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„Mein Leben gehört wieder mir“

Abtreibung ist in Brasilien illegal, aber unter bestimmten Umständen straffrei. Doch vor allem benachteiligte Schwangere sind über ihre Rechte oft nicht informiert

Aus Bahia Christine Wollowski

Nachts ruhen die Dokumente sicher unter ihrem Kopfkissen. Tagsüber in einer winzigen Plastikhülle, die sie am Körper oder in der Handtasche verstaut. Niemand soll etwas wissen, vor allem die Oma nicht, die sie für eine Sünderin halten würde. Mit ihrer hellen Kinderstimme entschuldigt sich Suely, dass sie mehr als eine Stunde verspätet zum Treffpunkt kommt. Sie ist blass, hat dunkle Augenringe. Suely konnte die ganze Nacht nicht schlafen, trotz der Medikamente gegen Angstzustände und der Antidepressiva, die sie genommen hatte. Heute soll sie die Bestätigung bekommen, dass wirklich alles vorbei ist.

„Ich bereue es nicht“, sagt Suely mit ihrer hauchzarten Kinderstimme, „es ist nicht so gekommen, wie die Sozialarbeiterin gesagt hat.“ Angst hat sie trotzdem. Vor medizinischen Folgen, vielleicht noch mehr vor dem Urteil der anderen. Wird die Ärztin, bei der sie sich zur Ultraschalluntersuchung angemeldet hat, sie beschimpfen? Ihr die Untersuchung verweigern?

Suely heißt in Wirklichkeit anders, ist 20 Jahre alt und lebt in einer nordostbrasilianischen Großstadt bei ihrer tief religiösen Großmutter, die einer Pfingstkirche angehört. Suely hat getan, was außer ihr jedes Jahr rund 1,8 Millionen Brasilianerinnen tun: Sie hat abgetrieben.

Brasilien ist ein religiöses Land mit weit verbreiteten konservativen Moralvorstellungen, knapp ein Drittel der Bevölkerung gehört Pfingstkirchen an, mehr als 56 Prozent der katholischen Kirche. Im aktuellen Wahlkampf betont der ultrarechte Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro in jeder Rede, dass er absolut gegen Abtreibung und „für das Leben“ sei.

Auch Präsident Lula, der in seinem ersten Mandat noch eine Kommission zur Revision des Abtreibungsrechts ins Leben gerufen hatte, vermeidet es inzwischen, deutlich Stellung zu beziehen. „Persönlich bin ich dagegen“, sagt der 80-Jährige vage, vielleicht aus Sorge, konservative Wähler zu vertreiben.

Schwangerschaftsabbruch ist laut dem brasilianischen Strafgesetz aus dem Jahr 1940 grundsätzlich verboten und nur in drei Ausnahmefällen straffrei: bei Gefahr für das Leben der Mutter, bei Fehlbildungen des Fötus wie etwa schwerer Anenzephalie und bei Schwangerschaft infolge von sexueller Gewalt. In diesen Fällen steht der legale Abort jeder betroffenen Frau kostenlos im öffentlichen Gesundheitssystem offen.

Wer nicht in diese Kategorien passt, versucht in illegalen Privatkliniken einen sicheren Abbruch zu Preisen vornehmen zu lassen, die je nach Schwangerschaftswoche das Doppelte bis Fünffache des gesetzlichen Mindestlohns ausmachen. Oder sie reist ins Ausland. In Argentinien, Kolumbien und Mexiko ist der Eingriff weitgehend straffrei möglich. Den anderen bleibt übrig, Billigkliniken zu vertrauen oder zu versuchen, sich selbst zu helfen.

Jede siebte Brasilianerin bis zu 40 Jahren hat bereits mindestens einmal abgetrieben, mehr als die Hälfte davon erstmals vor ihrem 19. Lebensjahr. Mögliche Folgen der sogenannten unsicheren Abtreibungen sind Gesundheitsschäden bis hin zu Todesfällen. Vor allem Schwarze Mädchen und Frauen in prekärer Situation schlucken Medikamente, Giftpflanzen, chlorhaltige Reinigungsmittel und sogar Rattengift, um abzutreiben, registriert die 2023 veröffentlichte Studie Iyaleta. Mehr als 200.000 Frauen werden jedes Jahr zur Vollendung illegal begonnener Eingriffe oder wegen deren Gesundheitsfolgen in öffentlichen Krankenhäusern interniert.

