Lyrik von Martina Hefter: Damit dieser Mensch nicht allein ist mit den Teufeln
Wo Lyrik zum Pflegefall gerät: Martina Hefters Gedichtband „Es könnte auch schön werden“ erscheint in neuer Schriftgröße.
Die Aussprache im Berliner Abgeordnetenhaus Mitte Januar zum absichtlich herbeigeführten Stromausfall führte immer wieder zum ikonischen Bild einer beinahe Hundertjährigen, die in einer Turnhalle einquartiert wurde, Subtext: So gehen politisch Verantwortliche mit alten und schwachen Menschen um! Inmitten dieses Diskurses um soziale Kälte gegenüber Pflegebedürftigen erscheint „Es könnte auch schön werden“, ein Lyrikband der Leipziger Schriftstellerin Martina Hefter, der sich selbst zugute hält, „Sprechtexte“ zu präsentieren.
Mit dem Titelzusatz könnte ein Missverständnis aufkommen: Hefters „Sprechtexte“ atmen nicht die Tradition der Phonetischen Poesie von Franz Mon bis Michael Lentz, eher findet man Anknüpfungen ans Black Mountain College um Charles Olson, wo Verslängen schon mit individuellen Dispositionen wie der jeweiligen Atemleistung in Verbindung gebracht wurden. Wer es braucht. Lyrik zielt indes immer auf die Ausführung (Lesung/Performance) ab, egal ob sie hochtönend oder an Alltagssprache ausgerichtet ist; Ausnahme: visuelle Poesie.
Ein Alleinstellungsmerkmal wäre dann noch Hefters körperliches Agieren während des Gedichtsprechens. Aber auch das ist nicht neu; es wird seit den 2000er Jahren auf allerlei Off-Bühnen dargeboten. Stellvertretend für dieses Multiversum sei der Siegener Dichter und Museumstänzer Crauss genannt.
Martina Hefter: „Es könnte auch schön werden. Gedichte/Sprechtexte“. Klett-Cotta, Stuttgart 2026, 122 Seiten, 22 Euro
Formal bietet „Es könnte auch schön werden“ eine vitale Bricolage; inhaltlich eine virtuos komponierte Rhapsodie, wie es sie in der Gegenwartslyrik nicht leicht zweimal gibt. Schon die private Dämonologie Hefters mitsamt ihrer „Skizze zu den Teufeln“ gehört wohl für einige schon zum Hausschatz deutscher Gedichte: „Der vierte Teufel gilt als Repräsentant für/ Musik und Tanz. Er hält in der linken Hand/ eine lange dürre Peitsche, mit Katzengold (…) weckt (…) die zu früh zu Bett Gegangenen, indem er rasend schnell die/ Peitsche durch eine Falte seitlich am Körper/ ratschen lässt, was ein sizzelndes Witschen/ erzeugt“.
Präludium zum Erfolgslauf
Wie wenig formale Innovation letztlich noch zur Bewertung von Literatur benötigt wird, demonstriert die Konjunktur autofiktionaler Literatur, als deren Protagonistin Martina Hefter zuletzt mit dem Deutschen Buchpreis bedacht wurde. Das vorliegende Werk, in Erstausgabe bereits 2018 erschienen, ist das Präludium zu diesem Erfolgslauf, nur eben in einem weniger marktgängigen Segment als der Prosa.
Es hilft wenig zu monieren, das Setzen von Realitätseffekten – Markennamen, Lokalkolorit etc. – wie auch das Inszenieren von Mündlichkeit seien lediglich Wiedergänger der Alltagslyrik der Siebziger, der neuen Subjektivität der Achtziger, des Social Beat der Neunziger. Man ginge sonst diesem exemplarischen Stilspiel arg humorlos auf den Leim, dem das ernsthafte Ansinnen nie aus dem Blick gerät: „Ich, Martina Hefter, werd den Teufel tun und meiner/ Schwermutter hier Sätze in den Mund legen, die sie nie/ sagen würde, also ich meine, poetische Sätze (…) die zusammenfassen, wie das sein könnte, wenn man da/ immer so liegt und davon abhängig ist, ob eine andere/ Person die Gnade hat, nach einem Pfleger zu rufen/ Mir dämmerts langsam, dass ihr das alles/ lebensnah miterleben sollt“.
Das quälende Selbstbeobachten dieses Schreibens findet seine bündige Summe in einem Epigramm mit dem Titel „Essay“: „Und das ist auch schon wieder in einer Haltung formuliert,/ die zu meinem Fächer aus Haltungen gehört“. Die versifizierte Moralschrift über den Zwist einer Schwiegertochter, die Carearbeit übernehmen muss („auf seine Weise ungerecht/ wenn ich das alles allein stemmen muss“) und ihrer dementen Schwiegermutter, die zur „Schwermutter“ stilisiert wird, mahnt daran, dass Poesie noch etwas ganz anderes sein kann als operationalisierte Naturschau.
Manisch wechselnde Tonlage wie rhetorische Registerfülle Martina Hefters sind und bleiben beeindruckend. Auch wenn es von Nora Bossong bis Slata Roschal eine vergleichbar dringliche Anliegenlyrik gibt, einem Mix aus Privatissimi mit Gesellschaftskritik, bleibt Hefter unerreicht drastisch-empathisch: „wer bezahlt mir das eigentlich alles/ ich meine das ernst es ist nicht zynisch gemeint/ ich tu hier Dienst an der Gesellschaft/ einen alten Menschen besuch ich dreimal die Woche/ damit dieser Mensch nicht allein ist/ mit den Teufeln“.
Versäumte Gelegenheit
Eine Neuauflage dieses Lyrikbands, bereits vor acht Jahren im renommierten Berliner Label Kookbooks nahezu baugleich publiziert, wäre unproblematisch, müsste man die vorliegende Ausgabe nicht als Verschlechterung ansehen: Die Schriftgröße zerstückelt das Schriftbild, zerstört metrische Zusammenhänge, hemmt den Lesefluss. Das kunstvoll zerfledderte titelgebende Langgedicht wirkt in der Wiederauflage von Klett-Cotta aufs Niveau einer Partitur degradiert. Versäumt wurde die Gelegenheit, einzelne Videosequenzen der tänzerisch-rezitatorischen Darbietung, auf die Nebentexte in teils drolliger Strenge und teils grüblerisch verweisen, ins Buch zu verlinken. Die Wiederauflage ermangelt der Sinnigkeit.
Auch eine philologische Einordnung, anstelle „eines von mehreren möglichen Nachworten“ (der Autorin), hätte die Zugänglichkeit sicher noch einmal deutlich erleichtert: Es ist schließlich ein Grundanliegen des Werks, Menschen auf die existenzielle Wucht eines familiären Pflegefalls vorzubereiten.
In der vorliegenden Edition gerät „Es könnte auch schön werden“ nolens volens zu einem traurigen Lehrstück über die ins Groteske gekippte Reputierlichkeit innerhalb einer bald völlig irrelevanten Königsdisziplin. Wenn angesehene Publikumsverlage im Segment Lyrik nur noch auf prominente Namen in zigster Wiederauflage setzen und zusehends auf die Vermittlung frischer poetischer Konzepte verzichten, wird poetische Sprachkunst verkümmern zu einem Déjà-vu des wirklich allerneusten Sprechlooks; Lyrik wird darüber selbst zum Pflegefall.
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