Metalunderground in Syrien: Beim Satansanbeten braucht es langen Atem
In Syrien frönten Metalfans ihrer Leidenschaft zwischen Ausgrenzung, Kreativität und Verfolgung über Jahrzehnte im Verborgenen. Ein Tatsachenbericht.
I m März 2007 bereitete ich mich auf meine Abiturprüfungen vor und kehrte nach einer Lerneinheit mit einem Freund nach Hause zurück. Unterwegs kaufte ich für meine Familie Manakish und gefüllte Teigtaschen. Als ich das Haus betrat, sagte ich zu meiner Mutter: „Mach bitte schon mal Tee, ich habe Frühstück mitgebracht.“
Wenige Minuten später standen drei Männer in Zivil vor der Haustür. „Bist du Ali?“ Ich nickte. „Sehr gut“, sagte einer. „Jetzt fehlen nur noch Ahmad und Marwan.“ Sie kannten auch die Namen meiner beiden Brüder. Meine Mutter fragte besorgt, was sie wollten. Einer der Männer lächelte kühl: „Keine Sorge, nur eine Tasse Kaffee, wir haben ein paar Fragen und brauchen Antworten.“
Aus dieser „Tasse Kaffee“ wurde ein Termin beim politischen Sicherheitsdienst in Masyaf, unserer syrischen Heimatstadt. Dort traf ich auf mehrere Freunde und den Plattenverkäufer, bei dem wir unsere Kassetten und CDs kauften. Erst Stunden später erfuhren wir den Grund der Einbestellung: Man beschuldigte uns, die Musik der „Satansanbeter“ zu hören – gemeint war Heavy Metal.
Ali Al-Haj-Ibrahim ist 36 und lebt derzeit in Weimar. 2025 hat er in Berlin einen Master in Medienwissenschaften und Politischer Kommunikation abgeschlossen.
Heimlich und vorsichtig
Wir mussten eine Erklärung unterschreiben, in der wir versprachen, nie wieder Metalsound zu hören, und wurden entlassen. Unsere Beziehung zu dieser Musik endete hier jedoch nicht. Im Gegenteil. Wir hörten weiterhin Metal, taten das allerdings heimlicher und vorsichtiger als zuvor.
Damals ahnte ich nicht, dass diese Nacht Teil einer viel größeren Geschichte war: die Geschichte einer syrischen Musikszene, die über Jahre zwischen Leidenschaft und Stigmatisierung, Kreativität und Verfolgung teils im Verborgenen existierte.
Heavy Metal entstand Ende der 1960er-Jahre in Großbritannien als verzinkte Weiterentwicklung von Hardrock und Bluesrock. Bands wie Black Sabbath prägten einen diabolischen Sound mit schweren Gitarrenriffs und kraftvollen Rhythmen. In den folgenden Jahrzehnten entstanden zahlreiche Subgenres. Über Kassetten und CDs verbreitete sich die Musik schließlich weit über Europa und die USA hinaus – auch nach Syrien.
Angebot und Nachfrage
Rockmusik war dort bereits seit den 1960ern bekannt. Platten- und Kassettenläden in Damaskus und Aleppo boten ein breites Sortiment an und ermöglichten damit jungen Leuten den Zugang zur internationalen Musik. Nach Angaben des Musikers und Festivalorganisators Hannibal Saad entstanden ab den 1960ern zahlreiche syrische Rockbands. Viele spielten zunächst Coverversionen von den Beatles, Pink Floyd, Deep Purple und King Crimson.
Bands wie The Cats, Tigers und später Rockestra traten bald auch öffentlich auf. Kulturzentren, Theater und ausländische Kulturinstitute boten Räume für Konzerte. Rockmusik hatte damit einen gewissen Platz im kulturellen Leben Syriens gefunden.
Heavy Metal stieß dagegen auf größere Vorbehalte. Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre begann sich das Genre in Syrien auszubreiten. Sein härterer Klang und seine verzinkte Ästhetik wirkten auf viele Menschen fremd. Mit der Szene entstanden jedoch Musiker, Bands und Orte, die Metal über Jahre am Leben hielten.