Illegale Abtreibung ist in Brasilien eine der häufigsten Todesursachen bei Schwangeren, deshalb sagt die Anwältin und Pflichtverteidigerin Livia Almeida: „Abtreibung ist eine Frage der öffentlichen Gesundheit.“

„Ich wollte heimlich nach Kolumbien fahren“, berichtet Suely und wippt unruhig auf dem Plastikstuhl im Warteraum der Gynäkologin. „Mir irgendwo Geld leihen, meiner Oma erzählen, ich sei bei einer Freundin, egal was.“ Als Studentin und weiße Angehörige der Mittelschicht gehört Suely zu den privilegierten Frauen. Doch mehrere Tausend Reais hatte auch sie nicht parat.

Wahlen in Brasilien

Wann wird gewählt?

Am 4. Oktober finden die Präsidentschaftswahlen in Brasilien statt. Rund 156 Millionen Wahlberechtigte müssen ihre Stimme abgeben, in Brasilien herrscht Wahlpflicht. Wenn im ersten Wahlgang keine Kan­di­da­t:in die absolute Mehrheit erringt, findet am 26. Oktober eine Stichwahl statt. 13 Kan­di­da­t:in­nen stellen sich zur Wahl

Wer wird gewählt?

Amtsinhaber Luiz Inácio „Lula“ da Silva von der linken Partido dos Trabalhadores (PT) stellt sich für eine vierte Amtszeit zur Wiederwahl. Sein Hauptgegner: Flávio Bolsonaro von der rechtskonservativen Partido Liberal (PL) und Sohn des ultrarechten Ex-Präsidenten Jaír Bolsonaro, dem der Oberste Gerichtshof wegen Amtsmissbrauchs seine politischen Rechte entzogen hat. Nach Umfragen liegt der 80jährige Lula vor dem 45jährigen Flávio

Im Internet fand sie den Kontakt einer NGO, die Frauen dabei unterstützt, notfalls außer Landes abzutreiben. Sie füllte einen Fragebogen aus und bekam eine Nachricht von der Gründerin der NGO Milhas pela vida das Mulheres, Juliana Reis. „Suely hatte auf unserem Formular die Frage nach der Einvernehmlichkeit des Geschlechtsverkehrs bejaht“, erinnert sich Juliana Reis. „Aber auf die Frage, ob eventuell Gewalt im Spiel gewesen sein könnte, hatte sie mit vielleicht geantwortet.“

Suely blickt starr auf die makellos weiße Wand im Wartezimmer. Als sie weiterspricht, beginnen ihre Hände zu zittern. Ihr Ex-Freund wollte die Trennung nicht akzeptieren, sagt sie. Er habe ihr gedroht. Er würde ihren Vater aufsuchen, andere Jungs, mit denen sie ausging, zusammenschlagen, falls sie nicht wieder mit ihm zusammenkäme. Er überwacht Suely, besucht die gleichen Vorlesungen wie sie, nimmt den gleichen Bus, lungert um ihr Haus herum, droht, sich umzubringen.

Da gibt sie nach. Nur so lange, bis ihr Vater seine Weiterbildung beendet hat, sagt sie sich, die will sie ihm auf keinen Fall verderben. Zwei Monate lang erträgt Suely Beleidigungen, Kontrolle und immer schmerzhafteren Geschlechtsverkehr. Immer häufiger bekommt sie nachts Angstattacken. Seit dieser Zeit trägt sie ständig Notfallmedikamente bei sich. Dann merkt sie, dass sie schwanger ist. Das alles schreibt sie Juliana. „Sex unter Bedrohung ist eindeutig eine Gewaltsituation“, erklärt die ihr per Whatsapp. „Du könntest das Recht auf legale Abtreibung haben!“ Suely kann das nicht fassen: „Wie jetzt, legal?“ tippt sie in ihr Handy.

Fehlende Information ist einer der wichtigsten Gründe, warum Brasilianerinnen ihr Recht auf legale Abtreibung nicht ausüben. Sie wissen nicht, dass sie überhaupt das Recht darauf haben. Sie wissen nicht, wo so ein Eingriff vorgenommen wird. Sie wissen nicht, dass sie nur angeben müssen, Gewalt zum Opfer gefallen zu sein, dass sie keine Beweise dafür brauchen. „Wenn die Gewalt nicht physisch ausgeübt wird, identifizieren viele Opfer sie nicht einmal als solche“, ergänzt die Gynäkologin Romina Hamui, die 2021 am öffentlichen Krankenhaus Maria da Conceição de Jesus in Salvador da Bahia eine Abteilung für legalen Schwangerschaftsabbruch aufgebaut hat.

