Münchner Atomreaktor wird 50: Verstrahlte Geburtstagsfeier
Das "Atom-Ei", erster deutscher Atomreaktor bei München, wird 50 Jahre alt. Über einen atomaren Geburtstag und die Proteste einer Bürgerbewegung.
MÜNCHEN taz Am Mittwoch wird groß gefeiert in Garching bei München, samt Beckstein, dem Bürgermeister - und einem handfesten Zensurskandal. Vor 50 Jahren wurde auf dem Campus der TU München der erste deutsche Atomreaktor in Betrieb genommen, weithin bekannt als "Atom-Ei".
Seit 2001 läuft als Nachfolger die umstrittene Neutronenquelle "FRM II" im Regelbetrieb. Tumorpatienten werden dort behandelt, Metallstrukturen wie etwa ICE-Reifen durchleuchtet oder der Verbrennungsvorgang in Motoren beobachtet. Betrieben wird die 500 Millionen Euro teure Anlage mit hochangereichertem Uran 235 (HEU). Als Spaltprodukt fällt, wenn auch nur in Grammmengen, atomwaffenfähiges Plutonium an.
Vor allem diesen Risikopunkt thematisiert seit Jahren die Initiative "Bürger gegen Atomreaktor Garching" rund um Gina Gillig. Doch an der Technischen Universität München, einer der Elite-Unis im Land, will man nichts davon hören. Im Gegenteil: Die Hochschulleitung ließ in den vergangenen Wochen mindestens einmal Plakate abmontieren, die am Rand des High-Tech-Campus aufgestellt waren und die zu einer Diskussionsveranstaltung aufriefen. Vor zwei Wochen verschwanden das erste Mal sechs Ständer, danach bekam Gillig einen Brief der TU, dass die Plakate "ohne Genehmigung" aufgestellt worden seien und in der Hausmeisterei abgeholt werden könnten.
Pünktlich zur Geburtstagsfeier, bei der die Bürgerinitiative zwei Infostände aufbaut und Luftballons fliegen lassen möchte, sind wiederum Plakate verschwunden. "Am Freitag war ich bei der Polizei und habe meine Strafanzeige entsprechend erweitert", sagte Gillig am Montag der taz, schließlich seien die Plakate ordnungsgemäß bei der Gemeinde Garching angemeldet worden. "Ich nehme an, dass sie wiederum von der TU entfernt worden sind."
Dort gibt man sich unschuldig: "Das ist ein ganz normaler Vorgang eines Grundstückseigentümers", so Sprecher Ulrich Marsch zur taz. Das Gelände gehöre dem Freistaat und sei der TU überlassen worden, was das Wissenschaftsministerium bestätigt. "Wir wollen verständlicherweise keine Negativwerbung auf unserem Grundstück." Vor allem wolle man keine irreführende Werbung, so Marsch. Der TU-Sprecher legt Wert darauf, dass FRM II kein Atomreaktor sei. "Landläufig versteht man darunter einen Energiereaktor, wir aber erzeugen Neutronenlicht in unserem Reaktor. So sollte man besser von einer kerntechnischen Anlage oder Forschungseinrichtung sprechen."
So viel Schönrederei bringt inzwischen auch die Landtagsgrünen in Rage. "Das ganze Verhalten der TU ist lächerlich und das Leugnen des Atomreaktors besonders", so die Grünen-Landtagsabgeordnete Ruth Paulig gegenüber der taz.
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