Jack Power – eine vergessene Stimme
Einer der wichtigsten Pioniere war Jack Power, der Künstlername des Sängers Akop Sagajan (1959–2021). Bereits als Kind hörte er Rockmusik und wurde besonders von Ozzy Osbourne und dessen Band Black Sabbath beeinflusst. Bekannt war er unter anderem für seine Interpretationen der Songs von Led Zeppelin, Pink Floyd, Deep Purple und Rainbow.
1989 gründete Sagajan in Aleppo die Band Weltschmerz. Noch im selben Jahr spielte die Band ein Konzert in der Zitadelle von Aleppo, zu dem nach Sagajans Erinnerung rund 6.000 Menschen kamen. Es gilt als eines der wichtigsten Ereignisse der syrischen Metal-Frühgeschichte.
Auch in den 1990ern trat Weltschmerz auf und ebnete so den Weg für andere syrische Gruppen. Dennoch erhielt Jack Power nie die öffentliche Anerkennung, die seinem Einfluss entsprach.
Zuckerwatte und Fruchtsäfte
2014 erlitt er einen Schlaganfall und konnte nicht mehr singen. In einem Interview kurz vor seinem Tod sprach er verbittert darüber, dass er seit Jahren nicht mehr auftreten konnte. In seinen letzten Lebensjahren verkaufte er vor seinem Haus Zuckerwatte und Fruchtsäfte. Im August 2021 starb er nach einer Herzerkrankung.
Vor einiger Zeit stieß ich zufällig auf eine alte Aufnahme, in der er „Stairway to Heaven“ von Led Zeppelin interpretierte. Bis dato wusste ich nichts von seinem Tod. Erst in den Kommentaren unter dem Song erfuhr ich, dass diese wichtige Stimme der syrischen Metal-Geschichte bereits verstummt war.
Mir wurde erneut bewusst, wie viele Storys dieser Szene verschwunden sind, nicht weil sie unwichtig waren, sondern weil sie kaum dokumentiert wurden.
Von Coverversionen zur Eigenkomposition
Der nächste Schritt war die Entstehung einer syrischen Metalmusik mit eigener Handschrift. Eine Schlüsselrolle spielte dabei die Band Nu.Clear.Dawn, gegründet 1997 in Aleppo. Die Mitglieder hatten zunächst Stücke von Dream Theater, Metallica, Iron Maiden und Black Sabbath gecovert, begannen dann aber, eigene Songs zu komponieren.
2001 erschien die Single „To Stand Forever“, 2003 folgte das Album „Poem of a Knight“. Es gehörte zu den ersten syrischen Metalalben, die vollständig aus Eigenkompositionen bestanden, und verband im Sound Progressive-Metal mit einer Geschichte über Rittertum, Krieg, Liebe und Ehre.
Die größte Herausforderung war nicht das Komponieren, sondern die Existenz der Band. Wechselnde Mitglieder, Migration, fehlende Proberäume und bürokratische Hürden erschwerten die Arbeit. Mitgründer Shant Hagopian erinnert sich in einem Interview daran, dass die Künstler von offiziellen Stellen gefragt wurden, warum sie diese Musik spielten, und teilweise beschuldigt wurden, Satanismus zu betreiben.
Trotzdem trat Nu.Clear.Dawn in Syrien auf und nahm 2004 am Festival „Rock The Nations“ in Istanbul teil. In den frühen Nullerjahren entstanden weitere Bands wie The Hourglass, Olive und Slumpark Correctional. Eine funktionierende Infrastruktur für unabhängige Musik entwickelte sich in Syrien jedoch nicht.