Die Sozialarbeiterin sagte, ich müsse Jesus akzeptieren und meine Eltern würden mir schon helfen

Suely, 20, über ihren Weg zur Abtreibung

Wie überall in Brasilien werden auch hier die Abtreibungen innerhalb einer Entbindungsklinik vorgenommen. Um Trigger zu vermeiden, schult Romina Hamui die ausschließlich weiblichen Teammitglieder, mit denen die Patientinnen zu tun haben, diese nicht als „Mama“ anzusprechen und von „Föten“ anstatt von „Babys“ zu reden. „Wir versuchen, so neutral wie möglich zu beraten, sowohl über Abbruchmöglichkeiten, als auch über Alternativen wie die Freigabe zur Adoption“, erklärt die Ärztin.

Suely ist erleichtert, dass sie als Gewaltopfer legal abtreiben kann. Aber sie fürchtet, im von der NGO Milhas empfohlenen Referenzkrankenhaus nahe ihres Wohnviertels Bekannten zu begegnen. So geht sie in eine weiter entfernte Klinik. Dort versucht ihr die zuständige Sozialarbeiterin, die Abtreibung auszureden. „Sie wollte mich zur Psychologin schicken, damit ich meine Meinung ändere und behauptete, ich hätte kein Recht auf den Eingriff. Während ich ihr von der Erpressung durch meinen Ex erzählt habe, hat sie nur auf ihr Handy geguckt“, sagt Suely. „Zum Schluss hat sie gesagt, ich müsse Jesus akzeptieren und meine Eltern würden mir schon helfen.“

Frauen, die eine legale Abtreibung wollen, stoßen auf vielfältige Widerstände. Sei es, dass von ihnen entgegen der gesetzlichen Bestimmungen Dokumente wie eine gerichtliche Entscheidung oder eine Polizeianzeige wegen Vergewaltigung verlangt werden, sei es, dass MedizinerInnen sich aus Gewissensgründen weigern, den Eingriff vorzunehmen.

Bei Ablehnung aus Gewissensgründen ist das jeweilige Krankenhaus verpflichtet, unverzüglich für Ersatz durch eine andere Fachkraft zu sorgen, um die Patientin nicht zu benachteiligen, doch immer wieder berichten Medien über Fälle, in denen Frauen oder Jugendliche es nicht schaffen, abzutreiben, weil der Prozess sich durch solche Hindernisse zu lange verzögert.

Zu Beginn der Schwangerschaft ist ein noninvasiver Abbruch rein medikamentös möglich. Später empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO die schonende Absaugung bei stationärer Versorgung. Etwa ab der 22. Woche kann es sein, dass eine Ausschabung notwendig wird. Nur eine Handvoll Kliniken in Brasilien sind darauf eingerichtet dieses Verfahren anzuwenden.

Religiöse Gruppierungen und rechtsextreme Politiker versuchen immer wieder, das Gesetz in der Praxis auszuhebeln. Unter Jair Bolsonaro bestimmte ein Dekret den „Schutz des Lebens ab dem Zeitpunkt der Empfängnis“ als Richtlinie für die Regierung. Verordnungen sahen vor, dass Mediziner bei Abbrüchen wegen sexualisierter Gewalt in allen Fällen die Polizei zu informieren hatten, nach 21 Wochen und sechs Tagen sollte der Abbruch in allen Fällen strafbar sein. Lula annullierte sämtliche dieser Bestimmung bei seinem erneuten Amtsantritt im Januar 2023.

Von knapp 2.000 legalen Abbrüchen pro Jahr unter Bolsonaro, stieg die Zahl auf 2.687 legale Abbrüche im Jahr 2023. Dagegen bekommen 16.000 Kinder jedes Jahr in Brasilien Kinder, 45 Mädchen unter 14 Jahren gebären jeden Tag. Wie viele Kinder legal abtreiben, ist nicht registriert. Es mögen vielleicht 1.000 sein, schätzt die Anwältin Leticia Vella, die das Coletivo Feminista Sexualidade e Saúde leitet, eine NGO, die sich seit 40 Jahren um eine feministische Sicht in der Reproduktionsmedizin bemüht. „Die extreme Rechte engagiert sich für das Leben und gegen Abtreibung“, sagt Vella. „Wenn das Leben dann geboren ist, kümmert sie sich nicht mehr darum.“

Unter dem Titel Criança não é mãe (Kinder sind keine Mütter) sammelt das Coletivo Daten über Gewalt gegen Minderjährige und ungewollte Schwangerschaften. Demnach sind drei Viertel aller Fälle sexueller Gewalt in Brasilien Missbrauch vor allem Schwarzer Minderjähriger zwischen 8 und 14 Jahren. Schwangerschaften bei Kindern und Jugendlichen führen häufig zu Lebensgefahr für die Schwangeren, täglich werden 63 Fälle mit Komplikationen in öffentliche Krankenhäuser eingeliefert.

