckt. Ein russisches Militärfahrzeug war im Dorf liegen geblieben, wohl aufgrund eines technischen Defekts. „Ich kann mich weder an Jubelschreie noch an Glockenleuten erinnern, wie ich das damals erwartet hätte“, schildert Klemp. „War das, weil wir nicht gewonnen hatten?“, habe sie sich damals gefragt.

Die beiden Zeitzeuginnen Renate Seifert, Jahrgang 1932, und Ruth Almuth Lehmann, geboren im Jahr 1928, haben in den ersten Reihen im Raum Platz genommen. Das Publikum bekommt Ausschnitte von rund einstündigen Interviews mit ihnen zu sehen, die der Verein Sonay soziales Leben im vergangenen Jahr veröffentlicht hat.

Ruth Almuth Lehmann Foto: Doro Zinn

Aufgewachsen ist Seifert in Rixdorf, sie nennt sich deshalb auch eine „Berliner Göre“. Ihr Vater, ein bekennender Nazi, starb 1939 an den Folgen einer Lungenentzündung, erinnert sich Seifert im Interview. Sie selbst war, wie für die meisten deutschen (im NS-Sinne „arischen“) Mädchen im Alter zwischen 14 und 18 üblich, im Bund Deutscher Mädel (BDM), einer Organisation, die Kinder und Jugendliche systematisch indoktrinierte.

Seifert erinnert sich daran, wie sie von Erwachsenen gemaßregelt wurde, weil sie einem Mann, der einen Judenstern trug, geholfen hat, als ihm Äpfel auf die Straße fielen. Sie half ihm dabei, die Äpfel wieder aufzusammeln. „So was tu nicht wieder“, habe es dann geheißen. Auf diese Weise wurde der Antisemitismus schon früh Teil der Kindererziehung.

Und auch an die Novemberpogrome im Jahr 1938 erinnert sie sich. Von einem Laden, bei dem ihre Mutter immer einkaufen ging, seien die Schaufenster eingeschlagen worden. „Ich wünsche mir, dass die Menschen lernen, aus Geschichtsereignissen ihre Lehren zu ziehen“, sagt Seifert.

Anerzogene Hitler-Begeisterung

Lehmann erinnert sich daran, dass sie ein „begeistertes Jungmädel“ gewesen sei und dass sie Hitler zu dieser Zeit, wie sie sagte, als einen „Halbgott“ verehrte. Der Jungmädelbund war die Organisation der Hitlerjugend für Mädchen im Alter von zehn bis vierzehn Jahren.

Auch daran, dass die Hitlerbilder, die in vielen Haushalten hingen, im letzten Moment versteckt oder zerstört wurden, erinnert sich Lehmann. „Die müssen auch bei uns gehangen haben“, sagt sie. Auch den Schlips und Knoten, Bestandteile ihrer Uniform der „Jungmädel“, die ihr als Kind etwas bedeuteten, ließ ihre Mutter verschwinden. Für sie ist es das erste Mal, dass ihre Geschichte vor einem großen Publikum zu hören ist. Es sei wichtig, „zu fragen, zu hinterfragen und auf keinen Fall zu schweigen und kein Mitläufer zu sein“, sagt Lehmann.

Ich gehe davon aus, dass mein Vater sehr viel gewusst haben muss, aber auch ihn habe ich nicht befragt

Ruth Almuth Lehmann

Mit Blick auf die Verbrechen der Nazis sagt die heute 94-jährige: „Ich gehe davon aus, dass mein Vater sehr viel gewusst haben muss, aber auch ihn (…) habe ich nicht befragt, weil ich seinerzeit auch nicht motiviert war.“ Weil sie selbst aus einer Generation komme, die geschwiegen habe, sei es ihr heute so wichtig, über ihre Erinnerungen zu sprechen.

Lehmann ist bei den Omas gegen Rechts engagiert. Das Schweigen erlebe sie auch heute, beispielsweise dann, wenn im Verwandtenkreis gesagt werde, „über Politik redet man nicht“. „Das ist für mich heute unmöglich“, sagt Lehmann im Video-Interview.

Verdienstvolle Erinnerungsarbeit

Eine andere Perspektive trägt an diesem Abend die im Jahr 1937 geborene Petra Michalski dem Publikum vor. Es ist die Geschichte von „stillen Helden“. Wenn man mit Michalski U-Bahn fährt, heißt es von der Moderation, werde sie oft von jungen Menschen wiedererkannt. Sie geht in Schulen, um Schü­le­r:in­nen von ihrer Geschichte und der ihres Mannes zu erzählen. Ihr Mann, Fritz Michalski, ist inzwischen verstorben. 2023 haben die beiden für ihr Engagement in der Erinnerungsarbeit das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Michalski wuchs in einer jüdisch-christlichen Familie auf, die aus Argentinien eingewandert war. Ihr Mann, Fritz Michalski, war Sohn einer jüdischen Mutter und daher antisemitischen Repressalien und der Verfolgung ausgesetzt. Doch bei ihren Bemühungen, dem zu entkommen, stießen sie immer wieder auf Hilfe durch Außenstehende. So habe etwa ein Polizist, Alfons Thienelt, der Gestapo die sogenannte „Judenkartei“ von Fritz Michalskis einige Zeit zurückgehalten, um Maßnahmen zu verzögern. Auch auf ihrer Flucht erhielten sie Unterstützung, etwa durch Gerda Mez, eine Arbeitskollegin des Vaters von Franz Michalski, die ihre Kennkarte zur Verfügung stellte.

Viele Gäste bleiben auch nach der Veranstaltung noch eine Weile, um über das Gehörte zu sprechen. Gesprächsstoff gibt es genug.

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