Bashar Haroun und der Underground
Während meiner Recherche stieß ich immer wieder auf den Namen Bashar Haroun. Er wurde 1985 in Aleppo geboren und begann bereits als Jugendlicher, Musik zu machen. 2004 gründete er das U-Ground Music Center – einen Ort für Proben, Aufnahmen, Konzerte und Musikunterricht. Für die Szene, der geeignete Räume fehlten, wurde U-Ground zum wichtigen Treffpunkt. 2008 wurde das Zentrum von den Sicherheitskräften der Armee in Aleppo geschlossen. Haroun und mehrere anwesende Musiker wurden festgenommen. Nach seiner Entlassung mieden ihn manche Bekannte aus Angst, selbst ins Visier der Sicherheitsbehörden zu geraten.
Haroun beschreibt diese Zeit so: „Der Staat auf der einen Seite, die Gesellschaft auf der anderen Seite, und du hängst dazwischen.“ Auch der Zugang zur Musik war schwierig. Als es noch kein Internet in Syrien gab, waren Metalkassetten und CDs nur schwer zu bekommen. Manche wurden aus dem Ausland mitgebracht und zu hohen Preisen verkauft. In Plattenläden lagen Metalaufnahmen nicht offen aus. Wer seltene Werke besaß, genoss innerhalb der Szene besonderen Status.
Noch schwieriger waren Konzerte. Musiker mussten selbst Plakate aufhängen und Werbung machen. Gleichzeitig konnten offizielle Genehmigungen kurzfristig widerrufen werden. Haroun erinnert sich an ein Konzert, bei dem sie gezwungen wurden, alle Plakate wieder abzuhängen, als die Genehmigung nur einen Tag vor der Veranstaltung zurückgezogen worden war.
Auch Frauen waren in der Szene kaum sichtbar. Laut Haroun lag das nicht an der Metalgemeinschaft, sondern am gesellschaftlichen Druck. Viele junge Frauen hörten Metal nur im Verborgenen „Es gab viele weibliche Metal-Fans, aber sie machten es heimlich“, sagt er. Eine Frau könne bloßgestellt werden, wenn sie ein Metalkonzert besuche: „Die Gesellschaft erdrückt sie vollständig.“
Die andere Seite der Bühne
Eine Musikszene besteht nicht nur aus Bands. Ich spreche deshalb auch mit syrischen Metalhörerinnen und -hörern. Amer, heute 43, erinnert sich, dass ihn zunächst politische Botschaften und Songtexte nicht anzogen. Englisch sei damals keine wichtige Kommunikationssprache gewesen, Texte und Übersetzungen waren schwer zugänglich. „Am Anfang lag die Faszination an der Lautstärke und dem ungewöhnlichen Rhythmus“, sagt er.
Salim, 38, hörte mit neun Jahren seinen ersten Metalsong. Sein älterer Cousin brachte ihm Kassetten und CDs aus Aleppo mit. „Ich möchte ein Rockstar werden, wenn ich groß bin“, sagte er damals. Mit 18 wurde auch er während der Kampagne gegen Metalhörer:innen und -musiker:innen festgenommen. Später lernte er Gitarre und machte Metalmusik, nachdem er Syrien verlassen hatte.
Leila, 32, besuchte 2018 ihr erstes Metalkonzert in Damaskus. Sie erinnert sich an ein Gefühl aus Freude und Angst zugleich. Zum ersten Mal habe sie erlebt, dass sie mit ihrem Musikgeschmack nicht allein war. Gleichzeitig wusste sie von den früheren Verhaftungen und Stigmatisierungen. Rund 100 bis 150 Menschen besuchten das Konzert in der Mustafa-Ali-Galerie.
Vom Metal-Fan zur Musikerin
Reem, eine 31-jährige Syrerin, die heute als Ärztin in Deutschland arbeitet, gehört zu den wenigen Frauen, die selbst in einer Metal-Band spielten. Sie entdeckte Metal mit 14, unter anderem durch die US-Bands Metallica und Korn. Später wurde die Musik für Reem zu einem Freiraum, in dem sie experimentieren, selbst spielen und gesellschaftliche Grenzen überschreiten konnte.
