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Luxemburg-Liebknecht-GedenkdemonstrationLaufsteg der Rotfronten

Auf der traditionellen LL-Demo rufen rote Gruppen zum Widerstand gegen die Wehrpflicht auf. Und wetteifern um die revolutionärste Aufmachung.

Eine Demonstrantin mit Kufiya trägt ein Foto von Rosa Luxemburg Foto: Stefan Boness/Ipon
Timm Kühn

Aus Berlin

Timm Kühn

Am Anfang geht es auf der diesjährigen Luxemburg-Liebknecht-Gedenkdemonstration noch etwas holprig zu. Weil es an der Frankfurter Allee noch vereiste Stellen gibt, geraten ein paar ältere Menschen ins Schlittern. „Ist ja gemeingefährlich hier“, sagt ein älterer Mann, der sich eine rote Nelke an seinen Mantel geheftet hat. „Aber hallo, fast so gefährlich wie die da“, sagt seine Begleiterin, ebenfalls eine ältere Frau, und zeigt auf die umherstehenden Hundertschaften vermummter Polizist:innen. Beide lachen.

In der Folge bewahrheitet sich die Sorge der Frau aber dann nicht. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, in denen die Polizei immer wieder ziemlich brutal gegen den traditionellen Aufmarsch vorgegangen ist, bleibt die diesjährige LL-Demo beinahe vollständig friedlich. 8.500 Demonstrierende zogen laut Polizei zum traditionellen Blumenniederlegen auf dem Friedhof der Sozialisten in Friedrichsfelde, wo die 1919 von faschistischen Freikorps ermordeten Ar­bei­te­r:in­nen­füh­rern Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht begraben liegen.

Lange galt der Termin als Anlaufpunkt für nostalgische Altlinke. „Morgen ist mein 90. Geburtstag, eigentlich ist das hier alles ein Geburtstagsmarsch für mich“, scherzt eine alte Dame am Rand der Auftaktkundgebung zur taz. Sie sei mit ihrer Familie extra aus Stuttgart angereist, einer komme gar aus Luxemburg („das passt also“). Ein Verwandter sei in der DKP, man sei aus Solidarität hier. „Aber es ist uns auch wichtig, ein Gegengewicht zu zeigen, gegen die Politik der Herrschenden“, sagt einer aus der Runde.

Doch inzwischen hat sich die Demonstration wesentlich verjüngt. Wer hier vor allem aufläuft, das sind die deutschlandweit aus dem Boden sprießenden kommunistischen Kadergruppen. Schon vor dem Demobeginn um 10 Uhr harren sie, allesamt in rote Hammer-und-Sichel-Schlauchschals gewickelt, in Reih und Glied in der Kälte aus. Ordentlich haben sie sich in die jeweiligen Blöcke ihrer Organisationen aufgeteilt. Was auffällt: Während die Reihen der neuen Kadergruppen dicht bepackt sind, wirken die Blöcke der alten Hasen von der MLPD oder der DKP recht ausgedünnt.

Rauchtöpfe sorgen auch für revolutionäre Ästhetik Foto: Timm Kühn

Ohne Konfrontation mit der Staatsmacht wirkt der Auflauf dann allerdings eher wie ein Wettbewerb kommunistischer Ästhetik: Vor dem Block der türkischen MLKP laufen vier junge Frauen, in Kufiyas und kurdische Tücher gehüllt, sie tragen Porträts von Lenin, Luxemburg und Liebknecht, dazu einen üppigen Blumenkranz. Ein anderer Block trägt ein riesiges Banner „1924 bis heute – Lenin lebt im Kampf“. Immer wieder wird mit Rauchtöpfen und Pyrotechnik revolutionäre Stimmung dargestellt.

Auch inhaltlich haben die vielen Jugendlichen nicht unbedingt zu einer Verjüngung geführt. „Die größte Angst des bürgerlichen Staats, die Kampfpartei des Proletariats“ skandieren sie aus voller Kehle, den „Märtyrern“ Luxemburg und Liebknecht wird „Ruhm und Ehre“ gewünscht. Insbesondere der Block der Kommunistischen Partei (KP) macht mit Revisionismus auf sich aufmerksam. „Viva, viva, Stalin“, wird hier skandiert, und: „Die DDR war unser Staat – Alle Macht dem Proletariat“.

Ansonsten liegt der inhaltliche Fokus auf dem Widerstand gegen Wehrpflicht und Militarisierung. „Der Imperialismus braucht eine ruhige Heimatfront und eine Bevölkerung, die mitmacht“, ruft ein Redner von einem Lautsprecherwagen während des Umzugs. Aber der jüngste Schulstreik gegen die Wehrpflicht habe gezeigt, dass sich die Jugend „nicht verarschen“ lassen. Die Rede geht in „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft“-Sprechchören unter. Auch viele „Viva Palästina“-Sprechchöre hallen aus der Demo über die Frankfurter Allee. Im Protestzug sind zudem zahlreiche Venezuela-Flaggen zu sehen.

