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Mann stellt Podcasterin nachStan, der Stalker

Ein Mann belästigt eine Berliner Podcasterin. Ihr Fall zeigt, wie heftig die Folgen von Stalking sind – und wie schwer es ist, sich zu wehren.

Podcasterin Pauline: Angst und schlaflose Nächte Foto: Christian Mentzel

Aus Berlin

Nike Wessel

Plötzlich ein Geräusch, es knackt. Kommt es von der Tür? Pauline ist hellwach. Sie greift neben ihr Bett zum Telefon. Auf der Straße geht jemand, kalter Wind lässt die Fenster klappern.

Die Tage in Berlin sind kurz und dunkel. In dieser Dunkelheit wartet Pauline und horcht, ob jemand vor ihrer Tür steht. Ist da ein Schatten auf dem Balkon? Nein, das wäre zu hoch, denkt sie, und er hat ja diese Adresse nicht. Vorsorglich hat sie auch ihren Namen von der Klingel entfernt und die Nachbarn informiert. Nachts ist die Angst besonders groß, gerade jetzt, wo sie wieder allein schläft, nicht mehr bei ihrer Mutter. Pauline ist 31, hat am nächsten Tag einen wichtigen beruflichen Termin, sie wird diese Nacht wieder kaum schlafen.

Pauline hat einen Stalker. In diesem Text soll er Stan genannt werden, da sein Name aus rechtlichen Gründen nicht genannt werden darf. Was für manche nach einer Netflix-Serie klingen mag, ist für sie und viele andere Menschen (vor allem Frauen*) eine lebensverändernde Realität.

Laut polizeilicher Kriminalstatistik sind etwa 11 bis 12 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung mindestens einmal im Leben von Stalking betroffen. Jährlich werden rund 25.000 Fälle polizeilich erfasst. Die Dunkelziffer gilt als viel höher. Rund 81 Prozent der Stalker sind laut Statistik Männer. Die Opfer hingegen sind zu circa 80 Prozent weiblich. Der Opferschutzverein Weißer Ring weist darauf hin: Stalking ist keine harmlose Belästigung, sondern Gewalt. Viele Fälle bleiben unsichtbar, weil sie nicht angezeigt werden oder weil Betroffene Angst haben, nicht ernst genommen zu werden.

Es sind auch patriarchale Ideen von Besitz, die den kulturellen Boden für Stalking ebnen

Stalking ist ein gesellschaftliches Problem. Es sind auch verklärte Rollenvorstellungen in der „Liebe“ und patriarchale Ideen von Besitz, die den kulturellen Boden für Stalking und andere Formen der Gewalt ebnen. Ein allgemeines Umdenken ist bisher noch nicht eingetreten.

Am Morgen nach der Nacht mit den Geräuschen sitzt Pauline an ihrem Küchentisch und erzählt. Sie geht gerade nicht gern vor die Tür, sagt sie, sie fühle sich selbst in ihrem Lieblingscafé unwohl. Beim Sprechen hält sie sich sehr aufrecht, ihre langen Haare fallen an ihrem Gesicht vorbei.

Nach einem Kommentar in der „Bild“ geht es los

Pauline spricht offen über ihr Dating- und Liebesleben, immer schon. Im vergangenen Sommer hat sie mit ihrer Freundin den Podcast „Pauli hoch zwei“ gestartet. In den Videos zum Podcast sieht man die Paulis in attraktiven wechselnden Outfits in einem Hotelbett moderieren und die Zuhörenden mit ihren Lovestorys zum Lachen bringen. Dass beide Moderatorinnen auch über Sex sprechen und etwas mit der Pornoindustrie zu tun haben, ist ein Aspekt, der ihre Geschichten interessanter macht – und leider das, was Stan den Stalker anzieht.

Los ging alles Anfang Oktober 2025, als kurz nach dem Release der ersten Podcastfolge ein Kommentar dazu in der Bild erschien. An diesem Tag klingelte Paulines Telefon. Ein ihr gänzlich unbekannter Mann verwickelte sie in ein Gespräch. „Ein Fan“, denkt Pauline, und legt mit einem mulmigen Gefühl auf. Kurz darauf kommt die erste E-Mail, bei der sofort klar ist, dass etwas nicht stimmt. Es sind unzählige Seiten akribischer Recherche zu ihren privaten Gewohnheiten: zu Sport, Freundinnen, Arbeit, ihren Eltern und wo ihr Vater wohnt.

