Miniserie „The Undoing“: Wenn die Idylle zersplittert

Die Miniserie „The Undoing“ mit Nicole Kidman und Hugh Grant kombiniert Krimikonvention mit einer Satire auf die New Yorker Oberschicht.

Nicole Kidman vor ener Skyline im Gegenlicht in der Miniserie "The Undoing"

Ist Psychotherapeutin Grace Fraser (Nicole Kidman) privat wirklich so blind? Foto: Sky

Kaum eine andere Schauspielerin verkörpert die schmallippig-grazile US-Upperclass-Lady besser als die Australierin Nicole Kidman, die es seit den Neunzigern mit Filmen wie „Eyes Wide Shut“ in Hollywood zu einer steilen Karriere gebracht hat und seit geraumer Zeit auch im Goldenen Serienzeitalter der Kabelsender und Streamingdienste zu den großen Playern gehört.

Eine Variation dessen spielt sie nun im Mehrteiler „The Undoing“ als erfolgreiche Psychotherapeutin Grace Fraser, die mit ihrem Ehemann Jonathan (Hugh Grant), einem beliebten Kinder­onkologen, und dem begeistert Violine spielenden Sohn Henry (Noah Lupe) eine so derart märchenhaft perfekte Traumfamilie der New Yorker Oberschicht abgibt, dass man nur auf das titelgebende Verhängnis wartet.

So ernst sich „The Undoing“ dann im Laufe dieser sechs Stunden als hakenschlagender Thriller nimmt, so süffisant ist der satirische Unterton, mit dem diese Welt der Ostküstenelite porträtiert wird, in der die oberen 1 Prozent hin und wieder mit Wohltätigkeitsgesten ihr latent schlechtes Gewissen beruhigen, um umso hemmungsloser die eigenen Privilegien auszukosten.

Gleich in der ersten Folge, die seit Montag auf Sky Atlantic läuft, veranstaltet die private Eliteschule, die stolze 50.000 Dollar pro Jahr und Kind kostet, im Luxusloft eine Spendenauktion zugunsten der Diversität an der Schule, bei der die nahezu exklusiv weiße Elternschaft wie zu einer Gala aufgebretzelt erscheint und ohne mit der Wimper zu zucken ein schnödes Glas Wasser für 1.000 Dollar ersteigert wird.

„The Undoing“. Regie: Susanne Bier. Mit Nicole Kidman, Hugh Grant u. a. USA 2020. Läuft auf Sky.

Das Event vorbereitet hat ein Komitee steinreicher Mütter, die ihre Charity-Aktivitäten vor allem als Gossip-Umschlagplatz und zum Netzwerken nutzen. Als dort Elena Alvarez (Matilda De Angelis) mithelfen will, eine junge Latina aus Harlem, deren Sohn selbst dank eines Stipendiums aufgenommen wurde, wird sie mit ihrer unbeholfenen Art konsterniert wie ein Alien beäugt, vor allem als sie am Tisch beginnt, ihr Baby zu stillen. Man hilft ja gerne, bleibt dabei aber lieber unter sich.

Am Tag nach der Auktion ist die Frau tot, brutal in ihrem Künstleratelier ermordet. Und just Jonathan Fraser gerät unter Verdacht, nachdem er am selben Tag verschwunden ist und seine Affäre mit Elena auffliegt. Der schelmische Charmeur ­entpuppt sich als Sozio­path mit Doppelleben, aber ist er wirklich zu einem Mord fähig? Wie zerrütten solche Anschuldigungen eine Familie, so wohl­ha­bend sie auch sein mag? Und ist Grace, die ihre Menschenkenntnis erfolgreich zum Beruf gemacht hat, privat wirklich so blind? Oder weiß sie mehr? Im Notfall jedenfalls bleibt sie die Tochter eines Milliardärs (Donald Sutherland), der im Palast über den Dächern Manhattans geschickt und nicht immer legal Einfluss geltend macht, wenn es um die Reputation der Familie geht.

„The Undoing“ ist das Projekt des Seriengurus David E. Kelley, der in den Neunziger- und Nul­ler­jahren mit „Alley McBeal“, „Boston Legal“ und „The Prac­tice“ für die Fernsehsender Hits in Reihe lieferte und dem vor drei Jahren mit der hoch­ka­rä­tig besetzten HBO-Miniserie „Big Little Lies“ ein spek­ta­ku­lä­res Come­back gelang. Dessen Er­folgs­konzept aus opulent insze­nier­tem Kriminaldrama mit dys­funk­tionalen Familien und komplexen Frauenfiguren in schicken Apartments versucht er nun zu wiederholen, Hauptdarstellerin Nicole Kidman inklusive.

Neben dem Budget der Serie, das es leicht mit dem Hollywood-Arthousekino früherer Jahre aufnehmen kann, ist „The Undoing“ auch ein in dieser Konzentration überdeutlicher Ausdruck für die seit Jahren andauernde Talentflucht vom Kino zu den Bezahlsendern und Streamingdiensten. Hochkarätig ist hier nicht nur die Darstellerriege, inszeniert hat die sechs Folgen die dänische Regisseurin Susanne Bier (unter anderem Europäischer Filmpreis für „In einer besseren Welt“), für die Kamera ist Oscarpreisträger Anthony Dod Mantle („Slumdog Millionär“) verantwortlich.

Die Perspektive verharrt bisweilen lange auf den Augen der Protagonisten, doch was sie sehen, ist selten klar, weder ihnen noch dem Publikum. Die Bilder gleiten immer wieder in die Unschärfe ab, Wirklichkeit und Einbildung verschwimmen. Die Wahrheit, was immer das ist, vermag kaum jemand zu erkennen oder auszuhalten.

Das ist, wie der ausgestellte Reichtum und Kunstwille der Oberschicht, nicht sonderlich subtil, doch Kelley und Bier verknüpfen unterhaltsam und spannend genug eine nach vielen Seiten offene Krimihandlung mit unterkühltem Familienmelodram und edel ausgestatteter Satire auf die Klassengesellschaft und ihren verlogenen Privilegieneiertanz. Es ist freilich hübsch anzusehen, wie diese großbürgerliche Idylle langsam zersplittert, so angestrengt dabei auch versucht wird, die Fassade zu wahren, was in Zeiten von 24-Stunden-Nachrichten, sozialen Medien und einer divers zusammengesetzten Öffentlichkeit, die eine bevorzugte Behandlung von Privilegierten nicht einfach so hinnimmt, alles andere als leicht ist.

Der letztlich klassische Who­dunit basiert auf der Kunst des Cliffhangers und arbeitet auch bei der Ausstrahlung konsequent mit Verknappung. Gezeigt wird die Miniserie in wöchentlichen Happen, eine Taktik, die angesichts der Bingekultur der Streamingdienste einen gewissen Oldschool-Touch hat, für die auf Spannung und Rätselraten aufgebaute Dramaturgie aber durchaus sinnvoll ist.

Nur den Blick auf Twitter und in einschlägige Serienforen sollte man sich die nächsten Wochen verkneifen. In dem produzierenden US-Sender HBO lief die finale Folge bereits vergangenen Sonntag und die Auflösung wird nun online heiß debattiert.

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