Mord an Äthiopierin in Italien: Trauer um Unternehmerin Gudeta

Die Ziegenzüchterin Agitu Ideo Gudeta war ein Symbol für gelungene Integration in Italien. Nun wurde sie offenbar von ihrem Mitarbeiter umgebracht.

Ein Polizist steht vor einer mit Absperrband verschlossenen Tür

Gudetas Anwesen in Frassilongo, einem Bergdorf 20 Kilometer östlich von Trient Foto: imago images / ZUMA Wire

ROM taz | Hunderte Menschen kamen am Mittwochabend im norditalienischen Trient zusammen, um mit Kerzen in der Hand in einem Schweigemarsch der am Vortag ermordeten Agitu Ideo Gudeta zu gedenken. Viele von ihnen kannten die 42-jährige Äthiopierin persönlich – ihre Freunde nannten sie Aghi – aus ihrem kleinen Laden mitten im Stadtzentrum oder auch von ihrem Stand, an dem sie immer am Donnerstag auf dem „Markt der solidarischen Ökonomie“ ihre Ziegenkäse verkaufte.

Doch nicht nur Trient zeigte sich schockiert von ihrem tragischen Schicksal. Sämtliche Zeitungen, alle TV-Nachrichten berichteten prominent von dem Mord und vor allem von der Frau, die ihm zum Opfer fiel, die jetzt unisono als „Beispiel gelungener Integration“ geschildert wurde.

In der Tat konnte die Ziegenzüchterin Agitu Gudeta einen mehr als ungewöhnlichen Lebensweg aufweisen. Schon als 18-Jährige war sie aus Addis Abeba nach Trient gekommen, um dort Soziologie zu studieren. Nach dem Abschluss kehrte sie zunächst in ihr Heimatland zurück, engagierte sich an der Seite von Bauern in der Mojo-Region gegen die Landnahme durch internationale Konzerne, gegen den Bau einer Zementfabrik. Dies trug ihr schließlich einen Haftbefehl ein, und vor gut zehn Jahren floh sie zurück nach Italien, zurück nach Trient.

Dort musste sie völlig von vorn beginnen – und sie traf eine ungewöhnliche Wahl. Später berichtete Gudeta, sie habe den Umgang mit Ziegen von ihrer Großmutter gelernt, deshalb habe sie beschlossen, in dem Alpenidyll vor den Toren Trients eine Ziegenzucht zu betreiben. Sie nahm sich einer vom Aussterben bedrohten Rasse an, der Mochena-Ziege, robust und deshalb in der Lage, das ganze Jahr draußen zu verbringen, mit dem Nachteil jedoch, dass bei ihr der Milchertrag eher gering ist.

In Harmonie mit den Tieren

Elf Hektar vorher aufgelassener Weiden pachtete sie in Frassilongo, einem kleinen Bergdorf 20 Kilometer östlich von Trient, hielt zuletzt dort etwa 50 Ziegen, aus deren Milch sie 20 verschiedene Bio-Rohmilch-Käse herstellte, die ihr nicht nur reichen Kundenzuspruch, sondern im Jahr 2015 auch den „Käse-Widerstandspreis“ von Slow Food bescherten.

Damals gefragt, warum sie sich die Mühe eines Zwölf-Stunden-Tags antue, erklärte sie, da handele es sich weniger um Arbeit als um „Kontemplation“, sie lebe in der Bergwelt ein Leben in Harmonie mit den Tieren, aber auch mit ihren Kund*innen, denen sie am Ende ein ebenso gutes wie gesundes Produkt anbieten könne.

Der Erfolg weckte das öffentliche Interesse an Agitu Gudeta. Medien aus ganz Italien, aber auch die Süddeutsche Zeitung berichteten über sie. An der Seite der früheren EU-Kommissarin Emma Bonino berichtete Agitu Gudeta am 8. März 2017 vor dem Verein der Auslandspresse in Rom von ihren Erfahrungen als migrantische Unternehmerin. In Frassilongo jedoch wurde sie vor zwei Jahren das Opfer rassistischer Anfeindungen eines Nachbarn, der sie als „schmutzige N*****in“ beschimpfte, sie und ihre Herde terrorisierte – und am Ende zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt wurde.

Deshalb kam nach dem Mord an Gudeta sofort der Verdacht auf, die Tat habe einen rassistischen Hintergrund. Am Ende aber gestand ein Mitarbeiter, migriert aus Ghana, er habe seine Chefin mit einem Hammer erschlagen, angeblich in einem Streit über ausstehende Lohnzahlungen. Doch womöglich handelt es sich um einen klassischen Femizid: Der Täter gestand ebenfalls, er habe Agitu Gudeta erst niedergeschlagen und dann vergewaltigt.

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