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Migration zwischen Marokko und CeutaDie Ceuta-Krise geht leise weiter

Zwei Wochen nach dem Ansturm auf die spanische Exklave beruhigt sich die Lage. Einige Marokkaner fühlen sich ausgenutzt von den unbekannten Urhebern des Aufrufs.

Mirco Keilberth

Aus Rabat

Mirco Keilberth

Zwei Wochen nach dem Ansturm auf die spanische Exklave Ceuta hat sich die Lage vor Ort weitgehend beruhigt. Spanische und marokkanische Grenzbeamte haben ihren Dienst wieder aufgenommen und die Kontrollen verschärft. Zwischen dem 30. und 31. Juli hatten hier mehr als 70.000 Personen von Marokko aus die Grenze passiert, mindestens 96 starben. Viele waren Aufrufen von Unbekannten in den sozialen Medien gefolgt.

Inzwischen hat ein politischer Streit darüber begonnen, was mit den verbliebenen Migranten in der 83.000 Einwohnerstadt geschehen soll. Schon ihre Zahl ist unklar. Während die spanische Regierung von wenigen Tausend ausgeht, spricht Territorialpräsident Juan Jesus Vivas von 11.000.

Viele von ihnen sind minderjährig, aber auch Familien aus Senegal oder Bürgerkriegsflüchtlinge aus Sudan hoffen, bleiben zu dürfen. Der Norden Marokkos war in den letzten Monaten Ziel vieler Migranten aus Subsahara-Afrika, da die Behörden in Algerien und Tunesien – ebenfalls Hotspots – verstärkt in die Wüste abschieben und ihre Küstenwachen verstärkt haben.

Weil Marokko offenbar nur eigene Staatsbürger aus Ceuta wieder einreisen lässt und minderjährige Marokkaner nur nach einer legalen Prozedur abgeschoben werden, entstehen am Strand regelrechte Zeltsiedlungen. Die Versorgungslage ist nach Angaben von Migranten, mit denen die taz am Telefon sprach, kritisch.

Podcast Fernverbindung: Ceuta-Krise

Der taz-Auslandspodcast Fernverbindung zur Ceuta-Krise. Von Marokko aus passierten 72.000 Menschen die Grenze zu der spanischen Exklave. Wurden sie manipuliert, um Spaniens Premier Sánchez unter Druck zu setzen?

Genaue Zahl der Toten weiterhin unklar

Mehrere allein reisende Frauen berichten, während des Ansturms vergewaltigt worden zu sein. Wie viele Menschenleben genau der Aufruf zum Sturm auf Ceuta gekostet hat, ist auch weiterhin unklar. Der staatlichen spanischen Rundfunkgesellschaft RTVE zufolge meldete Spanien 82 Tote auf seinem Staatsgebiet, Marokko 14. Menschenrechtler gehen von mehr als 140 Toten aus.

Viele ertranken inmitten der Massen, als sie versuchten, die wenigen Hundert Meter vom Strand der marokkanischen Stadt Fnideq nach Ceuta zu schwimmen. Weitere wurden an Land zu Tode getrampelt. „Auch ein Freund von mir wird vermisst“, sagt Mohamed, ein Cafébesitzer aus Fnideq der taz.

„Wir hatten alles stehen und liegen lassen, als wir Tausende Jugendliche an uns vorbei in Richtung Strand gehen sahen. Es war eine Kurzschlusshandlung, wir dachten tatsächlich am nächsten Tag in Madrid zu sein“, erklärt der 25-Jährige, der nun wieder in seinem Café serviert. „In Ceuta prügelten uns die Einheimischen durch die Straßen.“

In Fnideq hatten Jugendliche während des Sturms auf Ceuta Polizeifahrzeuge angezündet. Später war der Ort voller Menschen, die weder Geld für die Rückfahrt nach Casablanca noch für etwas zu essen hatten. Sicherheitskräfte versuchten, sie aus der Stadt zu treiben.

Die Urheber des Aufrufs bleiben unbekannt

Während viele Jugendliche zu ihren Familien zurückgekehrt sind, bleibt in Ceuta die Angst vor einer Wiederholung der Aktion. Entsprechende erneute Aufrufe tauchten in den sozialen Medien auf. In der Exklave ist man sich sicher, dass die Urheber den politischen Druck auf Spanien ausüben wollen. Ministerpräsident Pedro Sánchez ist aufgrund seiner liberalen Migrationspolitik Kritik von rechts ausgesetzt.

„Einige der Migranten sind offensichtlich mit Lastwagen und Bussen nach Fnideq gefahren worden. Jemand steckte hinter der Aktion. Doch wer, das weiß niemand“, sagt ein Gast in dem Café Numidia im Zentrum des Urlaubsortes am Fuße des Riff-Gebirges.

In Marokko hat der 30. Juli tiefe Spuren hinterlassen. Zuletzt hatten im Oktober letzten Jahres Jugendproteste die Sicherheitskräfte an ihr Grenzen gebracht. Nur durch die gezielte Verhaftung einiger Anführer der Gen Z 212 genannten Demonstrationen gelang es, eine Massenbewegung zu verhindern.

„Das Ganze war ein Trick“

Marokkos Wirtschaft boomt. Zahlreichen Großprojekte wie der Bau der Fußballstadien für die Weltmeisterschaft 2030 und die Investitionen europäischer Autozulieferer sorgen für Aufschwung. Doch viele junge Marokkaner, selbst jene mit Universitätsabschluss, suchen vergeblich nach einem Job. Viele von ihnen haben daher nur eine Zukunftsvision: auswandern.

„Marokko ist ein schönes Land, ich würde gerne bleiben“, sagt Youssef in einem Überlandbus auf dem Rückweg nach Rabat. Der 22-Jährige arbeitet als „Transporteur“ in der Altstadt. „Aber ich würde gerne eine eigene Wohnung mieten und heiraten können. Mehr nicht. Wären Sie an meiner Stelle nicht auch nach Ceuta gegangen?“

Mittlerweile glaubt Youssef, dass seine Hoffnung von den Urhebern der Ceuta-Kampagne politisch ausgenutzt wurde. „Alle die Behauptungen in den Videos über offene Grenzen nach Spanien stimmten nicht. Das Ganze war ein Trick, ein Verbrechen.“

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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