Schon im Vorfeld der Demonstration, am Freitag, waren antimilitaristische Ak­ti­vis­t:in­nen aktiv geworden und hatten versucht, auf das Gelände des neuen Rheinmetall-Munitionswerks im Wedding einzudringen. Dies bestätigte die Polizei der taz. Gelungen sei das nicht. Es sei dann in der Umgebung Infomaterial verteilt worden. In einem Schreiben auf Indymedia heißt es zudem, vor den Werkstoren sei „literweise blutrote Farbe“ ausgekippt worden, „um deutlich zu machen, dass die Produktion von Kriegsgerät für Tod und Zerstörung verantwortlich ist.“

Ebenfalls im Vorfeld stattgefunden hatte am Samstag die 31. Rosa-Luxemburg-Konferenz der Zeitung Junge Welt in den Wilhelm Studios in Wilhelmsruh. Laut der Zeitung kam dabei auch der im Untergrund lebende Ex-RAFler Burkhard Garweg zu Wort. Demnach bezeichnete dieser den Terrorvorwurf in einem vorgelesenen Grußwort als „grotesk“, der „wirkliche Terror“ liege in der „kapitalistischen Normalität“. Garweg solidarisierte sich laut der Zeitung auch mit der Palästina-Bewegung. „Widerstand gegen Genozid, Apartheid“ und die „Komplizenschaft Deutschlands“ sei „notwendig und gerechtfertigt“, sagte er demnach.

Auch die UN-Sonderberichterstatterin für die Menschenrechtssituation in den palästinensischen Gebieten, Francesca Albanese, sprach auf der Konferenz. Sie klagte ebenfalls eine deutsche Mitschuld in Israels Genozid in Gaza an. Laut Junge Welt sprach sie von einem „dritten Genozid, an dem das deutsche Volk Anteil habe, in weniger als 100 Jahren.“ Das Völkerrecht müsse „von den Menschen aktiviert werden“, sagte sie.

Am Ende werden Nelken abgelegt und die Internationale gesungen Foto: Timm Kühn

Als der Protestzug den Friedhof erreicht, erwartet die Klas­sen­kämp­fe­r:in­nen alles, was das linke Herz begehrt: Stände mit zahlreichen Büchern, Flugschriften und Zeitungen, Kufiyas und roten Schlauchschals, Currywurst und Pommes. Auf dem Friedhof wird der Protestzug dann zu einem Trauermarsch. Gesungen wird jetzt nur noch die Internationale. Nach und nach treten die Gruppen an das Grab mit der Aufschrift „Die Toten Mahnen Uns“ und legen ihre Blumen ab. Erneut posieren Jugendliche im Kleidungsstil der 1920er-Jahre für die Kameras. Die Demonstration ist jünger geworden – doch die Nostalgie, sie ist nicht weg.

Hinweis: Die Rosa-Luxemburg-Konferenz fand in den Wilhelm Studios in Wilhelmsruh statt, nicht in den Räumen der Jungen Welt, wie ursprünglich berichtet.

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5 Kommentare

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  • Rosa Luxenburg war eine große Kritikern



    Lenins und erst recht Stalins .



    Stalinisten und Artverwandte haben auf einer solchen Demo absolut



    nichts zu suchen .



    Sie hat immer für den demokratischen Sozialismus gekämpft und war eine entschiedene Gegnerin der sogenannten Diktatur des Proletariats .



    Die Linkspartei sollte sich von von solchen



    Gruppierungen , wie die MLPD, gerade auf einer Demo



    für Rosa Luxenburg distanzieren.



    Links ist nicht gleich links.

  • Zum Bild:

    Rosa Luxemburg wäre am 7. Oktober als Jüdin von der Hamas gnadenlos abgeschlachtet worden.

    Eine Kuffiyehträgerin mit Luxemburg-Porträt ist ungefähr genauso geschmacklos, wie wenn deutsche Rechtsextremisten sich auf Luxemburg oder die Geschwister Scholl berufen.

    • @Suryo:

      Dazu müssten die Kuffiyehträgerinnen und -träger allerdings wissen, dass Rosa Luxemburg Jüdin und kein Popidol war.

  • Meine Beobachtungen sind Deckungsgleich......einmal im Jahr muß man sich das antun, egal wie kalt es ist.

    Ps. Die Stalin Rufe tun weh...

  • Es ist erschüttert. Eine größere Beleidigung Rosa Luxemburgs ist kaum denkbar.