Dazu die für Stalking typische Mischung aus Forderungen, Beschimpfungen und Drohungen. Stan schreibt seitenweise, auch sexuell explizit, und immer wieder bezieht er sich auf ihren Beruf. In den nächsten Tagen folgen weitere Mails und Anrufe. Pauline geht damit zur Polizei. Doch sie kennt nicht mal den Namen des Mannes, der ihr stundenlang schreibt und sich eine Beziehung fantasiert. Die Polizei sagt, sie könne nur eine Strafanzeige gegen unbekannt aufnehmen.

Stalking heißt im Strafrecht „Nachstellung“ (§ 238 StGB), erklärt Stalking-Expertin und Psychologin Suse Schumacher der taz. Strafbar sei bereits wiederholtes, unerwünschtes Verhalten wie Kontaktaufnahmen, Verfolgung, Überwachung oder Bedrohung. Betroffene könnten neben einer Strafanzeige auch zivilrechtliche Schutzmaßnahmen beantragen, etwa ein Kontakt- und Näherungsverbot. Aber erst, wenn man einen Namen und eine Adresse hat, könne man eine einstweilige Verfügung erwirken, die dann zugestellt wird, sagt sie – und rät zu klarer, einmaliger Kontaktabgrenzung, ohne weiteren Folgedialog.

Die Psychologin kritisiert, dass die Gesetze zum Schutz von Betroffenen „häufig der Realität hinterherhinken“ würden. Es fehle an klaren Handlungsanweisungen für die Behörden. Zwar seien das Strafrecht verschärft und Schutzanordnungen erleichtert worden – doch noch immer kritisierten Opferverbände, dass die Verfahren langwierig seien und der Schutz erst zu spät greife, so Schumacher.

Stalking führt häufig zu Angst, Schlafstörungen, sozialem Rückzug und dem Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren

Suse Schumacher, Psychologin

Der Verein Weißer Ring hat eine App entwickelt, in der man alles dokumentieren kann, was Stalker digital tun, um es gerichtlich später vorlegen zu können. Auch Pauline dokumentiert darin alles, so schwer es ihr auch fällt, die üblen Nachrichten nicht gleich zu löschen. Seit Beginn dieses Jahres gibt es die App nicht mehr. Der Verein rät nun, eine eigene Tabelle mit den Ereignissen anzulegen.

Eines Tages schreibt Stan: „Ich komme jetzt in die Stadt – werde dich holen.“ Ab da, sagt Pauline, sei die Angst ganz dagewesen. In der Beratungsstelle habe sie gehört, dass es, wenn man den Täter kennt, in zwei von drei Fällen zu Gewalt kommt. In nur einem von zehn Fällen kennen Betroffene die Täter nicht. Es sind auch diese Zahlen, die Pauline dazu bewogen haben, ihre Geschichte öffentlich zu machen.

Die Polizei habe ihr geraten, ihr Umfeld zu informieren, sagt Pauline. Sie schreibt ihren Freundinnen, Bekannten und ihrer Sportlehrerin. Viele von ihnen hatte Stan in seinen Nachrichten erwähnt. „Dennoch war es beschämend, alle anzurufen“, sagt Pauline, „es ging mir nicht gut damit und es war mir fast peinlich“. Dann klingelt wieder das Telefon. Es ist ihre Trainerin: „Er ist hier, Pauline. Der Mann steht im Studio und fragt nach dir.“ Als die Polizei eintrifft, ist Stan schon weg.

Ab jetzt kommen jeden Tag Mails, auch an ihre Eltern. Bei Social Media ist der Stalker schon lange blockiert. Er schreibt, was er mit ihr machen will, dass er sie, „obwohl sie so einen Job“ hat und über Sex spricht, „nehmen“ würde.

Ein wichtiges gesellschaftliches Problem tut sich hier auf, das weit über die mutmaßliche psychische Erkrankung eines Einzelnen hinausreicht. Denn wenn eine Frau* etwas mit Sexualität zu tun hat, sich irgendwie öffentlich zeigt, gilt das als angebliche Angriffsfläche. Hier beginnt die Gratwanderung zwischen Rape Culture und Konsenskultur. Denn selbst wenn eine Person von Sex erzählt, heißt das nicht, dass sie sich Kontakt zu jedem wünscht. Egal wie sie aussieht, kleidet oder verhält.

