Kurzfilme in der Berlinischen Galerie: Mahnende Filmeinstellungen
Mit „rückblickend betrachtet“ und „Aralkum“ zeigt die Berlinische Galerie zwei eindrückliche Filme des Duos Daniel Asadi Faezi und Mila Zhluktenko.
Foto: Daniel Asadi Faezi & Mila Zhluktenko
Daniel Asadi Faezi und Mila Zhluktenko zeigen Uralbay Utegenovs Hand in Großaufnahme. Die Kamera (Sadriddin Shakhabiddinov) bleibt bei ihr lange, kostbare Sekunden und so kann sie der Blick des Zuschauenden studieren wie ein Gemälde. Die wettergegerbte Haut. Das sanfte Faltengebirge, das sich über die Jahrzehnte immer weiter in die Haut eingeschrieben hat.
Ruhig liegt die Hand auf dem Oberschenkel, dem grauen Anzugstoff. Die Kamera folgt dem älteren Mann, der, die Hände auf dem Rücken, durch Aralkum, die Aralwüste schreitet. In der nächsten Einstellung macht sie sich selbstständig, so scheint es beim Zuschauen, und fliegt über die Sandlandschaft hinweg, die von Saxaul-Sträuchern durchsetzt ist, die, so informieren auf das Bild gestreute Sätze, die Verwüstung des ausgetrockneten Aralsees eindämmen sollen.
Es sind bewegte Bilder von eigenartiger, trauriger Schönheit, die Asadi Faezi und Zhluktenko in ihrem Kurzfilm „Aralkum“ einfangen und mit dem latent-aggressiven Pfeifen des dortigen Wüstenwindes unterlegen. So webt der Wind großflächig Muster in den Sand. Und dann beißt sich die Kamera an einem verrosteten Schiffsfrack fest.
Uralbay Utegenov steht dort an der Kommandobrücke und blickt in die unendliche Weite, die bis vor einigen Jahrzehnten der viertgrößte Binnensee weltweit war. Das Bild des betörenden Sonnenuntergangs über Aralkum wird begleitet vom Klatschen der Wellen gegen einen Schiffsrumpf. Es ist der Ton von Archivaufnahmen am Aralsee. Und dann kommt dazu das Bild: Wassermassen, ein See, so weit, das kein Ufer am Horizont zu sehen ist und Fischer, die vereint das Netz mit Tonnen von Fischen aus dem Wasser ziehen.
Das DokumentarfilmerInnen-Duo setzt die Archivaufnahmen ans Ende des Kurzfilms. Die Umweltkatastrophe wird greifbar durch die kluge Filmdramaturgie. Die Ursache, die extensive Bewässerung von Baumwollanbau in Usbekistan während der Sowjet-Ära, wird nicht benannt. Es geht Asadi Faezi und Zhluktenko in ihrer Arbeit von 2022, die den Charakter einer Bewegtbild-Collage hat, um ein Zeigen des Ist-Zustands und um eine konkrete Annäherung an betroffene Menschen vor Ort.
Betroffene kommen zu Wort
Die Berlinische Galerie zeigt im IBB-Videoraum neben „Aralkum“ einen zweiten Kurzfilm des Duos, das sich beim Studium der Dokumentarfilmregie an der HFF München kennengelernt hat. „rückblickend betrachtet“, das sich mit dem rassistischen Anschlag im Münchener Olympia-Einkaufszentrum im Jahr 2016 und seiner Vorgeschichte auseinandersetzt, lief letztes Jahr auf der 75. Berlinale. Der 14-Minüter wurde mit dem Deutschen Kurzfilmpreis ausgezeichnet und weltweit auf über 40 Festivals gezeigt. In der Berlinischen Galerie läuft er in Dauerschleife abwechselnd mit „Aralkum“ auf Großleinwand.
Asadi Faezi und Zhluktenko arbeiten auch hier mit dem Prinzip der Bildcollage, mit historischen Aufnahmen und mit konkreten ProtagonistInnen, die sie zu Wort kommen lassen. Vor allem entdecken sie den iranischen Filmemacher Sohrab Shahid Saless wieder, der, 1974 in die BRD emigriert, hier 13 Langfilme drehte.
„rückblickend betrachtet“ zeigt Ausschnitte aus dem Film „Empfänger unbekannt“, der Anfang der 1980er Jahre die Zunahme von Rassismus im Zuge der Wirtschaftskrise aufzeigt. Immer wieder kommt die Kreuzung neben dem Olympia-Einkaufszentrum ins Bild. Am Schluss überlappen sich diese Aufnahmen, als würden alle Zeitebenen für einige Sekunden gleichzeitig aufploppen. Eine Filmeinstellung wie eine Mahnung.
Unter den Opfern des Anschlags im Olympia-Einkaufszentrum war auch der junge Sinto Giuliano Kollmann, der Vorfahren im Holocaust verloren hat. Seine Oma Gisela spricht im Film über ihren Kampf gegen das Vergessen.
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