Museumsdirektorin über -politik

„Mein Geschmack ist nicht wichtig“

Von der Trophäen-Schau zur kritischen Ausstellung: Sabine Schulze hat das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe komplett umgemodelt.

Hat Hamburgs Museum für Kunst und Gewerbe politischer gemacht: Sabine Schulze Foto: Miguel Ferraz

taz: Frau Schulze, warum gehen Sie 2018 schon in Rente, zwei Jahre vor der Zeit? Wurden Sie abgeworben?

Sabine Schulze: Nein, gar nicht. Mit 63 finde ich, kann es auch mal gut sein. Nächstes Jahr werde ich zehn Jahre in Hamburgs Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) sein, das ist eine schöne Zeit. Die Entscheidungsfindung war für mich ein Prozess. Ein Vertrag läuft aus, und bevor ich einen neuen abschließe, muss ich überlegen: Was hast du getan und was willst du unbedingt noch tun? Natürlich hat man immer Pläne und Ideen, aber ich konnte verwirklichen, was mir für die Entwicklung des MKG wichtig war. Ich bin froh über das, was geleistet ist und freue mich, wenn jemand anders neue Akzente setzt.

Gab es auch private Gründe?

Ja, da habe ich viele Pläne, für die mir bisher Zeit und Kraft fehlten. Zum Beispiel in die Südsee reisen oder nach Kuba, nach Indien … Das MKG verlasse ich mit einem gutem Gefühl: Das Haus wird überregional sehr gut wahrgenommen, sodass sich gute Kollegen für diese Position interessieren werden.

63, ist seit Juni 2008 Direktorin von Hamburgs Museum für Kunst und Gewerbe und Gewerbe (MKG). Die von Hamburgs Senat angebotene Vertragsverlängerung über den 31. 5. 2018 hinaus hat sie abgelehnt.

Kommt auf die Rahmenbedingungen an. Verbringen Sie mehr Zeit mit den Inhalten oder mit der Geld-Akquise?

Mit der Akquise, und das hätte ich natürlich lieber anders herum. Aber das Problem haben auch Kollegen in anderen Häusern. Es gehört heute nicht mehr zum Profil eines Direktors, dass er in der Arbeitszeit Fachbücher liest, leider.

Es gibt in Deutschland nur noch fünf, sechs Kunstgewerbe-Museen. Ist die Gattung überholt?

Gar nicht, nur der Name klingt altmodisch. Was unter diesem Deckmantel firmiert, sind sehr unterschiedliche Sammlungsbestände. Kein anderes Haus vereint wie wir Werkgruppen aus der Antike, Ostasien, dem islamischen Raum und zugleich die modernen Medien Fotografie, Plakatkunst und Mode. Das ist eine riesige Bandbreite, sodass der kunstgewerbliche Nukleus – Möbel von Renaissance bis Jugendstil – hier nur ein Aspekt ist.

Kommunizieren Sie mit den anderen Häusern?

Wir sind in einem regen Austausch, kürzlich wurde ein Netzwerk der europäischen Kunstgewerbe-Museen gegründet, wir treffen uns regelmäßig. Dabei sprechen wir nicht nur über Leihgaben, sondern vor allem über Grundsatzfragen: Wie sieht unser gesellschaftlicher Auftrag heute aus? Was können wir für die Integration von Geflüchteten tun? Alle wollen wegkommen von dem Image, dass es in der angewandten Kunst allein um Luxus geht.

Geht es das nicht?

Eine Ausstellung über Luxus hätte ich tatsächlich gern noch gemacht. Dabei müsste die Frage sein: Wie definieren wir Luxus heute? Über das Material oder den Seltenheitswert eines Objekts, über seinen Preis – oder ist auch mehr Zeit für die Familie eine Form von Luxus?

Anfangs war das Haus eine Gewerbeschule mit Musterstücken, an denen sich Kunsthandwerker orientieren sollten. Spätere Direktoren haben Meißner Porzellan angekauft und das Haus konservativ ausgerichtet. Finden Sie das gerechtfertigt?

Das Wort „konservativ“ würde ich nicht benutzen. Alle Generationen haben sich jeweils aktuellen Fragen zugewandt. Das allererste Objekt des MKG ist eine Bouillon-Tasse von Sèvres. Parallel wurden die Abteilungen Textil, Fotografie – damals eher Dokumentarfotografie – Musikinstrumente angelegt. Geht es nicht darum, das historische Erbe jeweils den zeitgenössischen Ansprüchen zuzuführen? Zum Beispiel haben Antiken-Ausstellungen im Haus eine große Rolle gespielt. Unvergessen Tutenchamun, vor 30 Jahren mit 600.000 Besuchern die erste Blockbuster-Ausstellung in Deutschland!

Aber wären Ausstellungen wie „Pracht und Macht am Dresdner Hof“ überhaupt nach Ihrem Geschmack?

Ich wüsste nicht, warum ich das heute in Hamburg zeigen sollte. Dazu können wir nach Dresden fahren, dort gibt es großartige Sammlungen. Ganz Dresden ist ja ein Kunstgewerbemuseum, das den lokalen Kontext gleich miterzählt.

Ausstellungen dieser Art liefen vor Ihrer Zeit sehr gut; das Museum war ein Hort großbürgerlichen, hanseatischen Selbstverständnisses. Und ob man „Pracht“ oder – wie Sie – den Umgang mit Plastikmüll thematisiert, ist schon ein Politikum.

Ich bin froh, dass wir ein breites Publikum für politische Projekte gefunden haben. Das mussten wir natürlich aufbauen, aber gerade diese konsumkritischen Ausstellungen haben inzwischen großen Zulauf. Das war zunächst nicht absehbar, insofern waren Ausstellungen wie „Klimakapseln“ über das Wohnen im Klimawandel, „Endstation Meer? Das Plastikmüll-Projekt“, „Food Revolution“ und „Fast Fashion“ über die prekären Arbeitsbedingungen in der Textilbranche durchaus Experimente.

