Max-Ophüls-Nachwuchsfilmfest: Hoffnungsvoll und alternativlos

Vier Preise darunter der für den besten Spielfilm gingen an ihn: Der große Gewinner des Filmfestival Max Ophüls Preis heißt „Borga“.

zwei schwarze Männer sitzen sich gegenüber, dahinter ein Grafitti

Woanders ist auch nicht alles besser: Eugene Boateng in „Borga“ Foto: Tobias von dem Borne

„Nie wieder tut mir jemand weh!! Nie wieder tut mir jemand weh!!“ – „Willste det wirklich?“ – „Ja!!!“ Nicos Ziel ist klar. Nachdem die Berliner Altenpflegerin Opfer eines Übergriffs wurde – Neonazis hatten sie auf dem Nachhauseweg schwer verprügelt und rassistisch beleidigt –, ist sie in ihren Grundfesten erschüttert. Und arbeitet mithilfe eines Selbstverteidigungstrainers (An­dreas Marquardt) an ihrer Resilienz.

Die Schauspielerin Sara Fazilat stattet Nico mit einer furiosen, humorvollen und absolut authentischen Energie aus. Und bekam für ihre bravouröse Leistung in dem Film von Eline Gehring die Auszeichnung als „Bester Schauspielnachwuchs“ beim Filmfestival Max Ophüls Preis.

Neben Fazilat freute sich bei der Preisverleihung, die als Livestream aus Saarbrücken und dem ganzen Rest am Samstagabend in die Lockdown-Wohnzimmer floß, der Schauspieler Jonas Holdenrieder über eine Trophäe für den „Besten Schauspielnachwuchs“: Er hatte in Christian Schäfers Drama „Trübe Wolken“, einem sich langsam entfachenden Psychothriller, einen undurchdringlichen Außenseiter gegeben.

Die Anforderungen an die Schau­spie­le­r*in­nen konnten unterschiedlicher kaum sein – hier eine kontaktfreudige und autarke junge Frau mit Migrationshintergrund, die mit jeder Faser ihres Körpers für Selbstermächtigung und Diversität steht, dort der reservierte und rätselhafte junge Mann aus gutem deutschem Hause, dessen Mutter die Kochschürze nie abzulegen scheint und der vielleicht den Tod eines Mitschülers auf dem Gewissen hat. Die Frage, wie Gewalt zu bewältigen ist, trifft auf die, woher sie kommt, die versatile Realität auf eine fast übernatürliche Kälte. Eben die klassischen Pole, zwischen denen sich die Filmproduktion eines Jahres bewegt – sogar im außergewöhnlichen Jahr 2020.

Die größten Gewinner bei dem als Online-Event durchweg flüssig funktionierenden einwöchigen Nachwuchsfestival waren jedoch zwei andere Werke: Vier Preise unterschiedlicher Jurys, darunter den für den besten Spielfilm, den „Gesellschaftlich relevanten Film“ und den des Publikums, räumte York-Fabian Raabes „Borga“ ab.

Träume der Gebliebenen

„Borga“ nennt man in Ghana jemanden, der es im Ausland geschafft hat und als (erfolg)reicher Mensch zurückkehrt – auch um die Träume der Gebliebenen anzufachen. Raabes von Eugene Boateng gespielter Protagonist begreift schnell, dass er einem Märchen aufgesessen ist, das Mi­gran­t*in­nen weitertragen und damit immer neue Woanders-ist-es-besser-Narrative generieren. Und er sieht die globalen Zusammenhänge zwischen den industriellen, hysterisch konsumierenden Wegwerfgesellschaften und den afrikanischen Ländern in ihrer Rolle als Resteverwerter – auch wenn diese Reste gesundheitsgefährdender Schrott sind.

Zusammen mit „Berlin Alexanderplatz“, İlker Çataks Drama „Es gilt das gesprochene Wort“, sowie „Futur Drei“ von Faraz Shariat und „Toubab“ von Florian Dietrich zeichnen sich damit einige Filme in diesem Jahr durch (post)migrantische Perspektiven aus – eine hoffnungsvolle und alternativlose Entwicklung, und ein Triumph für die Wahrnehmung nichtweißer Menschen in vorrangig weißen Gesellschaften. Oder wie der Gewinner Boateng am Samstag fassungslos vor Glück ausrief: Die kleinen Kofis und Djumas und Abas aus Deutschland sehen sich endlich mal selber auf der Leinwand!

Dass der mittellange Gewinnerfilm, Murad Abu Eishehs „Tala’vision“, die Erlebnisse eines achtjährigen syrischen Mädchens mitten im Krieg erzählt, verstärkt diese Hoffnung. „Fuchs im Bau“ von Arman T. Riahi, unter anderem ausgezeichnet für die beste Regie, beobachtet dagegen das Trauma eines Österreichers, der als Lehrer im Jugendvollzug arbeitet, bildet aber mit dessen schwieriger „Schulklasse“ ebenfalls Realitäten ab: Viele Insassen haben nichtdeutsche Wurzeln, und mit den durch kulturelle Unterschiede verstärkten Ressentiments umzugehen ist die komplizierte Aufgabe des Protagonisten.

Vor allem die Haupt­dar­stel­le­r*in­nen Aleksandar Petrović (als Lehrer Fuchs) und Maria Hofstätter (als grantelnde Lehrerin Berger) machen in diesem Drama tatsächlich Spaß. Denn wenn Berger ihren aufsässigen „Schnuckiputzis“ für richtige Antworten wie Seehunden Leckerli zuwirft, dann steckt darin genauso viel pädagogische Weisheit wie Verzweiflung.

Ansonsten wird es spannend, wie der Filmnachwuchs auf das kollektiv erschütternde vergangene Jahr reagiert – werden auch 2021, wie so oft, Geschichten um die Suche nach familiären Wurzeln geplottet? Kann Corona eine Story zulassen wie die eigenwillige Heimatfilm-Interpretation „Windstill“ über verschleppte postnatale Depressionen? Wieso nicht. Die Pandemie muss kein eigenes Narrativ bilden. Sie verstärkt einfach nur die vorhandenen Motive.

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