Um 2016 spielte sie bei einer von ihrer Schwester und Freunden in Latakia gegründeten Band als Gastkeyboarderin. Sie trat bei etwa drei Konzerten auf; geprobt wurde in Wohnungen oder gemieteten Studios. Eigene Aufnahmen entstanden nicht.
Trotz der geringen Zahl von Metalmusikerinnen fühlte sie sich in der Szene nicht gezwungen, sich stärker zu behaupten als Männer. Ihre Familie hatte keine Einwände, und auch das Publikum habe sie respektvoll behandelt. Dennoch, sagt Reem, sei die Metal-Szene nicht völlig frei von den patriarchalen Vorstellungen der syrischen Gesellschaft gewesen – nur etwas offener.
Mit dem Krieg veränderte sich auch das Leben der Musiker:innen. Einige verloren ihre Häuser, andere mussten wegen der wirtschaftlichen Lage ihre Instrumente verkaufen. Einzelne Mitglieder der Band wanderten aus oder gingen andere Wege; die Gruppe bestand später unter wechselnden Namen weiter.
Auf die Frage, wie sie sich eine syrische Metalmusikerin dieser Zeit vorstellt, antwortet sie: „Ein Mädchen, das sich nicht in die vom gesellschaftlichen Umfeld vorgegebenen Formen zwängen lässt, mutig ist, sich nicht von negativen Vorstellungen über Metal abschrecken lässt und nach kultureller und persönlicher Offenheit strebt.“
Diese Erinnerungen zeigen, dass Metal für viele syrische Jugendliche weniger ein politisches Programm als zunächst eine Möglichkeit war, eine eigene Welt zu entdecken – eine Welt, in der sie sich von ihrem Umfeld unterschieden und dennoch Gleichgesinnte fanden.
Eine vergessene Kulturgeschichte
Während des Gesprächs mit Bashar Haroun musste ich an meine eigene Verhaftung 2007 denken. Ich erinnerte mich daran, wie mein älterer Bruder aus Angst vor weiteren Problemen alle Kassetten im Haus verbrannte – nicht nur die Metaltapes. Ich erinnerte mich an die Angst, wenn ein Polizeiwagen vorbeifuhr, und an einen Freund, der seine langen Haare abschnitt, um nicht weiter aufzufallen.
Meine Recherche zeigte mir, dass unsere Geschichte kein Einzelfall war. Musiker:innen und Hörer:innen in verschiedenen syrischen Städten machten ähnliche Erfahrungen. Der Vorwurf des „Satanismus“ war Ausdruck einer Mischung aus Angst vor dem Unbekannten, gesellschaftlichen Vorurteilen und staatlicher Repression.
Gleichzeitig wurde diese Musikszene kaum dokumentiert. In syrischen Medien erschien Metal häufig nur in vereinfachter Form – etwa als Musik, die den Tod verherrliche, oder als Ausdruck „verlorener Jugendlicher“. Die Vielfalt seiner Themen – von Politik und Gesellschaft über Philosophie und Mythologie bis hin zu Fantasy – blieb weitgehend unbeachtet.
Inzwischen haben sich viele syrische Metal-Bands aufgelöst, Musiker:innen sind ausgewandert und Aufnahmen verschwunden. Doch Haroun glaubt nicht, dass die Geschichte von Metal in Syrien schon zu Ende ist. Noch immer versuchen junge Menschen, mit einfachen Mitteln Konzerte zu organisieren und das Musikgenre in Syrien lebendig zu halten.
Am Ende unseres Gesprächs sagte er lächelnd zu mir: „Du hast meine Erinnerungen wieder geweckt und mich an schöne Dinge zurückgebracht.“ Diese Recherche war nicht nur der Versuch zu verstehen, warum wir vor fast zwei Jahrzehnten verhaftet wurden, sie war auch der Versuch, die Erinnerung an eine Musikszene aufrechtzuerhalten, die über Jahrzehnte zwischen Begeisterung und Missverständnis existierte – und deren Geschichte heute beinahe verschwunden ist.
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