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Mittelalter oder Sozialismus?

Eisenhüttenstadt und Fürstenberg (Oder) sind zwei ungleiche Schwestern. Der Unterschied zeigt sich vor allem beim Wohnen. Die eine hat mit hohen Leerständen und Wegzug zu kämpfen, die andere pflegt still ihre Exklusivität

Alte Pracht an der Oder, heute ein Ortsteil von Eisenhüttenstadt:Fürstenberg Foto: Jürgen Ritter/imago

Aus Eisenhüttenstadt Uwe Rada

Wer auf malerische Stadtansichten steht, sollte in Fürstenberg auf die Brücke gehen. Hinter dem Kanal, der ein paar Hundert Meter weiter in die Oder mündet, erhebt sich, ungewohnt für Brandenburg, die Altstadt auf einem imposanten Hügel. Steil fallen die Gassen hinunter zum Bollwerk, über allem thront die mächtige Nikolaikirche. Wäre Canaletto einmal hier gewesen, er hätte eine Vedute gemalt.

Wer vom Bahnhof kommt, nähert sich Fürstenberg von der Landseite. In der Fellertstraße reihen sich einstöckige und zweistöckige Ackerbürgerhäuser aneinander, dazwischen stehen schmucke Beamtenhäuser aus den 1920er Jahren. Die Straße führt zum Marktplatz von Fürstenberg mit dem 1900 im Stil der Neorenaissance gebauten Rathaus.

Allzu lange hat das Rathaus seine Funktion nicht erfüllen können. „1961 wurde Stalinstadt in Eisenhüttenstadt umbenannt“, erinnert Oliver Funke. „Und Fürstenberg, das bis dahin neben Stalinstadt selbständig gewesen war, wurde kurzerhand eingemeindet.“

Oliver Funke ist Geschäftsführer der Gebäudewirtschaft Gewi, wie das kommunale Wohnungsunternehmen in Eisenhüttenstadt heißt. Vor ein paar Jahren, als die Sanierung der sozialistischen Planstadt im wesentlichen vollendet war, hat er sich entschlossen rüberzumachen. Rüber über den Oder-Spree-Kanal und die Bahnlinie, rein nach Fürstenberg (Oder), die 1250 gegründete mittelalterliche Schwester der sozialistischen Stahlstadt aus dem Jahr 1950. 46 Wohnungen hat die Gewi in den Beamtenhäusern der Fellertstraße saniert. Bald sind die bezugsfertig.

Eingetaucht ist Oliver Funke damit auch in einen anderen urbanen Kosmos. „Es gibt in Fürstenberg Familien, die dort seit Generationen leben“, sagt er und macht damit deutlich, dass eine junge Stadt mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hat als eine altehrwürdige. „In die Planstadt sind 1950 Familien gekommen, die bestanden aus Papa, Mama und Kindern. Aber Oma und Opa wohnten noch in Sachsen oder Thüringen.“

Und noch einen Unterschied gibt es in dieser Städteschwesternschaft mit dem beachtlichen Altersunterschied von 700 Jahren. Es ist der Wohnungsmarkt, Funkes ureigenes Feld. In der aus den Wohnkomplexen I bis IV bestehenden Kernstadt, die seine Gewi in Eisenhüttenstadt saniert hat, liegen die Neuvermietungsmieten bei 6,50 Euro den Quadratmeter nettokalt. „In Fürstenberg werden die Wohnungen im sanierten Altbau für zehn Euro vermietet“, sagt Oliver Funke.

Wer am Bahnhof des heute 24.000 Einwohner zählenden Eisenhüttenstadt ankommt, muss sich entscheiden. Nach Osten oder nach Westen? Sozialistische Stadt oder Mittelalter? Elendig langer Fußmarsch über eine drei Kilometer lange Straße, gesäumt von Brachen, Autohäusern und Bauruinen? Oder ein hübscher Spaziergang über die Fellertstraße mit ihren Ackerbürger- und Beamtenhäuschen in Richtung Altstadt und hinunter zum Oder-Spree-Kanal?

Es ist nicht einfach, in Eisenhüttenstadt anzukommen, auch wenn neben dem Charme der Fürstenberger Altstadt tatsächlich noch etwas anderes lockt. Das einzigartige Ensemble der DDR-Baugeschichte der 50er und 60er Jahre, von US-Schauspieler Tom Hanks einmal als sozialistisches „great and wonderful life“ bewundert.

Es sind Schwärmereien wie diese, die Eisenhüttenstadt immer wieder zum place to be machen. 2024 wurde es vom Reisemagazin Geo Saison sogar als eines der attraktivsten Reiseziele weltweit gekürt, neben Städten wie Hamburg, Brüssel, Oslo, London, Paris oder Madrid. Doch der kosmopolitische Modernismus der frühen 50er, Stalins Zuckerbäckerstil, der ihm folgte, der konservative Rückgriff auf nationale Bautraditionen Ende der 50er und die Zeilenbauten der Sechziger sind zwar unter Architekturstudierenden ein Must have. Immerhin kann sich die Planstadt mit dem Titel des größten Flächendenkmals Deutschlands schmücken. Vor dem schleichenden Tod schützt er die Stadt nicht.

