Militäroperation in Paraguay: Soldaten töten zwei Kinder

Eine Spezialeinheit der paraguayischen Armee tötet beim Einsatz gegen die EPP-Guerilla zwei Mädchen. Der UN-Menschenrechtsrat fordert Aufklärung.

Mario Abdo sitz auf einem Stuhl mit verzierter Lehne

Paraguays Präsident Mario Abdo, hier bei einem Mercosur-Treffen in Asunción am 2. Juli Foto: Nathalia Aguilar/EFE/imago

BUENOS AIRES taz | Eine Spezialeinheit der Armee Paraguays hat am 2. September ein Lager der kleinen Guerillagruppe Paraguayische Volksarmee (EPP) angegriffen. Nach der Militäraktion bei Yby Yaú in der Provinz Concepción waren zwei Kinder tot.

Paraguays Präsident Mario Abdo ließ sich am Tatort mit den Militärs in Siegerpose fotografieren. „Wir haben eine erfolgreiche Operation gegen die EPP durchgeführt. Nach einer Konfrontation wurden zwei Mitglieder dieser bewaffneten Gruppe getötet. Ein Offizier ist verwundet“, twitterte Abdo am selben Tag.

Womöglich wusste der Präsident zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was seine Spezialeinheit tatsächlich angerichtet hatte. Doch schon kurze Zeit später wurde bekannt, dass die elfjährige María Villalba und die zwölfjährige Lilian Villalba durch zahlreiche Schüsse getötet worden waren.

Da die Mädchen die argentinische Staatsangehörigkeit besaßen, schaltete sich sofort Argentiniens Außenministerium ein, sorgte für Öffentlichkeit und verlangte Aufklärung.

Mutter spricht von Folter und Hinrichtung

Am Mittwoch, 9. September, will sich jetzt Abdo auf einer allerdings nichtöffentlichen Sitzung des Parlaments in Asunción erklären. „Sie haben sie gefangengenommen, gefoltert und hingerichtet“, warf Miriam Villalba, die Mutter von Lilian, Paraguays Regierung und Armee vor.

„Sie haben ihre Kleider verbrannt und sie in Tarnuniformen gesteckt. Dann haben sie sie gemeinsamen in einem Karton begraben“, sagte die Mutter am Montag während einer Demonstration in Posadas, der argentinischen Provinzhauptstadt von Misiones, der Heimat der beiden Mädchen.

Gemeinsam mit einige Hundert Menschen forderte sie Aufklärung und Gerechtigkeit. Paraguays Regierung hatte zunächst angeben, die beiden weiblichen Todesopfer seien volljährig und Mitglieder der Guerilla gewesen.

Noch am Tag ihres Todes wurden die Leichen der Mädchen auf richterliche Anweisung auf dem Friedhof von Yby Yaú begraben. Als Begründung für die rasche Beerdigung diente die Coronapandemie.

Leichname wurden schnell beerdingt, jetzt aber exhumiert

Doch als drei Tage später die Identität der Mädchen bekannt wurde, ordnete eine andere Richterin die Exhumierung der Leichname und die Überführung in die Gerichtsmedizin in der Hauptstadt Asunción an.

„Mich hat die Reaktion des Präsidenten nicht überrascht“, sagte Miriam Villalba. „Er folgt der gleichen Linie wie [der ehemalige Diktator] Alfredo Stroessner, der der paraguayischen Bevölkerung so viel Schaden zugefügt hat.“

Nach ihren Schilderungen wurden ihre Tochter und ihre Nichte in Argentinien geboren. Beide lebten bei ihrer Oma in der Provinz Misiones. Sie selbst und ihre Familie stammen aus Paraguay. Die Väter der beiden seien Mitglieder der Guerilla. Sie selbst habe keinen Kontakt zum Vater.

Dennoch leide ihre Familie seit Jahren unter der Verfolgung des paraguayischen Sicherheitsapparates. „Ihr größter Traum war es, ihre Väter zu treffen“, so Villalba. Deshalb waren die zwei im vergangenen November nach Paraguay gereist.

Aber die Rückkehr der Mädchen sei durch die Grenzschließung wegen der Coronapandemie nicht möglich gewesen. Jetzt sollen im Laufe der Woche ihre Leichname nach Misiones überführt werden.

Guerillakampf mit Entführungen und Anschlägen

Die Gueriallaorganisaton Paraguayische Volksarmee ist seit Mitte der 1990er Jahre aktiv. Die linke Gruppe agiert im Nordosten Paraguays und machte bisher mit Entführungen und Anschlägen von sich reden. Sie wendet sich gegen Großgrundbesitzer und deren Gewalt gegen Kleinbauern. Ihre Mitgliederzahl wird auf 50 bis 100 Personen geschätzt.

Offizielle Verlautbarungen der Gruppe gibt es bisher nicht, auch nicht zu dem aktuellen Vorfall. Internationale Aufmerksamkeit erregte die EPP erstmals 2004 mit der Entführung von Cecilia Cubas, der Tochter des früheren Präsidenten Raúl Cubas. Fünf Monate nach ihrer Entführung wurde Cecilia Cubas tot aufgefunden.

Die letzte große Aktion der EPP war 2016, als bei einem Bombenanschlag auf ein Militärfahrzeug acht Soldaten getötet wurden. Als Reaktion richtete die Regierung eine Spezialeinheit ein, die jetzt auch den Angriff auf das Lager durchführte.

Aufklärung über diesen Angriff fordert jetzt auch der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen. “Es handelt sich um einen sehr gravierenden Vorfall“, erklärte Jan Jařab, Südamerika-Repräsentant des UN-Menschenrechtskommissariats. Der Staat sei verpflichtet ist, die Menschenrechte aller Mädchen, Jungen und Jugendlichen in seinem Land zu schützen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de