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Mülleimer wuchten„Ich hoffe, dass ich bis zur Rente bleibe“

Ann-Kathrin Grüttner arbeitet bei der Straßenreinigung Bremen-Nord, doch aus der Stadt ist sie weggezogen: Sie lebt mit ihren Pferden auf dem Land.

Friederike Gräff

Interview von

Friederike Gräff

taz: Wie sind Sie zur Straßenreinigung gekommen, Frau Grüttner?

Ann-Kathrin Grüttner: Ursprünglich habe ich beim Umweltbetrieb nebenan als Gärtnerin gearbeitet, aber hatte immer nur Jahresverträge. Irgendwann, mit Mitte zwanzig, will man ja mal einen festen Vertrag. Hier bei der Straßenreinigung gab es eine Ausschreibung, und dann habe ich einfach die Tür gewechselt. Beim Winterdienst war ich sowie schon bei der Straßenreinigung dabei, und mein neuer Einsatzleiter war dort schon mein Einsatzleiter gewesen.

Im Interview: Ann-Kathrin Grüttner

Die Frau

Ann-Kathrin Grüttner, 31, ist gelernte Gärtnerin. Seit 4 Jahren arbeitet sie bei der Straßenreinigung Bremen-Nord. Dort ist sie für das Entleeren der öffentlichen Mülleimer zuständig, arbeitet aber auch in den sogenannten Handkolonnen, wo etwa Gullys gereinigt werden. Ihre liebste Tätigkeit: Trecker fahren im Winterdienst. Sie lebt auf einem kleinen Resthof in Niedersachsen, wo sie Pferde, Hunde, Katzen und andere Tiere hält.

Der Arbeitsplatz

Die Straßenreinigung Bremen-Nord ist für 300 Kilometer Straßen und 94 Kilometer Radwege zuständig, kümmert sich aber auch um das „öffentliche Begleitgrün“ am Straßenrand und um 400 Papierkörbe. In ihren Bereich fallen zudem 10.000 Gullys, von denen 1.250 immer wieder von Hand gereinigt werden müssen. Zu den eingesetzten Fahrzeugen gehören Kehrmaschinen und Sammelfahrzeuge, die etwas kleiner sind als die Müllautos für den Hausmüll.

Der Einsatzleiter, Dieter Bauch, ruft aus dem Nebenzimmer: Sie war uns schon immer positiv aufgefallen, und als wir Mitarbeiter gesucht haben, haben wir gefragt, ob sie nicht wechseln will. Die Straßenreinigung legt Wert darauf, sofort unbefristete Verträge zu machen, es ist eine andere Betriebspolitik, dass man erst gar nicht so mit diesen Jahresverträgen anfängt.

taz: Sind Frauen die Ausnahme unter den Mitarbeitenden?

Grüttner: Wir sind hier etwa 25 Leute plus. Und ich bin die einzige Frau.

taz: Warum sind es so wenige?

Grüttner: Vielleicht haben sie Angst? Keine Ahnung, ich weiß es nicht.

Der Einsatzleiter aus dem Nebenzimmer: Ich komme ja von der Berliner Stadtreinigung. Da sind Frauen Potenzial, es bewerben sich viel mehr als hier. Hier scheuen sich die Frauen noch, auf die Straße zu gehen.

taz: Ist das auch eine Frage von Imagekampagnen? Die sind ja bei den Stadtreinigungen insgesamt flotter geworden.

Grüttner: Es ist halt kein typischer Frauenberuf. Und es ist körperlich anstrengend. Ein netter Kollege hat letztens ausgewogen, dass die Säcke, die man ins Fahrzeug heben muss, 10 bis 15 Kilo wiegen.

Der Einsatzleiter: Es ist ein Vorurteil, dass Frauen weniger Kraft haben. Ann-Kathrin ist gleichwertig wie ein Mann.

taz: Was haben Sie denn als Teenager gedacht, was Sie mal werden würden?

Grüttner: Ich habe zwei Ausbildungen gemacht. Zuerst als gestaltungstechnische Assistentin. Aber da habe ich ganz schnell gemerkt, dass am PC zu sitzen nichts für mich. Dann habe ich mich wirklich überall handwerklich beworben, auch als Maler, Lackierer, und habe tatsächlich das Erstbeste angenommen als Gärtner.

taz: War das anfangs für Sie gewöhnungsbedürftig, nach dem Gartenbau nun mit Müll umzugehen?

