piwik no script img

Steigende Preise für Öl und GasEine Übergewinnsteuer verfehlt ihren Zweck

Die Ölkonzerne scheinen vom Irankrieg zu profitieren. Statt neuer Steuern braucht es eine Zerschlagung ihres Oligopols.

Benzinpreise an einer Tankstelle in Bad Vilbel am 26. März Foto: Boris Roessler/dpa

H aben Sie auch ein Déjà-vu? Krieg, explodierende Energiepreise, schmerzverzerrte Gesichter beim Blick auf die Zapfsäule, öffentliche Empörung – und eine Politik, die hektisch einzugreifen versucht. Tankrabatt? Übergewinnsteuer? Kartellamt? Herzlich willkommen zurück im Jahr 2022.

Während der Tankrabatt keinen guten Ruf mehr hat, kündigt selbst Finanzminister Lars Klingbeil an, die Wiedereinführung einer Übergewinnsteuer zu prüfen. Nicht im Alleingang, sondern gemeinsam auf EU-Ebene. Auch Linke und Grüne wollen die Ölkonzerne nicht mit Übergewinnen davonkommen lassen.

Nur: Ist die Übergewinnsteuer wirklich das richtige Instrument? Nein. Denn gegen das Oligopol der Ölriesen hilft nur ein schärferes Kartellrecht.

Team Zukunft – der Newsletter zu Klima, Wissen, Utopien

Du liest einen Text aus unserem Zukunfts-Ressort. Wenn Du Lust auf mehr positive Perspektiven hast, abonniere TEAM ZUKUNFT, den konstruktiven Newsletter zu Klima, Wissen, Utopien. Jeden Donnerstag bekommst du von uns eine Mail mit starken Gedanken für dich und den Planeten.

Der Krieg macht das Öl knapp, weil Tanker vor Iran festhängen. In der Folge drehen nicht nur die Preise an der Börse nach oben, sondern auch an der Zapfsäule. Und zwar schneller als die Tanker das neue, teure Öl liefern können. Ist das gerechtfertigt oder nutzt da jemand die hohen Börsenpreise als Alibi für unverschämte Margen?

Die ehrliche Antwort: Man weiß es nicht. 2022 hat das Kartellamt eine große Untersuchung eingeleitet, Preisveränderungen und Margen überwacht. Beweise, die harte Eingriffe in den Markt rechtfertigen, konnte es jedoch nicht finden.

Markt wird beherrscht von einem Oligopol

Gerade in Krisenzeiten ändern sich die Preise zwar schnell, nicht unbedingt aber die Margen. Für manche Preissteigerung gibt es gut nachvollziehbare Gründe. Zum Beispiel kann der Wiederbeschaffungswert für Öl, das für die Zukunft gekauft werden muss, die Preise schon heute nach oben treiben.

Das Grundproblem: Der Markt wird beherrscht von einem Oligopol. Fünf Mineralölkonzerne kontrollieren nicht nur den Großteil der Raffinerien, sondern auch den Großhandel und die Tankstellennetze.

Konzerne lassen Vorsicht walten

Doch effektive Kontrolle durch das Kartellamt ist bei diesen Riesen kaum möglich. Der „Smoking Gun“-Beweis für illegale Absprachen fehlt. Die Konzerne sind vorsichtig, klagen gegen Auskunftsersuchen, liefern Daten nur scheibchenweise oder verschleiern sie gleich ganz. Gleichzeitig orientieren sich viele Marktteilnehmer an Preisindizes privater Anbieter – deren Berechnungen sind kaum nachvollziehbare Blackboxes, die aber offensichtlich von den Ölkonzernen selbst beeinflusst werden. Perfekte Koordination ohne offenkundige Absprache.

Dagegen hilft eine Übergewinnsteuer nicht. Denn im Zweifel schlagen die Ölkonzerne die Steuerlast einfach auf den Preis drauf. In der Folge wird die Steuer nicht zur Belastung für die Konzerne, sondern für die Verbraucher.

Nur ein Kartellamt, das durchgreifen kann und will, wird die Ölkonzerne stoppen

Was stattdessen helfen würde, wäre eine echte Entflechtung der Machtstrukturen. Raffinerien in unabhängige Hände, mehr Transparenz im Großhandel, regulierte Preisindizes. Vor allem aber ein Kartellamt, das nicht nur zuschaut, sondern durchgreifen kann – und will. Konzerne wie Shell oder BP dürften nicht länger gleichzeitig Raffinerien und Tankstellennetze kontrollieren. Und sie müssten offenlegen, zu welchen Preisen sie ein- und verkaufen. So würde klarer, wo und wieso die Preise steigen.

Eine Übergewinnsteuer kann weder eine dysfunktionale Marktwirtschaft heilen noch ein zahnloses Kartellamt ersetzen. Wer ein Problem mit den obszönen Gewinnen der Ölkonzerne hat, muss sich trauen, da anzusetzen, wo sie ihren Ursprung haben: in ihrer enorm konzentrierten Marktmacht.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Maurice Höfgen
Ökonom, Autor, YouTuber
Mehr zum Thema
Ein Packshot der Wochentaz-Zeitung mit einer neutralen Illustration auf der Titelseite.

10 Ausgaben für 10 Euro

Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die man woanders nicht hört. Jetzt zehn Wochen lang kennenlernen.

  • Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die man woanders nicht hört
  • Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
  • Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion
  • Mit Zukunftsteil zu Klima, Wissen & Utopien
  • Mit Regionalteil „Stadtland“ für alles Wichtige zwischen Dorf und Metropole

10 Wochen für nur 10 Euro

Jetzt bestellen

0 Kommentare