Mobilität für Armutsbetroffene: 9-Euro-Fonds aufgelöst
Mit einer ungehorsamen Spendenaktion wollten Aktivist*innen das 9-Euro-Ticket weiterführen. Jetzt hört die Initiative auf.
Monatlich 9 Euro zahlen und dafür unbegrenzt den ÖPNV nutzen – dieses dreimonatige Angebot aus dem Sommer 2022 fand eine Gruppe von Aktivist*innen so gut, dass sie es nach seinem Auslaufen inoffiziell fortführte: Mitglieder zahlten monatlich 9 Euro in einen Fonds ein und fuhren dann ohne Fahrausweis. Wurden sie erwischt, zahlte die Gemeinschaft die Strafe. Damit ist es nun vorbei: Die Initiative stellt den 9-Euro-Fonds ein.
„Wir sind mit dem Ziel gestartet, das 9-Euro-Ticket wieder einzuführen und Fahren ohne Fahrausweis zu entkriminalisieren“, sagt Leo Maurer vom 9-Euro-Fonds, der eigentlich anders heißt und nicht mit seinem echten Namen in der Zeitung stehen will. „Aber die politische Entwicklung weist mit der Erhöhung des Deutschlandticket-Preises auf 58 Euro in die völlig falsche Richtung.“
Wichtiger seien unter einer absehbar unionsgeführten Regierung andere soziale Kämpfe, erklärt Maurer. „Es gibt immer wieder das Phänomen, dass Bewegungen erfolgreich sind, aber dann ein Schattendasein führen, wenn sich die Welt um sie herum verändert.“ Das wolle man vermeiden.
Solidarität ist da
Grundsätzlich, sagt Maurer, sei der Fonds aber eine gute Idee gewesen. Am Anfang hätten sie viele Zuschriften bekommen: Azubis, die sich den Weg zur Arbeit durch den Fonds leisten, Rentner*innen, die mit dem Bus zum Arzt fahren konnten. „Der Fonds hat vermittelt, was Solidarität möglich macht“, sagt Maurer. Insgesamt hätten sich 31.700 Menschen beteiligt, 4.000 Strafen seien bezahlt worden. Im letzten Monat des Fonds seien es noch 2.158 Einzahlende gewesen und 350 übernommene Strafen.
Das übrige Geld überweist die Initiative an Gruppen wie Sanktionsfrei und den Freiheitsfonds, die Menschen in finanziellen Engpässen unterstützen, für die ihrer Meinung nach der Staat zuständig wäre. „Sanktionsfrei und der Freiheitsfonds haben den 9-Euro-Fonds inspiriert“, erzählt Maurer. „Wir wollen dazu einladen, auch uns zu kopieren: Es ist cool, voneinander abzuschauen.“
Für das laufende Jahr ist die Finanzierung des Deutschlandtickets gesichert. Gerade aus der CSU kommen aber Stimmen, die eine weitere Finanzierung durch die Länder ablehnen.
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