Mehr Schutzräume und mehr Repression: Drogenhilfe in Bremen wird weiter aufgestockt
Bremen will mehr Geld in Drogenhilfe stecken, um Konflikte von Anwohnern und Konsumenten zu befrieden. Aber auch repressive Maßnahmen werden gestärkt.
Bremen hat, gemessen am Verhältnis zur Einwohner*innenzahl, die größte Drogenszene Deutschlands. Im Jahr 2024 wurden allein in der Stadt Bremen 30 Drogentote registriert. Immer wieder kommt es zu Konflikten zwischen Anwohner*innen und Konsument*innen. Nun hat der Bremer Senat beschlossen, die Drogenhilfe auszubauen. Zusätzlich zu den bereits im Oktober beschlossenen zehn Millionen Euro sollen für die Jahre 2026 und 2027 weitere 5,6 Millionen Euro in die Drogenhilfe fließen.
„Wir wissen alle, dass die Drogenthematik ein herausforderndes Thema ist“, sagte die Bremer Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) am Dienstag. „Drogensucht ist eine schwere Krankheit.“ Deshalb sei die Drogenhilfe im Gesundheitsressort angesiedelt, es soll jedoch auch stadtteil- sowie ressortübergreifend gearbeitet werden, um die Betreuung suchtkranker Menschen zu verbessern.
Der Senat setzt vor allem auf Präventions- und Unterstützungsmaßnahmen. Vor zwei Wochen wurde am Bremer Hauptbahnhof bereits ein neues integriertes Drogenhilfezentrum eröffnet. Hier bündeln sich Drogenkonsumräume, ein Beratungszentrum, eine medizinische Ambulanz sowie ein Tagesaufenthalt. Erste Rückmeldungen zu dem Zentrum seien positiv, so Bernhard. Nun wolle man die Öffnungszeiten verlängern, mehr Sozialarbeiter*innen und Security-Mitarbeiter*innen einstellen sowie psychiatrische Sprechstunden anbieten.
Schutzraum für drogenabhängige Frauen
Doch auch außerhalb des Drogen-Hotspots Hauptbahnhof werden die stadtteilbezogenen Angebote ausgebaut: die mobile medizinische Versorgung, regelmäßige Impfaktionen, die Beratungsbüros in Gröpelingen und in der Neustadt, die bestehenden Tagesaufenthalte in Vegesack sowie Streetwork-Angebote sollen erweitert werden. Für besonders gefährdete Frauen soll ein Schutzraum aufgebaut, für drogenabhängige Kinder und Jugendliche die bestehende Beratungsstelle gestärkt werden. Die Stunden von Sozialarbeiter*innen sollen bei Bedarf niedrigschwellig aufgestockt werden können.
Zudem soll nun auch in Bremen eine regelmäßige Abwasseranalyse eingeführt werden. Abwasseranalysen zählen zu den verlässlichsten Verfahren, um Drogenkonsum vergleichbar zu erfassen und genauere Daten darüber zu erheben, welche Drogen zurzeit im Umlauf sind. Insbesondere der Gebrauch von synthetischen Opioiden wie Nitazene und Fentanyl sowie den synthetischen Cannabinoiden in E-Zigaretten ist in Bremen gestiegen.
Nitazene und Fentanyl gehören zu den besonders gefährlichen Substanzen – 50- bis 500-mal wirksamer als Heroin, weshalb sie selbst von drogenerfahrenen Menschen schnell unbeabsichtigt überdosiert werden können. Um den Tod durch Überdosierungen zu verhindern, soll das lebensrettende Notfallmedikament Naloxon vermehrt bereitgestellt werden.
In den Drogenkonsumräumen des Drogenhilfezentrums können Konsumierende ihre Drogen bereits auf Wirkstoffe, Reinheit und gefährliche Beimischungen untersuchen lassen. Doch auch außerhalb der offenen Szene gibt es eine große Gruppe Konsumierender: Menschen, die zu Hause oder beim Feiern Drogen nehmen. Drug-Checking-Aktionen in der Party-Szene sowie Suchtberatungsangebote sollen auch diese Zielgruppe erreichen.
Repressive Maßnahmen werden erweitert
Bildungssenator Mark Rackles (SPD) plant eine Stärkung der Suchtprävention, Sozialsenatorin Claudia Schilling (SPD) will niedrigschwellige Wohnangebote für Langzeitkonsument*innen schaffen. Wohnungslosigkeit spielt in dieser Zielgruppe eine große Rolle, weshalb in dem neuen Drogenhilfezentrum nun auch eine Wohnberatung stattfinden soll.
Doch auch repressive Maßnahmen sollen ausgebaut werden: Innensenatorin Eva Högl (SPD) plant eine Aufstockung des Ordnungsdienstes sowie des Juni 2025 gestarteten Pilotprojekts „Neustadtläufer“. Dieses Projekt ist eine Antwort auf die zunehmenden Beschwerden von Anwohner*innen über die Drogenhotspots der Bremer Neustadt.
Die von einem privaten Sicherheitsdienst geschulten Menschen sollen in den Sommermonaten um die Drogentreffpunkte der Neustadt herum als Vermittler*innen zwischen Konsument*innen, Anwohner*innen und Polizei fungieren.
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