Zumal es ein Kehrtwende ist, keine Trophäen mehr zu zeigen, sondern die Sammlung kritisch zu bearbeiten.

Unbedingt. Hinzu kommt die Provenienzforschung, die wir seit 2010 als erstes deutsches Kunstgewerbe-Museum proaktiv betreiben. Wir erforschen, ob etwa Meißner Porzellan während des Nationalsozialismus jüdischen Besitzern geraubt wurde. Bei einem Gemälde in einem Kunstmuseum fällt diese Recherche leichter, denn ein Gemälde ist ein Unikat. Unsere Objekte sind oft in größeren Auflagen hergestellt, da ist es schwer herauszufinden, welches das geraubte ist. Aber wir haben Methoden gefunden und weiten unsere Provenienzforschung jetzt aus.

In Richtung Kolonialismus-Provenienz?

In den letzten Jahren haben wir die Herkunft unserer drei im 16./17. Jahrhundert entstandenen Skulpturen aus Benin – dem heutigen Nigeria – erforscht. Sie kamen im 19. Jahrhundert durch unseren Gründungsdirektor Justus Brinckmann in unser Haus. Beeindruckende Werke! Aber sie sind keine Kunstwerke im europäischen Verständnis, sie haben eine Identität stiftende Bedeutung für die Kultur ihres Herkunftslandes. Damit müssen wir sensibel umgehen. Wir werden sie demnächst im Rahmen unserer „Raubkunst?“-Ausstellung zeigen und ihre Provenienz offenlegen.

Viele Ihrer Ausstellungen galten dem Design. Wie wichtig ist Ihnen dessen politischer Aspekt?

Er ist zentral. Ein Designer greift in den Alltag ein und trägt Verantwortung. Ich hoffe, dass Designer auch in Zukunft Vorschläge machen, wie wir besser mit Ressourcen umgehen können. Schon jetzt werden neue Materialien erfunden und auf Massentauglichkeit geprüft. Da passiert an den Hochschulen sehr viel. Darüber informieren wir, wenn wir Studenten der Hochschule für bildende Künste einladen, sich an Ausstellungen wie „Klimakapseln“ und „Food Revolution“ zu beteiligen.

Die Schau „Fast Fashion“ zeigte die andere Seite des Designs, die prekären Arbeitsbedingungen in indischen Textilfabriken. Diskreditieren Sie damit nicht Ihre eigene Mode-Abteilung?

„Fast Fashion“ wollte aufrütteln: Müssen wir uns in jeder Saison neu entwerfen, brauchen wir diese vollen Schränke? Eine Statistik sagt, dass in Deutschland ein Kleidungsstück 1,4 mal getragen wird und dann auf den Müll wandert. Dafür wollten wir Bewusstsein wecken und Verantwortungsgefühl. Leider sind die Produktionsbedingungen der Luxus-Labels nicht besser … Unsere Modeabteilung erwirbt hauptsächlich alternative Textilien. Das darf aber nicht das einzige Auswahlkriterium sein, denn Mode sagt viel aus über gesellschaftliche Konventionen.

Und wie passten Mariam Mekiwis Fotos der ägyptischen Revolution ins Profil?

Die Ausstellung „Kairo. Bilder einer anhaltenden Revolution“ fragte – auch vor dem Hintergrund unserer eigenen Fotoabteilung – nach der Rolle der angewandten Fotografie. Es ging um Bürgerjournalisten, die ihre Handy-Fotos ins Internet stellen. Sie haben unsere Wahrnehmung der Ereignisse in Ägypten geprägt.

Wohingegen man Ausstellungen wie „Mythos Chanel“, „Apple“, „Fenomen Ikea“ eine zu große Nähe zum Konzern vorwarf.

Die Kritik erfolgte unabhängig von der jeweiligen Ausstellung, uns wurde unterstellt, mit den Firmen zu kooperieren. Das war nie der Fall, es gab keine finanzielle Unterstützung und dementsprechend keine Abhängigkeit. Das ist entscheidend. Wir dürfen kein Showroom eines Labels sein! Die Ikea-Ausstellung habe ich auch nicht als Werbung empfunden. Wir haben uns kritisch auseinandergesetzt mit den Formadaptionen und den verwendeten Materialien. Aber wir haben auch aufgezeigt, dass Ikea unseren Lebensstil verändert hat. Ich habe als Studentin möbliert gewohnt – in gruseligsten ausrangierten Möbeln! Insofern ist es schon ein Gewinn, wenn sich heute auch ein Student ein eigenes Bett leisten kann. Es war uns wichtig, Vor- und Nachteile zu zeigen.

Ganz allgemein: Welches Stück möchten Sie persönlich unbedingt noch ankaufen?

Im Grunde bin ich wunschlos glücklich. Wir konnten in den letzten Jahren tolle Stücke erwerben! Mein eigener Geschmack ist nicht wichtig, die kulturhistorische Bedeutung eines Objektes zählt. Das Spannende an der angewandten Kunst ist ja, dass wir in dem Augenblick, in dem wir ein Objekt benutzen, oft nicht ahnen, dass es später Signet einer Epoche sein wird. Was im Alltag funktioniert, wird ja meist nicht mit Zeitlosigkeit und Museum in Verbindung gebracht.

Ist die Trennung zwischen Kunst und angewandter Kunst, von der auch Ihr Haus lebt, überhaupt noch sinnvoll?

Künstler denken nicht in diesen Hierarchien, auch unsere Besucher nicht. Für mich ist diese Differenzierung überholt!

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