Kleine Schwester

Gar nicht so selten liegt im Schatten einer größeren Stadt noch eine andere, kleinere, die auch beachtet werden will. In loser Folge stellt stadtland solche Städte vor und fragt, was das Schattendasein mit ihnen macht.

Von den 50.000 Menschen, die nach der Vereinigung in der Stadt gewohnt haben, ist mehr als die Hälfte gegangen. Das Eisenhüttenkombinat Ost EKO, in dem einst 12.000 Beschäftigte arbeiteten, zählt heute nur noch 2.500 Mitarbeiter. Und die Aussichten sind nicht zukunftsfest. Weil grüner Stahl noch teuer und auf dem Markt kaum nachgefragt ist, hat der Stahlkonzern ArcelorMittal einen Förderbescheid von 1,3 Milliarden Euro zur Umstellung auf ökologische Stahlproduktion zurückgegeben. Seitdem geht die Angst um. Hätte eine Stahlstadt ohne Stahl Zukunft?

Gerne zieht man im Osten Brandenburgs an der Grenze zu Polen deshalb einen Vergleich mit Krakau und der dortigen Stahlstadt Nowa Huta. Auch diese beiden Stadtschwestern zeichnet ein großer Altersunterschied aus. Doch Nowa Huta, wo der Hochofen längst ausgeblasen ist, lebt vom Zuzug aus dem benachbarten und teuren Krakau. Von Fürstenberg kann Eisenhüttenstadt nicht leben. Vergleich Ende.

Noch immer verliert Eisenhüttenstadt um die 500 Bewohner pro Jahr. Gestoppt konnte der Aderlass nur 2015 und 2022, als erst die syrischen und dann die ukrainischen Flüchtlinge kamen. Inzwischen beträgt der Leerstand in der Gebäudewirtschaft Gewi wieder 18 Prozent.

2024 wurde Eisenhüttenstadt von einem Reisemagazin sogar als eines der attraktivsten Reiseziele weltweit gekürt, neben Städten wie Hamburg, Brüssel, Oslo, London, Paris oder Madrid

Auch deshalb hat sich Oliver Funke entschieden, zusammen mit der Stadt im vergangenen Jahr zum kostenfreien Probewohnen einzuladen. Für die beiden Gästewohnungen haben sich 2.000 Interessenten beworben. „Damit hat keiner gerechnet“, freut sich Funke noch heute. „Sogar die internationalen Medien haben darüber berichtet.“ So schrieb der Guardian: „A free flat for a fortnight: the German city offering perks to fight depopulation“ – „Eine kostenlose Wohnung für zwei Wochen. Wie eine deutsche Stadt gegen den Bevölkerungsverlust kämpft.“

Funke führt das Medienecho auch darauf zurück, dass die beiden Gästewohnungen, die seine Gewi zur Verfügung stellte, in der vielleicht interessantesten Straße der Stadt liegen. Denn anders als in den vier Wohnkomplexen der Kernstadt mit ihrer jeweils typischen Baugeschichte, ist die Lindenallee als „Magistrale“ der Stadt ein wildes, fast schon amerikanisches Sammelsurium an Baustilen.

Das neoklassizistische Friedrich-Wolf-Theater gibt es in der Lindenallee, aber auch modernistische Einkaufszeilen, Punkthochhäuser und das einstige Hotel Lunik, zu dem sich jeder in die Stadt eine Geschichte erzählen kann. Für viele hat es eine ähnliche Bedeutung wie der Palast der Republik in Berlin. Nach einem Bericht in der taz hat es der Spekulant Ulrich Marseille an die Gewi verkauft, die es nun wiederbeleben will.

Als Eisenhüttenstadt ganz neu und noch Stalinstadt war: eine Familie 1959 samt Trabant P 50 inmitten vom sozialistischen Wohnungsbau Foto: Hannes Betzler/SZ Photo/picture alliance

„Die Bilder in den Medien haben dazu geführt, dass wir insgesamt sieben Wohnungen vermieten konnten“, freut sich Oliver Funke. Auch deshalb soll das Probewohnen in diesem Jahr wiederholt werden – mit vier statt zwei Wohnungen.

In der Fürstenberger Fellertstraße wird Oliver Funke keine Gästewohnungen anbieten. Auch wenn sie deutlich teurer sind als in der Planstadt – „wir haben keine Fördermittel in Anspruch genommen und sind da an die zehn Euromarke gegangen“ – ist die Nachfrage riesig. „Wir hätten da jede Wohnung dreimal vermieten können“, sagt Funke.

So bleibt vorerst alles wie es war und ist. Fürstenberg mit seiner Altstadt ein gehobener Wohnstandort, auch wenn dort inzwischen viele Geschäfte leer stehen und das einzige gehobene Restaurant geschlossen hat. Und Eisenhüttenstadt, das ungewöhnliche Ensemble stalinistischer und sozialistischer Architektur, das alle schätzen – und viele verlassen.

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