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Junge Menschen erkranken immer öfter an Depressionen, aber die Psychiatrie versteht sich immer noch vor allem als Notfallgeschäft. Durch bessere Früherkennung ließe sich eine Menge Leid verhindern

Von Laura Catoni (Text)und Sven Döring (Fotos)

Freundlich schaut eine Mitarbeiterin über den Tresen des Headspace Centre im australischen Melbourne. Im Hintergrund hängen kleine Pride-Flaggen und die Flaggen der australischen indigenen Völker, davor Kärtchen mit dem Wort „Hallo“ in verschiedenen Sprachen. Neben dem Tresen gibt es Snacks, Tee und Kaffee. Darüber sind Fotos von Katzen und Hunden zu sehen, Mitarbeitende und Besuchende können hier ihre Haustiere präsentieren, erklärt Adrian Del Monaco und lacht, als er im Videoanruf seinen Arbeitsplatz zeigt.

Was auf den ersten Blick auch ein Co-Working-Space oder ein Hostel in einer Großstadt sein könnte, ist eine Anlaufstelle für Jugendliche und junge Erwachsene, die sich psychisch belastet fühlen. Im Headspace Centre sollen sie von einem Team aus Psycholog*innen, Allgemeinmediziner*innen, Dro­gen­ex­per­t*in­nen und So­zi­al­ar­bei­te­r*in­nen aufgefangen werden, bevor sich eine seelische Erkrankung manifestiert oder chronisch wird. Adrian Del Monaco, studierter Psychologe, leitet die Einrichtung. Ein Besuch ist ohne Anmeldung möglich und kostenfrei. „Soft entry“ nennen sie das hier, Zugang ohne Hürden. „Deshalb tragen wir hier auch Jeans und T-Shirt“, erklärt Del Monaco und hält die Kamera beim Videoanruf auf seine Klamotten. „Wenn wir Anzug oder Arztkittel tragen würden, würde hier niemand mit uns sprechen.“

Australien gilt als Vorreiter in Sachen Früherkennung in der Psychiatrie. Der Fokus liegt dabei auf jungen Menschen, denn etwa 70 Prozent aller psychischen Erkrankungen entwickeln sich vor dem 25. Lebensjahr. Angebote wie die 2006 ins Leben gerufenen Headspace Centres sind Teil der Standardgesundheitsversorgung und werden staatlich finanziert. Durchschnittlich 150.000 Menschen kommen jedes Jahr in die Zentren, von denen es inzwischen 174 Stück in ganz Australien gibt. Allein in Melbourne sind es über zehn an der Zahl, alle zu erkennen an dem hellgrünen Eingangsschild. Die Einrichtungen liegen zen­tral, oft auf Einkaufsstraßen zwischen Cafés und Geschäften. Die australische Nachmittagssonne scheint ins Bild, als Adrian Del Monaco die Eingangstür seines Zentrums öffnet und die Kamera nach draußen hält. Nur ein paar Meter entfernt liegt der Bahnhof, gegenüber ein Supermarkt, direkt vor der Tür hält ein Bus.

In Deutschland ist es für die meisten selbstverständlich, sich impfen zu lassen, einmal im Jahr zum Zahnarzt zu gehen und alle zwei Jahre zum Hautkrebsscreening. Frauen ab 50 lassen sich im Idealfall bei der Mammografie auf Brustkrebs untersuchen, Männer ab 45 beim Urologen auf Prostatakrebs. Doch Angebote wie das Headspace Centre in Australien fehlen, abgesehen von einem einzigen ähnlich konzipierten Standort in Berlin. Zwar zählt Deutschland inzwischen um die 20 Zentren zur Früherkennung psychischer Erkrankungen. Die meisten allerdings haben einen engen Fokus auf Psychosen und befinden sich zudem in Kliniken, was die Hemmschwelle für einen Besuch erhöhen kann.

Dabei leiden immer mehr junge Menschen in Deutschland unter psychischen Erkrankungen. Unter den 5- bis 24-Jährigen beispielsweise stieg die Zahl der Depressionen im Zeitraum von 2018 bis 2023 um 30 Prozent auf über 400.000. Bei den 10.000 Menschen, die sich in Deutschland jedes Jahr das Leben nehmen, ist bei 50 bis 90 Prozent von einer psychischen Erkrankung als Ursache auszugehen. Seelische Erkrankungen gehören zudem zu den vier häufigsten Gründen für den Verlust gesunder Lebensjahre. Und: Depression, Angststörungen und Co sind für einen Großteil der Frühverrentungen verantwortlich. Das hat auch wirtschaftliche Folgen: Jedes Jahr kosten psychische Störungen das Gesundheitssystem eine Menge Geld, 2020 waren es rund 56,4 Milliarden Euro, ein Anstieg von 13 Prozent im Vergleich zu 2015. Nur Krankheiten des Kreislaufsystems verursachen mehr Ausgaben.

