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Vor der Wahl in Sachsen-AnhaltUnter der Regenbogenflagge

Noch bevor die AfD in Sachsen-Anhalt haushoch gewinnt, steht in Berlin eine Gruppe von Männern unter einer Flagge. Mit grimmigen Gesichtern holen sie tief Luft.

E s ist der Abend vor der Sachsen-Anhalt-Wahl. Nebeneinander aufgereiht stehen zwölf breitschultrige Männer zwischen dreißig und sechzig, sie tragen Lederjacken und Bärte und schauen grimmig geradeaus. Dort, vor ihnen, hebt ein weiterer Mann langsam zwei Finger. Eins, zwei, drei. „Und wenn ein Mann, einen Mann liebt, soll er ihn lieben, wenn er ihn liebt…“

Das Dach in Schöneberg wird von einer Lichterkette beleuchtet, die aussieht, wie aus einer Zeit, als in den Lampen noch etwas glühte. Über den Männern hängt eine Regenbogenflagge. Um sie herum stehen die Gäste. Es ist ein fünfzigster Geburtstag.

Die meisten Geladenen sind wohl in den 90gern nach Berlin gekommen. Noch lange bevor irgendjemand darüber nachgedacht hätte, das „SchwuZ“ oder das „Andere Ufer“ zu schließen. Beim Singen rücken ihnen die Augenbrauen eng zusammen. „Und wenn ein Bär eine Sau liebt, soll er sie lieben, wenn er sie liebt. Denn ich will, dass es das alles gibt, was es gibt. Ich will, dass es das alles gibt.“

Sollte die AfD in Sachsen-Anhalt die Regierung stellen, hat sie angekündigt, den Sexualkundeunterricht radikal zu kürzen und umzustellen. Für traditionelle Familienwerte und gegen „sexuelle Abweichungen“, so wie „nicht-reproduktive Lebensweisen“ wolle sie eintreten. Ob dann noch ein Bär eine Sau lieben darf?

Das Lied von André Heller geht zu Ende. Als letztes stimmt der kleine Chor „Bella Ciao“ an. Kurz hat es den Anschein, als gäbe es nur Tenöre unter den Lederjacken. Mit Engelsstimmen rufen sie die Partisanen an und besingen, wie aus ihren Gräbern Blumen wachsen. „Es besteht eine enge Beziehung zwischen Blumen und Sträflingen“, heißt es bei Genet. „Die Fragilität, die Zartheit der einen ist von derselben Natur, wie die brutale Gefühllosigkeit der anderen“.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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