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Memes zum US-Angriff auf VenezuelaDas Grauen im Jogginganzug

Kommentar von

Giorgia Grimaldi

Nach dem US-Angriff auf Venezuela fluten Memes von tanzenden Maduros, Jogginganzügen und KI-Fakes das Internet. Trump inszeniert sich als Actionheld.

„Who’s next?“: Ein KI-generiertes Bild geht viral Foto: screenshot: x/@Anthony48912269 (Ausschnitt)

D as Jahr war kaum ein paar Tage alt, da hatte das aus 2025 vertraute absurde Tempo politischer Großereignisse das Geschehen schon wieder fest im Griff: Während viele zwischen den Feiertagen noch orientierungslos zwischen Kühlschrank und Sofa pendelten und nur das Finale von „Stranger Things“ sehen wollten, war Donald Trump längst im Aktionsmodus. Statt Besinnlichkeit stand ihm der Sinn nach einer Blockbuster-reifen Entführung: der Festnahme des venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro und dessen Ehefrau.

Trump rechtfertigte den Eingriff mit dem Schlagwort „Narcoterrorismus“ und sprach im selben Atemzug über wirtschaftliche Interessen und Venezuelas Erdölvorkommen. Die internationale Gemeinschaft diskutiert, ob es sich um einen strategisch-militärischen Coup oder um einen offenen Bruch des Völkerrechts handelt. Eine eindeutige Antwort oder gar Haltung bleibt bislang aus.

Auch die deutsche Bundesregierung ringt noch um Worte, da ist Trump schon beim übernächsten Tabubruch angekommen. Er liebäugelt öffentlich mit der Übernahme Grönlands und droht Kolumbien.

Das von Donald Trump auf x verbreitete Bild, das Nicolás Maduro nach seiner Festnahme an Bord eines Kriegsschiffs zeigen soll Foto: x/@realDonaldTrump

Bis westliche Regierungen ihre Sprache wiederfinden, lohnt sich der Blick auf einen anderen Schauplatz der Eskalation: die mediale Inszenierung. Denn zumindest das Internet liefert zuverlässig, die Meme-Maschine läuft auf Hochtouren und übernimmt, was Politik und Diplomatie schuldig bleiben: die Einordnung von Ereignissen, von denen man sich wünscht, sie wären wirklich nur ein Film.

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„Who’s next?“

Trump wäre nicht Trump, wenn er die Aktion nicht gezielt und maximal wirksam in Szene setzen würde. Das Bild von Maduro im grauen Nike-Jogginganzug mit Sonnenbrille, Gehörschutz und Wasserflasche nach seiner Festnahme an Bord eines US-Kriegsschiffes ging sofort viral. Genauso ein KI-generiertes Bild von Trump, auf dem er ähnliche graue Hoodies von Nike im Bekleidungsgeschäft beäugt. Mit der Zeile „Who’s next?“ trifft es einen Nerv.

„who's next?“: Ein KI-generiertes Bild geht viral Foto: x/@Anthony48912269

Der Trend für das nächste Karnevalskostüm ist jedenfalls gesetzt, der Tech-Fleece-Anzug von Nike ist ausverkauft oder zumindest nicht mehr verfügbar. Auf die Frage, wer von dem Eingriff am meisten profitiere, die USA oder Venezuela, liefert das Netz eine klare Antwort: Nike.

Nicht nur Internetnutzer treiben die Meme-Maschine an, auch das Weiße Haus beteiligt sich an der popkulturellen Überhöhung der Operation

Der Jogginganzug ist dabei ein interessantes Detail. Denn in der politischen Bildsprache steht er für Volksnähe, Bodenständigkeit und Zugehörigkeit. Maduro nutzte dieses Stilmittel in der Vergangenheit bewusst, während sein autoritäres Regime in Wahrheit weder Nähe noch Freiheit gewährte. Dass der Diktator in diesem Outfit eine weltweite Witzfigur wird, ist eine bemerkenswerte Wendung des Trump’schen Drehbuchs.

Ein Tanz zu viel?

Nicht nur Internetnutzer treiben die Meme-Maschine an. Auch das Weiße Haus beteiligt sich aktiv an der popkulturellen Überhöhung der Operation. Offizielle Posts inszenieren den Zugriff wie eine Szene aus einem Actionfilm. Man ist fast enttäuscht, dass sich Trump à la „Mission Impossible“ nirgends abgeseilt hat. Wiederkehrendes Elemente sind Ausdrücke wie „FOFA“ („fuck around and find out“) und „if you don’t know, now you know“.

Worauf sich „fuck around“ genau bezieht, bleibt offen. Es könnte gemeint sein, dass der Internetauftritt Maduros mit Tänzen und provokanten Video-Antworten auf Trumps Drohungen den US-Präsidenten genervt und ihn zum letzten Schritt motiviert haben könnte. Möglicherweise war es „Ein Tanz zu viel“, schreibt die New York Times.

Anders als bei einem klassischen Actionfilm ist aber auch zum Schluss noch nicht ganz klar, wer hier gut und wer böse ist. Und was man als Zuschauer für sich mitnehmen sollte, außer der unbequemen Einsicht, dass Abschalten zwar möglich, aber keine echte Option ist. Zumindest nicht für alle. Denn auch wenn die Bilder unterhalten mögen, die Memes als Comic Relief funktionieren und der Spott kurzfristig Struktur ins Chaos bringt, läuft der echte Film weiter. Vor allem für die Menschen in Venezuela und anderen Ländern, die zuschauen müssen, wie sich vor ihnen eine gewaltige Drohkulisse aufbaut.

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