Maccabi Tel Aviv in Freiburg zu Gast: „Abstrakte Gefährdungslage“
In Freiburg wird das Gastspiel des Fußballteams von Maccabi Tel Aviv von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet. Die Stimmung ist aufgeheizt.
Ein solcher Sicherheitsaufwand ist für ein Spiel des SC Freiburg noch nie betrieben worden. Die Freiburger Polizei spricht von ihrem größten Einsatz seit dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in der Stadt im Jahr 2011.
Am Donnerstagabend sind die Fußballer von Maccabi Tel Aviv zu Gast. Sportlich ist die Partie nur für den Gastgeber von Belang. Die Israelis nehmen in der Europa League den vorletzten Rang ein.
„Konkrete Gefährdungserkenntnisse liegen gegenwärtig nicht vor“, sagt Polizeipressesprecher Michael Schorr. „Dennoch berücksichtigen wir die recht hohe abstrakte Gefährdungslage.“ Er verweist auf die Einstufung der Partie durch die Uefa als „Hochrisikospiel“. Und Schorr spricht von dem „mit dem Nahostkonflikt verbundenen hohen Emotionalisierungs- und Mobilisierungspotenzial“.
Zu den Sorgen zählt zudem die Terrorgefahr. Schorr erwähnt den antisemitischen Anschlag, der sich im Dezember im australischen Sydney ereignete, als beim jüdischen Lichterfest Chanukka 15 Menschen erschossen wurden.
Polizeidrohnen im Einsatz
Das Aufgebot ist beträchtlich. Um die 2.000 Polizisten sollen in der Stadt zum Einsatz kommen. Es gibt ein umfangreiches Luftraumschutzkonzept, in welchem neben einer Flugverbotszone der Einsatz eines Drohnenabwehrsystems sowie die Verwendung der Polizeidrohnen geregelt ist.
Auf dem Platz der Alten Synagoge, die 1938 in der Reichspogromnacht in Brand gesetzt wurde, wird das Freiburger Bündnis Solidarität mit Palästina zwei Stunden vor Spielbeginn gegen diese Partie demonstrieren. In einer Petition, die schon vergangenes Jahr ins Internet gestellt wurde, hat diese Gruppierung zum Ausschluss der Maccabi-Fans aufgerufen. Dies wurde mit den Verbrechen der israelischen Regierung in Gaza begründet und zudem wurde auf die rechtsextremistischen Ultras unter den Maccabi-Fans hingewiesen.
Seit dem November 2024, als es in Amsterdam am Rande der Partie zwischen Ajax und Maccabi Tel Aviv zu schweren Ausschreitungen kam, ist der europäische Fußball besonders aufgeschreckt. Propalästinensische Gewalttäter in der Stadt hatten israelische Fans attackiert. Im Internet hatten sie sich zuvor für die „Jagd auf Juden“ verabredet. Aber auch einige Maccabi-Fans waren gewalttätig. Sie hatten randaliert, antiarabische Parolen gerufen und palästinensische Fahnen von Häuserwänden gerissen.
Für die Partie bei Aston Villa in Birmingham plädierte der dortige Polizeipräsident für den Ausschluss der Maccabi-Fans und unterfütterte diese Empfehlung, wie vergangene Woche bekannt wurde, unter anderem mit einer KI-Recherche, die von Unruhen bei einem Gastspiel von Maccabi Tel Aviv in England berichtete, das in der Realität aber nie stattgefunden hatte. Mittlerweile ist der Polizeipräsident zurückgetreten.
Nach dem Spiel von Maccabi Tel Aviv in Stuttgart Anfang Dezember, das unter ähnlich massiven Sicherheitsbedingungen stattfand wie nun in Freiburg, prüft die Stuttgarter Staatsanwaltschaft immer noch, ob sie Ermittlungen gegen Maccabi-Fans einleiten soll, die rassistische, antiarabische Schmähgesänge angestimmt haben sollen. Die Dauer der Prüfung sei nicht ungewöhnlich, heißt es aus Stuttgart. Die Gesänge in anderer Sprache müssten noch übersetzt werden. Die Uefa sanktionierte den Klub deshalb schon Mitte Dezember mit einer Geldstrafe.
Insbesondere die Ultra-Gruppierung Fanatics ist für ihre rechtsextremen Positionen bei Maccabi Tel Aviv bekannt. Laut dem Freiburger Polizeipressesprecher Michael Schorr zählen diese Anhänger und die Bedrohung, die von ihnen ausgehen könnte, im Vorfeld der Partie nicht zu den größten Themen. „Es ist derzeit nicht gesichert, ob diese Gruppierung überhaupt nach Freiburg kommt.“ Für den Gästeblock wurden nach Informationen des SC Freiburg nur knapp über 100 Tickets verkauft.
Die aktive Freiburger Fanszene hat bereits ihr Fernbleiben von der Partie wegen der extremen Sicherheitsmaßnahmen und der damit verbundenen Freiheitseinschränkungen angekündigt. Gegen eine mögliche Instrumentalisierung der Entscheidung von einem politischen Lager verwahrt man sich in einem Statement: „Wir stehen dafür, jederzeit jeder Form von Diskriminierung, Ausgrenzung und menschenverachtenden Äußerungen und Praktiken, egal welches ideologischen Ursprungs, entschieden entgegenzutreten …“
Der SC Freiburg hatte einen Ausschluss von Maccabi-Fans schon vor einigen Monaten mit dem Satz zurückgewiesen: „Fußball soll immer verbinden, niemals trennen.“ Für die Partie am Donnerstag bleibt dies ein frommer Wunsch.
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