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Medienberichte über Olym­pia­sport­le­rWer schmiert unseren Assen eigentlich die Butterbrote?

„Emma und ihre Mama“, „der Papa von Finn“: Pro­fi­sport­le­r:in­nen werden wie Teenager präsentiert, die endlich mal ihr Zimmer aufräumen sollen. Dabei sind es erwachsene Menschen.

Eigentlich Profi- und Weltklasseathletin: Emma Aicher Foto: Kappeler/dpa

W as ist noch mitreißender als steile Abfahrten, Vierfachsprünge auf dem Eis oder die letzten Minuten eines noch nicht entschiedenen Eishockeymatchs? Ist doch klar: Boulevard.

Da gibt es die tragischen Geschichten von beim Flugzeugabsturz verstorbenen Eltern oder tot im Zimmer aufgefundenen Teamkollegen. Aber auch süße Kinder wie etwa das „Curling-Baby“ des Schweizer Mixed-Curling-Duos, das laut NBC mit zwei Jahren „in Cortina allen die Show stiehlt“.

Oder die lustige Vater-Sohn-Wette, wegen der der Vater von Eisschnellläufer Finn Sonnekalb über 1.000 Kilometer mit dem Fahrrad von Erfurt bis nach Mailand gefahren ist. Und – man stelle sich vor! – für Mexiko startet im Riesenslalom sogar das erste Mutter-Sohn-Duo ever bei Olympischen Winterspielen.

Es ist eben eine große Sportfamilie, die da in Norditalien zusammengekommen ist. Und wenn jemand mal einen Erfolg feiert, dann sollten sich dazu nicht nur die Sport­le­r:in­nen äußern, sondern am besten gleich noch der große Bruder, die Mutter und der Großvater. Und die scheinen auch überhaupt kein Problem damit zu haben.

Fleischbällchen als Belohnung

Ist doch klar, dass sich die boulevardverliebte Bild-Zeitung so etwas nicht nehmen lässt. „Jetzt spricht die Mama von Silber-Emma!“, titelte sie am vergangenen Dienstag. In dem exklusiven Interview ging es dann auch nur am Rande um Sport.

Dafür erfahren wir von Mama Viktoria, dass ihre Tochter Emma (Aicher) schon immer meist die Ruhe weg hatte. Aber wehe man sie fragt, ob sie ihr Zimmer aufgeräumt habe! Und dann kündigt Emmas Mama sogar noch eine Belohnung für die gewonnenen Medaillen an: „Wenn sie nach Hause kommt, mache ich ihr vielleicht schwedische Fleischbällchen.“

Wie alt ist Emma? Geht sie noch zur Schule? Ist sie einverstanden damit, dass so über sie geredet wird?

Bei der Berichterstattung aus Mailand und Cortina könnte man wirklich das Gefühl bekommen, es handle sich hier nicht um die offiziellen Olympischen Spiele für Erwachsene, sondern um eine Nachwuchsvariante für angehende Wintersportler:innen, die für den Wettkampf immer noch die Brote von Mama geschmiert bekommen.

Eltern auf der Trainerbank – nichts Neues

Klar, viele Sport­le­r:in­nen haben ihre Karriere auch der großen Unterstützung ihrer Eltern zu verdanken, das ist sicher. Es ist auch nichts Neues, dass ein Elternteil bei Olympischen Spielen mit auf der Trainerbank sitzt. So wie es jetzt zum Beispiel beim „Vierfachgott“ des Eiskunstlaufs Ilia Malinin wieder der Fall ist.

Und viele Sport­le­r:in­nen sehen eben auch noch verdammt jung aus. Trotzdem haben sie das Recht, als das wahrgenommen zu werden, was sie sind: erwachsene Profisportler:innen.

Wobei, wenn man genauer drüber nachdenkt, ob sich jetzt die Eltern oder die Sport­le­r:in­nen selbst äußern. Die Sätze lauten am Ende immer ähnlich: „Ich bin erleichtert, es war wirklich schön. Es war kalt, aber jetzt bin ich da, cool.“

Dieser stammt zum Beispiel nicht von Finn Sonnekalb selbst, sondern von seinem Vater. Kurz nach seiner Ankunft in Mailand.

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Ruth Lang Fuentes
Autorin
Geboren 1995 in Kaiserslautern, bis Januar 2023 taz Panter Volontärin. Sie studierte Mathematik in Madrid und Heidelberg. Schrieb dort für Studierenden- und Regionalzeitung. Seit 2022 schreibt sie im Wechsel mit Aron Boks die taz.FUTURZWEI-Kolumne "Stimme meiner Generation".
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