Wenn Andrea Pfennig über die Headspace Centres in Australien spricht, wird ihr Blick wacher, ihrer Stimme hört man die Begeisterung an. Sie leitet am Dresdner Uniklinikum das Früherkennungszentrum FEZ „Früh dran“ als Teil des Zentrums für Seelische Gesundheit. 2008 hat sie die Einrichtung mit zwei Kol­le­g*in­nen aufgebaut. Pfennigs Büro liegt im Dachgeschoss eines Altbaus auf dem Krankenhausgelände. Anders als bei den Headspace Centres kommt hier niemand einfach so vorbei. „Eigentlich müssten wir mit unserem Angebot rausgehen aus dem Klinikum, auf die Straße, in die prekären Stadtteile, wo das Risiko für psychische Erkrankungen besonders hoch ist“, sagt Andrea Pfennig in einem Besprechungszimmer des Zentrums.

Wie sich die Versorgung durch die Headspace Centres in Australien auf die psychische Belastung, psychosoziale Funktionsfähigkeit und Lebensqualität ihrer Be­su­che­r*in­nen auswirkt, haben For­sche­r*in­nen der Univesity of Canberra untersucht. Laut ihnen zeigte sich bei über 70 Prozent der Teilnehmenden eine signifikante Verbesserung in mindestens einer der drei Kategorien. Eine vom australischen Gesundheitsministerium in Auftrag gegebene Untersuchung kam zudem zum Schluss, dass das Headspace-Modell die psychische Gesundheitskompetenz junger Menschen verbessere, wodurch diese eher erkennen würden, wann sie professionelle Hilfe benötigten. Außerdem erleichtere Headspace den Zugang zu psychologischer Betreuung und trage zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen bei.

Eindeutige Hinweise darauf, ob das Modell die Zahl der stationären Behandlungen junger Menschen mit psychischen Erkrankungen senkt, fehlen bislang. Zudem wird immer wieder Kritik laut, dass die Zentren zu wenig Personal haben und schwere Fälle nur unzureichend behandeln können. Doch unterm Strich gilt Headspace international als Vorbild in Sachen Frühintervention bei psychischen Erkrankungen. Deshalb haben Länder wie Frankreich, Niederlande, Dänemark, Irland oder Kanada das Konzept auf die ein oder andere Weise übernommen.

Deutschland dagegen nicht. Umso mehr versucht das Team von Andrea Pfennig am FEZ, jungen Menschen den Zugang zu ihrem Angebot zu erleichtern. Wer hierher kommt, muss keine Chipkarte mitbringen, weder Namen noch Adresse nennen. „Die Scheu, sich hier vorzustellen, ist bei vielen jungen Menschen groß und obwohl sich das inzwischen langsam ändert, wirkt das Stigma ‚psychisch krank‘ immer noch“, erklärt Pfennig. Ihr Team arbeitet deshalb auch noch mit Papierakten, statt die Be­su­che­r*in­nen­da­ten am Computer einzutragen. Wer unter 18 ist, darf bei den ersten Terminen auch ohne Eltern kommen oder kann Freun­d*in­nen mitbringen. All das soll das Vertrauen auf der Pa­ti­en­t*in­nen­sei­te erhöhen. Wo alles anonym abläuft, wird es allerdings schwierig mit der Kostenübernahme. Ohnehin sehe das deutsche Gesundheitssystem keine Finanzierung für das Aufspüren von Risiken und Frühstadien einer psychischen Erkrankung vor, erklärt Pfennig.

Seit seiner Eröffnung kamen rund 2.000 Menschen ins FEZ, das sich mit seinem Angebot an Personen zwischen 16 und 35 Jahren richtet. Eine von ihnen ist Melanie Mutschek, deren Namen wir auf ihren Wunsch hin geändert haben. Die Mittzwanzigern trägt viele Ohrringe und dunkle Kleidung. Vor sechs Jahren meldete sie sich beim FEZ, nachdem ihre Mutter im Internet darauf aufmerksam geworden war. Es war Frühjahr 2020, Mutschek hatte ihr Abi in der Tasche und beinah auch ihren Wunschstudienplatz. Doch dann kam die Absage. Dann Corona. Dann der Lockdown. Die Welt stand still – vor allem für junge Menschen wie sie.