Grüttner: Ich habe das ja auch im Gartenamt drei Mal pro Woche gemacht. Man muss sich vielleicht zu Beginn dran gewöhnen, es stinkt halt. Aber man gewöhnt sich an alles.

taz: Wie entscheidet man eigentlich, wann genügend Müll gesammelt ist und die Straße ausreichend sauber ist?

Grüttner: Jeder hat seinen unterschiedlichen Standard. Wann ist die Straße sauber? Wenn da kein Müll, also richtiger Müll liegt.

taz: Sind Sie selbst ordentlich?

Grüttner: Ich bin eher ein schlampiger Mensch.

taz: Hat die Arbeit dann ein bisschen etwas Pädagogisches für Sie, weil Sie sich manchmal zusammenreißen müssen?

Grüttner: Bei den Mülleimern weiß ich, was passiert, wenn ich sie nicht leeren würde. In der Handkolonne bin ich meist nur Mitfahrer. Wenn mein Vorarbeiter sagt, mach das, dann mache ich es auch. Aber ich könnte kein Vorarbeiter sein.

taz: Finden Sie es gut, dass man Sie schon von fern an Ihrer Dienstkleidung erkennt?

Grütter: Nein. Schöner wäre es weniger auffällig. Aber so wird man vielleicht nicht plattgefahren. Oder man kann einen unterm Auto rausziehen, weil man sieht, wo man liegt.

taz: Was mögen Sie an Ihrer Arbeit?

Grüttner: Die Freiheit: Ich bin die meiste Zeit alleine und kann alleine planen, wo ich hinwill und wozu ich gerade Lust zu habe, wie ich meinen Tage, meine Arbeit und meine Touren einteile. Und dass es insgesamt ein gutes Team ist.

taz: Fühlen Sie sich dafür zuständig, dass es in Bremen-Nord schön ist?

Grüttner: Gestern war ich hier und dachte mir: Kommt, Leute, ihr wohnt doch hier. Wollt ihr es nicht schön haben? Aber Bremen-Nord ist ein bisschen anders als Niedersachsen, wo ich wohne.

taz: Sagen Sie den Leuten, die etwas auf die Straße werfen, auch mal: „Hier ist der Mülleimer“?

Grüttner: Nein, da bin ich nicht der Mensch für.

taz: Freuen sich die Leute, wenn Sie mit Ihrem Wagen vorbeikommen?

Grüttner: Letzte Woche gab es tatsächlich welche, die sich bedankt haben. Aber das ist eher die Seltenheit. Heute morgen haben sich Leute beschwert, dass sie noch schliefen und warum Krach gemacht würde. Das ignoriere ich dann. Wir arbeiten nun mal.

taz: Wie früh sind Sie denn unterwegs?

Grüttner: Um 6 Uhr fahren wir hier am Hof los.

taz: Wenn Sie aus Niedersachsen kommen, wann stehen Sie dann auf?

Grüttner: Um halb vier.

taz: Sind Sie Frühaufsteherin?

Grüttner: Jein. Ja.

Der Einsatzleiter aus dem Nebenzimmer: Im Winterdienst sind wir noch früher.

Grüttner: Genau. Im Winterdienst werden wir um 4 Uhr angerufen. Da bin ich im Straßenräumdienst. Dann fahre ich Trecker. Viele Leute sagen, das macht keinen Spaß. Aber es gibt nichts Schöneres, als morgens, wenn da noch keiner durchgelaufen ist, den Schnee durch die Gegend zu schmeißen. Also mit dem Trecker. Handkolonne ist nicht so meins.

taz: Was ich immer wieder faszinierend finde, ist die Gelassenheit der Fah­re­r:in­nen von Müllautos, wenn es sich hinter ihnen staut. Ist das etwas, was man sich antrainieren muss?

Grüttner: Irgendwann hat man es raus. Wenn die Leute meinen, da Stress machen zu müssen, dann werde ich einfach noch langsamer. Wenn es lange dauert, brauche ich fünf Minuten – so viel Zeit hat jeder Mensch, der auf der Straße unterwegs ist.