Dieser Artikel wurde möglich durch finanzielle Unterstützung des Recherchefonds Ausland e. V. taz.de/auslandsrecherche

„Das Gesetz bestimmt, wer es schafft, sicher abzutreiben“, sagt Anwältin Vella. Dann erzählt sie von einer Elfjährigen, die seit Jahren von einem Verwandten missbraucht wurde und zum zweiten Mal schwanger war, als sie das Coletivo aufsuchte. Ihr Vater wollte sie beim Abbruch unterstützen, die Mutter wurde von Vertretern der extremen Rechten davon überzeugt, sich dagegen auszusprechen. Nach wochenlangem nervenzerrendem Hin und Her verzichtete die erschöpfte Minderjährige auf den Abbruch. Sie wird das Baby dann zur Adoption freigeben.

Suely ist schließlich doch in die Klinik gegangen, die ihr Juliana von der NGO Milhas empfohlen hatte. Dort blieb sie drei Tage auf Station, bevor sie mit Medikamenten und Instruktionen entlassen wurde. Das Geld für die Nachuntersuchung in einer seriösen Klinik hat sie sich von ihrem Vater geliehen, das Krankenhaus, in dem sie den Abbruch vorgenommen hatte, hielt die Nachsorge für nicht notwendig.

Jetzt liegt die 20-Jährige nervös zitternd auf der Behandlungsliege, während die Ärztin das Ultraschallgerät bedient. „Die Gebärmutter bildet sich bereits zurück“, stellt diese fest, „und die Gebärmutterschleimhaut ist regelmäßig und nicht zu dick: Es sind keine Reste zurückgeblieben, alles bestens!“ Suely atmet flach und rasch. Sie hatte sich Sorgen gemacht, weil sie immer wieder Blutungen bekommen hatte. „Das ist normal und kann bis zu einem Monat nach dem Abbruch auftreten“, beruhigt sie die Ärztin. Von ausgebildeten Fachkräften in adäquater Umgebung vorgenommen, ist der Schwangerschaftsabbruch eines der sichersten Verfahren der Gynäkologie, bestätigt Ärztin Romina Hamui aus Salvador.

„Die anstehenden Wahlen beunruhigen mich sehr“, sagt Amado Nizarala, Direktor des Krankenhauses Maria da Conceição. „Unter der Rechten haben wir in 4 Jahren Fortschritte von 20 Jahren verloren.“ Seit 2023 sind in seiner Klinik 262 Abtreibungsberatungen realisiert worden, 44 Frauen kamen aus anderen Städten. In kleinen Orten werden auch ungewollt Schwangere häufig einfach zur Vorsorgeuntersuchung geschickt, anstatt sie über ihre Rechte zu informieren. Kinderschwangerschaften und Missbrauch werden normalisiert. Die Tatsache, dass der Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro gerade einen Mann als Vize aufgestellt hat, gegen den eine Klage wegen Missbrauch einer Minderjährigen vorliegt, zeugt davon.

Das Sekretariat für Gesundheit des Bundesstaates Bahia, Sesab, organisiert immer wieder Seminare und Workshops für Mitarbeiter der Gesundheitsversorgung, um den Zugang zum legalen Abort zu verbessern. „Wir versuchen auch, diejenigen, die eigentlich dagegen sind, für die Rechtssituation zu sensibilisieren“, sagt Fabiana Kubiak, die dort für sexualisierte Gewalt zuständig ist, „damit die am stärksten gefährdeten Frauen zu ihrem Recht kommen und so die soziale Gerechtigkeit verbessert wird.“ Ihre nächsten Ziele sind eine größere Dezentralisation der Einrichtungen und eine Ausweitung der Kompetenzen der Gesundheitszentren: „Die Notfallkliniken UPA könnten ermächtigt werden, die medikamentösen Eingriffe sofort vorzunehmen, das würde vieles erleichtern.“

Suely hat inzwischen beschlossen, bei einer Runde Billard zu feiern. Weil sie nicht nur eine Schwangerschaft, sondern damit auch die letzte Verbindung zu ihrem Ex abgebrochen hat. Weil sie jetzt wieder zur Uni gehen kann und vielleicht auch die Angststörung besser wird. Weil sie es geschafft hat. Suely drückt die Mappe mit den Ultraschallbildern an die Brust und lächelt zum ersten Mal über das ganze Gesicht. „Ich habe eigentlich damit gerechnet, mich schlecht zu fühlen hinterher. Aber ich fühle mich nur erleichtert. Mein Leben gehört wieder mir!“, sagt sie. Dann wird sie wieder ernst und fügt hinzu: „Nächstes Jahr werde ich 21, dann kann ich mir die Eileiter entfernen lassen. Ich will nie wieder ungewollt schwanger werden.“