Die psychische Verfassung junger Menschen ist eine Art Frühwarnsystem für die ganze Gesellschaft

Patrick McGorry, Psychiater

„Ich bin in ein Loch gefallen“, erzählt Mutschek. „Ich hatte keine Tagesstruktur mehr und verbrachte die meiste Zeit nur noch im Bett.“ Es sei ihr nicht leicht gefallen, im FEZ anzurufen, sich einzugestehen, dass sie Hilfe brauchte. Doch rückblickend lohnte sich der Schritt. Nach ein paar Terminen erhielt sie die Diagnose Depression. Die junge Dresdnerin erinnert sich: „Ich war dankbar, weil mein Zustand endlich einen Namen hatte und ich von außen bestätigt bekam, dass ich mir das, was ich fühlte, nicht nur einbildete.“ Über das FEZ stellte man Melanie medikamentös ein, drei Monate später begann sie eine Psychotherapie. Heute, mit sechs Jahren Abstand, gehe es ihr deutlich besser. Sie befindet sich in den Endzügen ihrer Ausbildung, geht wieder raus, pflegt ihre Freundschaften und Hobbys. „Natürlich habe ich noch schlechte Tage, aber die liegen weit auseinander.“

Laut Andrea Pfennig erfüllt rund ein Drittel der Kli­en­t*in­nen im FEZ wie Melanie Mutschek bereits die Kriterien für eine Diagnose. In den meisten Fällen handelt es sich um eine Depression, Angststörung oder Suchterkrankung. Ginge es nach der Ärztin, würden sich die Betroffenen noch früher in ihrem Zentrum melden, damit sich ihre Erkrankungen gar nicht erst manifestieren. „Die Patienten sind da“, betont sie. „Wenn sie nicht jetzt im Versorgungssystem landen, dann später, wenn sie schon schwer erkrankt sind.“

Derzeit vergehen bei den meisten psychischen Störungen mehrere Jahre zwischen dem Auftreten erster Symptome und dem Beginn der Behandlung, heißt es in einer 2025 veröffentlichten Übersichtsarbeit. Wo keine rechtzeitige Behandlung stattfinde, steige das Risiko der Chronifizierung. Umso wichtiger, konstatieren die Autor*innen, sei es, Betroffenen frühzeitig zu helfen.

Zum gleichen Schluss kommt eine aktuelle Meta-Analyse. Unter der Leitung von David Daniel Ebert von der TU München untersuchten die Forscher*innen, wie wirksam präventive Maßnahmen bei Erwachsenen mit leichten depressiven Symptomen sind. Das Ergebnis: Die Häufigkeit von Depressionen innerhalb der nächsten sechs Monate sank dank Intervention signifikant um 42 Prozent, nach bis zu zwölf Monaten lag die Reduktion noch bei 33 Prozent. Für die Stu­di­en­ma­che­r*in­nen zeigt dies, „dass Präventionsmaßnahmen flächendeckend für unterschiedliche Personengruppen wirken.“ Zudem wirft die Studie die Frage in den Raum, „ob psychologische Interventionen wie eine Impfung fungieren könnten, die regelmäßig aufgefrischt werden müssen“.

Braucht es vielleicht sogar einen Check-up in Sachen seelischer Gesundheit? Wie zum Zahnarzt gehen wir einmal im Jahr vorsorglich zu einer Psychia­terin oder lassen uns beim Hausarzt auf depressive Symptome abklopfen? Eva Meisenzahl hält wenig von so einer Idee. Die Wissenschaftlerin forscht seit Jahren zum Thema Früherkennung und glaubt nicht, dass „wir weiterkommen, wenn wir die Gesamtbevölkerung auf psychische Erkrankungen untersuchen“. Zumal das die Menschen in der Fläche ihrer Meinung nach „zurecht“ auch nicht mitmachen würden. Viel wichtiger sei es durch eine strukturierte Früherkennungsdiagnostik diejenigen aufzufangen, die bereits erste Veränderungen in ihrem Verhalten, Denken oder Fühlen feststellen.

