Morgendliche Runden: An sich selbst vorbeilaufen
Bin ich eigentlich noch ganz? Gedanken eines Morgens, an dem man seinem Konterfei auf der Straße begegnet.
W ie ein Wiegenlied wirkt momentan der Klingelton meines Weckers auf mich. Bis ich den Übergang von der Traumwelt in die reale Welt schaffe, hat er bestimmt schon eine Stunde lang alle zehn Minuten geklingelt.
Ich denke an meinen Nachbarn, dessen Küche direkt neben meinem Zimmer liegt und der wahrscheinlich so daran gewöhnt ist, diese morgendliche Melodie zu hören, dass er sie gar nicht mehr wahrnimmt, oder vielleicht mischt sie sich einfach mit dem Radio, das bei ihm immer läuft.
Das Erste, was ich tue, sobald ich es geschafft habe, auf den Beinen zu stehen, ist, die Kaffeemaschine anzustellen. Während der Kaffee durchläuft, gehe ich auf den Balkon und schaue nach meinen Pflanzen: ob es neue Triebe gibt, ob eine von ihnen wegen der extremen Temperaturen vertrocknet ist oder ob die Ameisen noch immer Krümel vom Tisch davontragen.
Dann gehe ich joggen. Ich laufe an der Kindl-Treppe vorbei, die meine Freundin und ich für das Festival „48 Stunden Neukölln“ mit Bildern tapeziert haben. Auf einigen dieser Bilder bin ich porträtiert, und ich frage mich, ob es nicht komisch ist, an sich selbst vorbeizulaufen. Bin ich noch ganz? Hat jemand vielleicht eines der Bilder mit mir darauf abgerissen? Das frage ich mich jedes Mal.
In der Hasenheide folge ich ebenfalls meinen Routinen: Am Teich essen Eichhörnchen und Meisen aus meiner Hand. Mit Blick auf Schwäne und Enten mache ich Liegestütze und andere Kraftübungen, dann laufe ich weiter. Die Kiefern duften besonders intensiv, wenn es so heiß ist, und ich genieße es, meinen Lieblingsgeruch so tief einatmen zu können.
Zum Schluss trinke ich noch einen Kaffee vor meiner Haustür und quatsche mit den Nachbar*innen, denen ich zufällig begegne. Erst dann, müde, aber glücklich, kann ich den Arbeitstag beginnen.
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