Schreie, ein lautes Nein, die Tür knallt

All das sei ihr auch klar, sagt Pauline. Dennoch nage alles an ihrem Selbstwert. Die schlimmen Worte, die sie von ihm lesen musste, um zu wissen, ob eine reale Bedrohung besteht. Zwischendurch hat eine Freundin von ihr das Lesen der Nachrichten übernommen, aber wem kann man das auf Dauer zumuten? Manchmal schrieb Stan morgens von ekelhaften Träumen, dann einfach wieder von Hass. Es bleibt immer etwas hängen, wenn jemand einem so etwas schreibt.

Suse Schumacher sagt: „In der Praxis berichten viele Betroffene, dass die langwierigen und auch teuren Verfahren an den Nerven zerren und psychisch sehr belastend sind.“ Oft gehe es den Opfern noch jahrelang so. Es sei wichtig, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen. „Wir alle sollten frühzeitig in unserem Umfeld regulierend auf Täter einwirken“, so die Psychologin.

Pauline schläft schon länger nicht mehr zu Hause. An einem Tag ist sie bei ihrer Mutter. Sie ist krank, erschöpft, liegt auf dem Sofa. Es klingelt an der Tür, sie ruft: „Mama, warte, schau erst, wer da ist.“ Da hört sie schon Schreie, ein lautes Nein und wie die Tür wieder zugeschlagen wird. Stan steht vor der Tür. Sie rufen die Polizei, aber er ist schon weg, als die Beamten kommen.

Ein paar Tage später, während Pauline gerade duscht, klingelt ihr Handy. Natürlich liegt es griffbereit. Die Tür zum Bad ist abgeschlossen, obwohl sie allein zu Hause ist. Es ist wieder die Sporttrainerin, der Typ ist wieder da. Pauline, noch nass vom Duschen, alarmiert erneut die Polizei. Diesmal erwischen sie den Mann vor dem Sportstudio, rufen Pauline an. Eigentlich haben sie ja nichts gegen ihn in der Hand, ohne Verfügung. Sie nehmen aber endlich seine Personalien auf und machen ihm klar, dass er unerwünscht ist. Nun gibt es einen Namen, und die Verfügung kann auf ihn ausgestellt werden.

Pauline sagt: „Es schränkt das Leben einfach unglaublich ein, die Arbeit leidet, Beziehungen zu anderen auch. Die Scham, dass mir das passiert ist, ist die ganze Zeit da. Daran, neue Leute kennenzulernen oder an Dates, ist gerade nicht zu denken. Ich poste kaum etwas, es fühlt sich seltsam an.“

„Stalking führt häufig zu Angst, Schlafstörungen, sozialem Rückzug und dem Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren“, erklärt Psychologin Schumacher. „Viele Betroffene ändern ihr Verhalten dauerhaft, wechseln Wege, Telefonnummern oder Wohnorte.“

Sie betont, neben Reformen wie besseren Schulungen für die Polizei benötige es ein gesamtgesellschaftliches Umdenken. Es brauche eine neue Kultur, die nicht mehr nach dem Verhalten der Opfer fragt und die einen Fokus darauf legt, zu verhindern, dass Männer zu Tätern werden: „Es ist nicht leidenschaftlich oder harmlos, wenn man hört, jemand verfolgt seine Ex-Freundin“, so Schumacher.

Als die einstweilige Verfügung zugestellt werden soll, bemerkt Pauline zufällig, dass ihre Adresse – die der Stalker ja nicht kennt – draufsteht. Sie fragt sich: Wie kann einem Gericht das passieren? Am Tag, als das Schreiben übergeben wird, hören die Nachrichten an sie auf. Bei ihren Eltern aber geht der Terror weiter. Nun wartet Pauline auf eine gerichtliche Verfügung auch für ihre Eltern.

Eines Nachts blickt sie aus dem Fenster. Ein Mann steht an der Ecke und sieht zu einem Fenster hoch. Ist es Stan?

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