Bis dahin sei der Weg aber noch lang. Prävention werde in der Psychiatrie bis heute vernachlässigt, sagt die Professorin für Psychiatrie und Psychotherapie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Laut Meisenzahl steht für die Psychiatrie in Deutschland häufig noch ein ordnungspolitischer Auftrag im Vordergrund. „Wir sind zwar Ärzte, aber auch Stützkräfte für Richter, Staatsanwälte, Polizei. Dadurch ist Psychiatrie vor allem auch ein Notfallgeschäft.“ Zudem legten die meisten For­sche­r*in­nen in ihrem Fach ihren Schwerpunkt vor allem auf Phasen, in denen psychische Erkrankungen bereits schwer oder chronisch sind. Auch hielte sich bis heute der Zweifel, dass es gar nicht möglich sei, systematisch Nachweise für ein Frühstadium beispielsweise einer Depression zu finden, weil Variablen wie Kindheitserfahrungen und individuelle Lebensumstände ebenfalls einen Einfluss haben. „Aber auch ein Krebspatient oder Bluthochdruckpatient hat eine eigene Geschichte und wir betreiben in diesen Disziplinen trotzdem Früherkennung“, entgegnet Meisenzahl, die aktuell eines der größten Untersuchungen im Bereich KI und Früherkennung psychischer Störungen in Deutschland leitet: Das 2023 gestartete „CARE“-Projekt.

Das Akronym steht für „Computer-assistierte Risiko-Evaluation“. Dahinter stehen ein bundesweites Netzwerk aus Fachleuten aus Psychiatrie, Ethik und Gesundheitsökonomie sowie rund 20 Früherkennungszentren. Mittels KI ließen die For­sche­r*in­nen Daten aus standardisierten Interviews, neuropsychologischen Tests, MRT-Hirnscans und Laboruntersuchungen auswerten, um das individuelle Risiko einer Psychose einer Person besser vorherzusagen. Durch frühzeitige Diagnosen erhoffen sich die Forschenden, Erkrankungen verhindern oder Krankheitsverläufe deutlich abmildern zu können.

Wenn die Patienten nicht jetzt im Versorgungs­system landen, dann später, wenn sie schon schwer erkrankt sind

Andrea Pfennig, Professorin für Psychiatrie

Auch andere For­sche­r*in­nen haben das Potenzial von künstlicher Intelligenz (KI) erkannt. So kommt ein internationales Team um Nikolaos Koutsouleris vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München zu dem Schluss, dass eine Kombination aus künstlicher und menschlicher Intelligenz zu einer verbesserten Früherkennung führen kann. Ärz­t*in­nen unterschätzten oft die Häufigkeit von negativen Verläufen. Die Schlussfolgerung: Die Nutzung von KI könnte nicht nur die Prävention von Psychosen verbessern, sondern auch von wiederkehrenden Depressionen.

Wieder ein Videoanruf nach Australien. Patrick McGorry sitzt vor einem großen Bücherregal, der Mann mit weißem Bart und Brille gehört zu den Pionieren der Früherkennungsforschung in der Psychiatrie. Seit den 1980ern beschäftigt er sich mit kaum etwas anderem, spricht unermüdlich in Vorträgen und Interviews darüber. Das Headspace-Modell in Australien hat McGorry mitentwickelt. Heute geht er auf die 75 zu und ist weit entfernt vom Ruhestand. „Ich bin zwar Psychiater und Forscher, aber habe mich auch immer als Aktivist und Reformer gesehen“, sagt er. Obwohl sich in den letzten Jahrzehnten viel getan hat in Sachen Früherkennung seelischer Erkrankungen, steht diese seiner Meinung nach immer noch im Schatten der somatischen Medizin. Das zeige sich auch an den Ausgaben für die jeweilige Forschung: „Ich sage nicht, dass man Krebs nicht behandeln sollte. Aber wir stecken so viel Geld in die Krebsforschung, um am Ende einem 82-Jährigen ein Jahr Lebenszeit zu schenken, während junge Menschen mit ihrer mentalen Gesundheit vernachlässigt werden.“

Prävention läuft für McGorry aber nicht nur auf klinischer Ebene ab, sondern auch auf sozialer, politischer, gesellschaftlicher. „Die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt und wir müssen uns ehrlich machen, was die Gründe dafür angeht“, sagt er und zählt auf: steigende Ungleichheit, ein neoliberales Wirtschaftssystem, Kürzungen in Bildung und Sozialarbeit, Kriege und Klimakrise. Wer psychische Erkrankungen verhindern will, müsse auch diese Themen angehen, fordert der Australier. Schließlich sei die Verfassung junger Menschen eine Art Frühwarnsystem für die ganze Gesellschaft.

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