Missstände im Medizinstudium: Mit Rap-Text gegen Ausbeutung
An der Charité formiert sich bei einer Aktionswoche der Bundesvertretung der Medizinstudierenden Protest gegen massive Kürzungen durch den Senat.
Foto: M.Czapski/snapshot/imago
„Hungerlohn, Burnout“, rappen StudentInnen der Charité in einem selbst geschriebenen Remix des Songs „Humble“ von Kendrick Lamar. So beschreiben die künftigen Ärztinnen und Ärzte ihren Arbeitsalltag im Praktischen Jahr, dem letzten Abschnitt ihres Studiums. Die PJs, wie sie genannt werden, protestierten vor dem Hochbettenlager der Charité nahe des Oranienburger Tors für eine ausreichende Hochschulfinanzierung durch den Senat und eine grundlegende Reform des Medizinstudiums durch Bund und Länder.
Der Protest ist nur eine von mehreren Aktionen in der bundesweiten Aktionswoche der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (BVMD). Unter dem Motto: „SOS – Stillstand oder Spitzenmedizin?“ gehen deutschlandweit MedizinstudentInnen auf die Straße und fordern, die Ärztliche Approbationsordnung zu ändern. Unterstützt werden sie dabei unter anderem von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi.
„Ich bin enttäuscht, dass wir immer noch das Gleiche fordern müssen wie vor sieben Jahren“, sagt Alexandra Archodoulakis, Ärztin in Weiterbildung an der Charité. Bereits 2019 protestierten MedizinstudentInnen für eine Verbesserung des Praktisches Jahres – mit fairer Vergütung und guten Lernbedingungen. Auch eine neue Approbationsordnung, die ein modernes, praxisnahes Studium ermöglichen und im Praktischen Jahr verbindliche Standards für Anleitung und Lehre schaffen soll, gehört zu den Forderungen. Die aktuell gültige Ordnung stammt aus dem Jahr 2002.
Außerdem verlangen die StudentInnen eine Aufwandsentschädigung, die mindestens dem aktuellen Bafög-Höchstsatz entspricht. Sie klagen, dass viele neben der Vollzeitbeschäftigung im Krankenhaus in ihrer Freizeit und vorgesehenen Selbststudienzeit Geld verdienen müssen. Das ist laut Charité-Studentin Bente Bierbaß nötig, um Kosten wie Miete oder Lebensmittel decken zu können. Damit werde der Medizinstudiengang wie auch das Praktische Jahr an der Charité zum Luxusgut, kritisiert Bierbaß.
Unterfinanzierung der Charité
Während die durchschnittliche Aufwandsentschädigung im Praktischen Jahr in Deutschland bei monatlich 400 Euro liegt, zahlt die Charité den Klagen der Studierenden zufolge gar nichts, als einziges deutsches Universitätsklinikum. Das liegt laut Martin Möckel, Prodekan für Studium und Lehre, unter anderem an der „dramatischen Unterfinanzierung der Charité“.
Nachdem der von CDU und SPD getragene Senat für die Jahre 2026 bis 2028 Fördermittel in Höhe von fast 110 Millionen Euro strich, nahm die Charité Kürzungen an den Studienplätzen in der Humanmedizin vor, womit diese von 600 auf 540 freie Plätze schrumpften. Das geht aus der Pressemitteilung der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland hervor.
Das Praktische Jahr am Ende des Medizinstudiums ist darauf ausgelegt, Praxiserfahrung zu vermitteln und auf ärztliche Tätigkeiten vorzubereiten. Die Realität hingegen sehe aber anders aus: Die PJs werden laut Bente Bierbaß als unbezahlte Hilfskräfte genutzt, weil die Kliniken das Geld für weiteres Personal einsparen würden. Das führt aus ihrer Sicht dazu, dass das Lehrkonzept für das Praktische Jahr oft vernachlässigt werde.
Auch der vorgesehene PJ-Unterricht und die Patientenvisite, die den regelmäßigen Besuch am Krankenbett vorsieht, würden allzu oft aufgrund fehlenden Personals ausfallen. Es liege in der Verantwortung der Charité, Unterricht und Visite zu gewährleisten, so die Medizinstudentin.
Verständnis aus der Politik für den Protest
Stimmen aus der Politik äußern sich ebenfalls kritisch zu den Umständen. „Es braucht ein Medizinstudium, das allen offensteht“, kritisiert Andreas Umgelter (Linkspartei), neu gewähltes Mitglied im Abgeordnetenhaus. Auch Christian Zander (CDU), bereits seit 2021 Parlamentarier, sichert den StudentInnen seine Unterstützung zu. Der Auftritt des CDU-Politikers bei der Demonstration wird jedoch aus den Zuschauerreihen kritisiert. Der Vorwurf, dass seine Partei zu den Kürzungen beigetragen hat, lässt Zander unkommentiert.
Mitte Oktober hatten die Proteste einen kleinen Erfolg verzeichnen können. Der Bundesrat stimmte der Forderung der Studierendenvertretung BVMD nach zehn weiteren zulässigen Fehltagen zu, der Bundestag tat dies bereits im Frühjahr. Die bisherige Ordnung sah 30 Fehltage, verteilt auf 48 Wochen Vollzeitarbeit vor. Wer mehr als diese Fehltage hatte, lief Gefahr, einen Studienabschnitt wiederholen zu müssen.
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