: Mörderische Ernte
In Kalabrien werden vier Erntehelfer getötet. Der Landwirt, auf dessen Hof sie tätig waren, kann trotzdem weiter auf Hunderttausende Euro EU-Subventionen hoffen. Wie kann das sein?
Von Pascale Müller, Simon Guichard und Jonas Seufert
Das Überwachungsvideo einer Tankstelle im süditalienischen Amendolara dauert nur wenige Sekunden. Zwei Männer gehen um einen Minivan herum. Einer drückt von außen gegen die Türen, hält sie zu. Das Auto wackelt. Aus dem Inneren steigt Rauch auf. Dann bricht die Aufnahme ab.
Als die Feuerwehr den Wagen am 2. Juni erreicht, findet sie darin vier Leichen. Die Toten sind Erntehelfer aus Afghanistan und Pakistan, zwischen 19 und 29 Jahre alt. Ihre mutmaßlichen Mörder: Arbeitsvermittler.
Ein Mann überlebt. Er heißt Taj Mohammad Alamyar und kommt aus Afghanistan. Sein Boss habe Benzin im Wagen vergossen, nach einem Streit über unbezahlten Lohn. Dann habe er den Wagen angezündet. Alamyar sagt, er habe den Kofferraum aufgestemmt und sei geflohen. Zuvor seien er und die anderen Arbeiter mit einem Messer bedroht worden, um sie zur unbezahlten Arbeit zu zwingen. Die Tatverdächtigen gehörten zu einem „Mafianetzwerk“, das Arbeitskräfte für die Gewächshäuser und Obstplantagen Kalabriens anwerbe und ausbeute.
Das Überwachungsvideo macht sichtbar, was auf Europas Feldern meist im Verborgenen bleibt: die Gewalt, die ein System billiger Erntearbeit zusammenhält.
Während die Ermittler den Fall aufarbeiten, lässt sich eines bereits nachvollziehen: Der Betrieb, auf dessen Feldern die Männer arbeiteten, erhält jedes Jahr hohe EU-Agrarsubventionen. Dem italienischen Transparenzregister zufolge flossen 2024 mehr als 200.000 Euro an Tenute Zuccarella. Im Jahr darauf stieg die Fördersumme auf rund 680.000 Euro. Innerhalb von nur zwei Jahren erhielt das Unternehmen damit fast 900.000 Euro an Steuergeldern aus der Kasse der EU.
Tenute Zuccarella gilt als Aushängeschild der lokalen Landwirtschaft. Das Unternehmen bewirtschaftet rund 300 Hektar Land und produziert in hoch technisierten Gewächshäusern Erdbeeren, Mangos und Avocados. Nach Unternehmensangaben liegt der Jahresumsatz bei rund 15 Millionen Euro.
Unternehmenschef Rocco Zuccarella erklärt gegenüber der italienischen Zeitung Il Post zwar, dass er ein Unternehmen beauftragt habe, für die Ernte migrantische Arbeitskräfte einzustellen. Ob in seinem Betrieb aber Vermittler, in Italien caporali genannt, tätig seien, wisse er nicht. Der Zeitung La Repubblica gegenüber erklärte er zudem: „Wir haben per Banküberweisung bezahlt; wir sind diesen Migranten nie persönlich begegnet.“
Laut Zuccarella hätten die Opfer jeweils 350 Euro für fünf Arbeitstage mit täglich sechseinhalb Stunden Arbeit erhalten – „einschließlich Pausen zum Ausruhen, Essen und Toilettengang“. Die taz konnte diese Angaben nicht überprüfen. Sie widersprechen aber Aussagen des Überlebenden Taj Mohammad Alamyar, der gegenüber der Polizei angegeben hat, ihm seien 45 Euro am Tag in bar versprochen worden. Seine ermordeten Kollegen und er hätten jedoch seit dem 20. April keinen Lohn mehr erhalten.
Die taz hat Tenute Zuccarella um Stellungnahme zu den Vorwürfen und Widersprüchen gebeten, aber keine Antwort erhalten.
Foto: Antonio Pisacreta/Ropi
Immer wieder kommt es auf europäischen Feldern zu eklatanten Verstößen gegen das Arbeitsrecht – Subventionen fließen jedoch weiterhin. Mehr als 50 Milliarden Euro Fördergelder gießt die Europäische Union im Rahmen ihrer Gemeinsamen Agrarpolitik jährlich in die europäische Landwirtschaft.
Davon profitieren auch Betriebe, auf deren Feldern nachweislich gegen das Arbeitsrecht verstoßen wurde, gegen die Strafverfahren laufen oder die bereits wegen Verstößen verurteilt wurden. Das hat 2025 eine internationale Recherche von taz, FragDenStaat, DeSmog, El Salto, L’Humanité, L’Espresso und Profil herausgefunden.
Eigentlich hatte die EU erst vor wenigen Jahren ein Instrument geschaffen, um genau solche Zahlungen zu unterbinden und Betriebe zu sanktionieren, die sich nicht an Sozialstandards halten: die sogenannte soziale Konditionalität. Die Morde von Amendolara zeigen, dass dieses System nicht funktioniert.
Einer der vielen Gründe dafür ist die Art, wie landwirtschaftliche Arbeit organisiert ist. In vielen Fällen stellen Betriebe Erntehelfer nicht selbst ein, sondern nutzen Vermittler. Diese Unternehmen oder Einzelpersonen organisieren die Arbeitskräfte, bringen sie auf die Felder und sind oft auch für Löhne und Arbeitsbedingungen zuständig. In Italien heißt dieses System caporalato und steht häufig im Zusammenhang mit organisierter Ausbeutung und kriminellen Strukturen.
So entsteht eine strukturelle Lücke: Der formale Empfänger der Subventionen ist der landwirtschaftliche Betrieb, der konkrete Verstoß wird aber häufig bei einem Vermittler, einem Partner- oder Tochterunternehmen verortet. Selbst in tödlichen Fällen wie in Amendolara ist damit nicht klar, ob und gegen wen Sanktionen greifen.
„Für den Arbeits- und Gesundheitsschutz ist der Eigentümer des Feldes verantwortlich. Die Vorschriften zum Arbeitsschutz gelten in jedem Fall – auch dann, wenn der Landwirt die Beschäftigten nicht direkt angestellt hat“, sagt Enrico Somaglia, Generalsekretär des europäischen Gewerkschaftsverbands EFFAT, der taz.
Seine Gewerkschaft arbeite daran, verbindliche Vorschriften für Subunternehmer und Arbeitsvermittler einzuführen. Es sei wichtig, die soziale Konditionalität in der Gemeinsamen Agrarpolitik zu stärken und auch auf Erzeugergemeinschaften anzuwenden. Sie steht jedoch massiv unter Druck. „Eine Reihe von Ländern, angeführt von Deutschland, versucht, sie abzuschaffen – das ist beschämend“, sagt Somaglia.
Die Morde lösten in Italien öffentliche Empörung aus. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni verurteilte sie als „grauenhaft“ und kündigte an, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Italiens größter Gewerkschaftsbund CGIL sprach von einem Akt „unsäglichen Horrors“. Und der italienische Landwirtschaftsminister Francesco Lollobrigida erklärte: „Es darf in Italien keinen Ort geben, an dem Menschenleben als Wegwerfobjekte betrachtet werden oder an dem gar entschieden wird, wer leben oder sterben darf.“
Ausgerechnet mit Lollobrigida ließ sich Rocco Zuccarella wenige Monate zuvor auf der Berliner Fachmesse Fruit Logistica fotografieren. Sie ist weltweit die größte Fachmesse für den Obst- und Gemüsesektor. Das Unternehmen präsentiert sich hier als Aushängeschild der Erdbeerproduzenten der Region. Das Foto wurde von Zuccarella auf Facebook geteilt. Mittlerweile ist das Profil deaktiviert. Nach Deutschland hat Tenute Zuccarella seine Erdbeeren aber offenbar nicht verkauft, zumindest nicht im vergangenen Jahr. Alle großen deutschen Supermarktketten geben auf taz-Anfrage an, in diesem Zeitraum keine Produkte von Tenute Zuccarella bezogen zu haben.
Die mutmaßlichen Täter wurden mittlerweile verhaftet. Die Staatsanwaltschaft Castrovillari prüft derzeit, ob hinter den Arbeitsverhältnissen auf den örtlichen Feldern ein Netzwerk von caporali steht. Außerdem wird ermittelt, ob auch die kalabrische ’Ndrangheta oder andere organisierte kriminelle Gruppen in die Ausbeutung der Arbeitskräfte involviert sind. Für Tenute Zuccarella jedoch scheint es vorerst keine Konsequenzen zu geben.
Und möglicherweise wird das auch so bleiben: Das Unternehmen ist Global G.A.P.-zertifiziert. Das Siegel gehört zu den wichtigsten im internationalen Obst- und Gemüsehandel. Es soll Händlern und Supermärkten bestätigen, dass ein Betrieb bestimmte Anforderungen erfüllt, etwa die der Lebensmittelsicherheit, der Rückverfolgbarkeit und der Arbeitsbedingungen.
In der Global G.A.P.-Datenbank hat sich der Eintrag des Unternehmens nach den Morden nicht verändert. Nach aktuellem Stand läuft das Zertifikat von Tenute Zuccarella dort 2027 aus. Die taz hat Global G.A.P. gefragt, ob die Vorfälle Anlass für eine Überprüfung seien. Eine Antwort blieb aus.
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