Gartengeräte an einer Wand
Die Arbeitsgeräte der Straßenreinigung

Foto: Hannes von der Fecht

taz: Das klingt so, als hätte die Arbeit Sie auch verändert.

Grüttner: Ich glaube, das ist das Erwachsenwerden.

taz: Würden Sie sagen, dass die Stadtreinigung gerade als Frau ein guter Ort dafür ist? Im Sinne von „Ich weiche jetzt nicht zurück, ich fege hier weiter“?

Grüttner: Das ist nicht immer einfach. Da ist es ganz cool, wenn ein Kollege dabei ist. Ich hatte einmal die Situation, dass ich vor unserem Lkw lief und Gullys reinigte. Es war ein ganz komischer Mensch in meiner Nähe, aber ich hatte Augenkontakt zu meinem Kollegen und dachte: Er wird hoffentlich gleich rauskommen und mir helfen. Das hat er dann hinterher auch gesagt: Wäre der Mensch noch einen Schritt näher gekommen, dann wäre er ausgestiegen. Ich will mich da nicht mit Leuten anlegen.

taz: Wie reagieren Leute, wenn Sie erzählen, dass Sie bei der Stadtreinigung arbeiten?

Grüttner: Manche fragen natürlich. Warum machst du das? Aber ich hoffe, dass ich bis zur Rente bleibe. Ich bekomme immer pünktlich mein Geld, ich kann pünktlich anfangen und habe pünktlich Feierabend.

taz: Und Ihre Eltern, was sagen die?

Grüttner: Mein Vater lebt nicht mehr. Meine Mutter ist auch im öffentlichen Dienst, in der Reinigung. Denen war immer wichtig, dass ich einen Job habe, wo ich glücklich bin. Und das bin ich hier inzwischen. Und ich konnte mir den Traum vom Haus erfüllen.

taz: Was für ein Haus ist das?

Grüttner: Ein kleiner Resthof, den ich zusammen mit meinen Eltern gekauft habe. Jetzt lebe ich dort mit meiner Mutter. Auf unserer Ecke stehen vielleicht 10, 15 Häuser, und im Dorf leben 300 Einwohner. Aber eigentlich komme ich aus Bremen.

taz: Warum sind Sie weggegangen?

Grüttner: Ich habe sieben Pferde, und irgendwann ist es ein Kostenfaktor, die fremd einzustellen. Inzwischen haben wir auch Hunde, Katzen, Hühner, Wachteln und Schildkröten.

taz: Dann legen Sie zu Hause nicht die Beine hoch.

Grüttner: Irgendwann mal zwischendurch. Aber selten.

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taz: Hat Ihre Familie Ihnen das Handwerkliche gezeigt?

Grüttner: Mein Opa. Und ich habe tatsächlich mit zehn meinen ersten Akkuschrauber geschenkt gekriegt, das ist für ein Mädchen nicht unbedingt typisch.

taz: Wer hilft Ihnen bei der Arbeit auf dem Hof?

Grüttner: Meine Mutter kümmert sich mit. Alleine würde ich es nicht schaffen. Seit mein Vater getötet wurde, fehlt natürlich eine Person. Aber man lernt, damit umzugehen.

taz: Ich hoffe, die Frage ist nicht übergriffig, aber weil Sie es so offen formuliert haben: Ihr Vater wurde getötet?

Grüttner: Er wurde von einem betrunkenen und unter Drogen stehenden Autofahrer übersehen. Das prägt. Wir hatten ein halbes Jahr vorher den Hof zusammen gekauft. Danach standen hier bei der Arbeit alle hinter mir, das war eine große Unterstützung.

taz: Wie sah die praktisch aus?

Grüttner: Ich war erst einmal krankgeschrieben. Aber auch in der Zeit danach, wenn ich gesagt habe, das geht gerade nicht, war das kein Problem. Am Tag, als ich zur Polizei ging, um über den Stand der Ermittlungen zum tödlichen Unfall meines Vaters informiert zu werden, wurde ich von meinen beiden Vorgesetzten abgeholt.

taz: Sie wirken wie jemand, der offen über diesen Verlust spricht.

Grüttner: Das habe ich gelernt. Ich werde noch einige Jahre damit leben. Wenn man es immer wieder verdrängt, wird es einen kaputt machen.

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