: Mit Bestleistung zurück in der Spur
Siebenkämpferin Sophie Weißenberg fühlt sich fit wie noch nie. Bei der EM in Birmingham will sie endlich all das Pech hinter sich lassen, das sie bei Großereignissen zu verfolgen scheint
Foto: Foto: Beautiful Sports/imago
Von Katarina Schubert
Es war einer der herzzerreißendsten Momente der Olympischen Spiele 2024 in Paris, als Sophie Weißenberg weinend auf der Tartanbahn saß und sich verzweifelt an ihren Fuß fasste. Kurz zuvor war die Welt noch in Ordnung, die Mehrkämpferin stand vor ihrer olympischen Premiere. Doch eine falsche Bewegung ließ ihren Traum platzen. Beim Probestart über die 100-Meter-Hürden, der Auftaktdisziplin im Siebenkampf, kam Weißenberg falsch auf und stürzte. Diagnose: Achillessehnenriss.
Heute erinnert eine fast zehn Zentimeter lange Narbe an diesen Moment. Fast 20 Monate absolvierte die Leichtathletin seit diesem Schicksalstag keinen Wettkampf mehr. Beim Mehrkampfmeeting in Götzis Anfang Juni dann legte die 28-Jährige dann ein Comeback hin, das sich sehen lassen konnte. Nach Bestleistungen über die Hürden, 200 sowie 800 Meter stellte Weißenberg mit 6.449 Punkten eine neue persönliche Bestmarke auf, womit sie sich auf Platz 5 in der Welt katapultierte.
„Schon nach dem Hürdenlauf war ich sehr emotional. Und dann habe ich realisiert: Jetzt bin ich zurück“, sagte Weißenberg nach ihrem Comeback im WDR. „Ich hatte total viel Spaß und habe den ganzen Wettkampf einfach genossen.“ Mit ihrer neuen Bestleistung erzielte sie 11 Punkte mehr als bei ihrem 7. Platz bei der WM 2023 in Budapest. Damals verpasste sie die Bronzemedaille um gerade einmal 63 Punkte.
Weißenberg machte erstmals 2016 auf sich aufmerksam, als sie bei den U20-Weltmeisterschaften Silber im Weitsprung holte; drei Jahre später folgte dann Silber bei der U23-EM im Siebenkampf. Seitdem verfolgt die gebürtige Neubrandenburgerin, die für das Training 2020 nach Leverkusen wechselte, bei großen internationalen Wettkämpfen das Pech.
Die Teilnahme an der WM 2021 in Doha musste sie verletzungsbedingt absagen. Ein Jahr später folgte bei der WM in Eugene ein Salto nullo im Weitsprung, die EM in Rom 2024 brach Weißenberg ab, um einer Verletzung vorzubeugen. Und dann kam Paris. Sie habe schon lange Beschwerden im Fuß gehabt, erzählte die Siebenkämpferin im WDR-Fernsehen. Der Achillessehnenriss sei nun die Gelegenheit gewesen, der Sache endlich auf den Grund zu gehen.
„Ich habe tatsächlich auch ein kleines bisschen Erleichterung gespürt. Ich muss nicht so schnell wie möglich zurückkommen, sondern es kommt darauf an, dass der Körper heilt.“ Für ihre Rückkehr in den Sport habe sie sich dementsprechend viel Zeit gelassen. „Sicher hätte ich auch schon im vergangenen Jahr wieder Wettkämpfe machen können“, so Weißenberg. „Aber für mich war nicht ausschlaggebend, wann ich zurückkomme, sondern wie ich zurückkomme.“
Diese Vorbereitung holt sich Weißenberg seit Januar dieses Jahres in den Niederlanden, wo sie sich der Trainingsgruppe um Steven Nuytinck anschloss. Dort trainiert sie unter anderem gemeinsam mit den Top-Siebenkämpferinnen Emma Oosterwegel, Bronzegewinnerin bei Olympia 2021 in Tokio, und Sofie Dokter, die im März Hallenweltmeisterin im Fünfkampf geworden ist. Beide liegen in der Weltjahresbestenliste vor ihr.
Sophia Weißenberg
Bei der Europameisterschaft in Birmingham gehört sie dank ihrer neuen persönlichen Bestleistung zu den Favoritinnen auf eine Medaille. Doch nicht nur ihre niederländischen Teamkolleginnen werden etwas dagegen haben, sondern auch ihre deutschen. Mit Sandrina Sprengel, Fünfte der letztjährigen Weltmeisterschaft in Tokio, und Vanessa Grimm reisen ebenfalls zwei aussichtsreiche Kandidatinnen nach England.
Nach der Absage der dreifachen Olympiasiegerin Nafissatou Thiam kommt die Top-Favoritin auf den Titel jedoch aus der Schweiz. Annik Kälin stellte erst im Juni beim Mehrkampfmeeting in Ratingen eine neue persönliche Bestleistung auf: 6.819 Punkte. Namhafte Konkurrenz könnte sie von Katerina Johnson-Thompson bekommen. Allerdings hat die zweifache Weltmeisterin und Olympia-Zweite von 2024 selbst Verletzungsprobleme, musste sie doch erst Ende Juli ihre Teilnahme an den Commonwealth Games absagen.
Weißenberg selbst meinte nach ihrem Comeback in Götzis, dass sie sich körperlich noch nie so fit gefühlt habe. Es sei aber noch Luft nach oben, vor allem in den Wurfdisziplinen und im Weitsprung. Für neue Bestleistungen böte Birmingham doch die perfekte Gelegenheit.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen