Lokaljournalismus in Großbritannien: Ein Blatt für die Community
Der „Bristol Cable“ gehört seiner Leserschaft – mehreren tausend Menschen in der britischen Stadt. Ein Modell für die Zukunft des Lokaljournalismus?
Adam Quarshie zieht seinen Schlauchschal von der Nase. Der Redakteur der Lokalzeitung The Bristol Cable atmet erst einmal durch, als er auf dem Hügel im Castle Park in der Innenstadt der südwestbritischen Metropole angekommen ist. In der Ferne sind Sirenen zu hören. Um ihn herum laufen immer mehr Menschen den Hügel hinauf.
Es ist ein Samstag im Januar. Bis vor Kurzem hat Quarshie eine Kundgebung der extrem rechten Kleingruppe „Bristol Patriots“ beobachtet. Als die Polizei die Teilnehmenden einer antifaschistischen Gegendemonstration einkesseln wollte, sind sie weggerannt – bis in den Park. Quarshie hat entschieden, mitzurennen. Um nicht als Journalist erkennbar zu sein. Noch nicht.
Fast ein Jahr lang haben er und seine Kolleg:innen zu den Bristol Patriots recherchiert. Mitte März veröffentlichte die Redaktion ihre Recherche. Sie deckte auf, dass hinter den sich als bürgerlich gebenden Patriots organisierte Neonazis stecken. Die Gruppe war vor rund anderthalb Jahren erstmals in der Stadt mit 480.000 Einwohner:innen aufgetaucht.
„Es gibt nicht viele Lokaljournalist:innen, die sich so eine Art von Arbeit leisten können“, sagt Quarshie. „Oft wird von ihnen erwartet, dass sie jeden Tag neue Geschichten heraushauen. Wir veröffentlichen ein oder zwei Artikel pro Woche online. Dafür haben wir die Zeit, richtig tief in ein Thema einzutauchen.“
Anders als die meisten Lokalmedien bringt der Bristol Cable keine tagesaktuellen Nachrichten. Die Idee: investigativ recherchieren – aber vor der eigenen Haustür.
Redaktion in der alten Feuerwache
Das Büro liegt mitten in der Stadt, im vierten Stock eines Kulturzentrums, das früher eine Feuerwache war. Auf durchgesessenen Sofas entscheidet das kleine Team aus sechs Festangestellten hier jede Woche im Konsensprinzip nicht nur über journalistische, sondern auch über administrative Fragen.
Der Bristol Cable wurde 2014 gegründet und mehrfach für seine Berichterstattung ausgezeichnet – etwa mit dem britischen Journalismus-Preis in der Kategorie Lokales. „Am Anfang lief alles aus einem Wohnzimmer heraus“, sagt Redakteurin Priyanka Raval. Heute produzieren sie vier Printausgaben im Jahr, in einer Auflage von 12.000 Exemplaren. Sie liegen über die Stadt verteilt aus und sind kostenlos. Dazu veröffentlicht der Cable Artikel, Videos und Podcasts online – ohne Paywall.
Das geht, weil die Zeitung eine Genossenschaft ist, ähnlich wie die taz. Sie finanziert sich zu sechzig Prozent über Beiträge der Mitglieder. Mindestbeitrag: ein Pfund im Monat. Im Durchschnitt zahlen Abonnent:innen 2,50 Pfund. Der Rest sind Spenden und Fördermittel. Die Genossenschaftsform soll ermöglichen, dass die Zeitung nicht auf Werbung und Klickzahlen angewiesen ist. „Wir können einfach über das schreiben, was wir für wichtig halten“, sagt Raval, „für die Menschen hier in Bristol.“
Aber geht das auf? „Nach zehn, elf Jahren im Betrieb sind unsere größten Herausforderungen, wie so oft, Geld und Kapazitäten“, sagt Raval, die für die Finanzen verantwortlich ist. Das Problem: Die Mitgliedschaften, eigentlich die wichtigste Einnahmequelle, stagnieren seit einigen Jahren bei rund 2.500. Das Ziel: die Zahl der Mitglieder bis 2030 verdoppeln.
Der Bristol Cable will auch Menschen außerhalb einer linken Blase erreichen, sagt Raval. Dafür gibt es zwei Stellen für „Community Organising“. Deren Aufgabe: Kontakt zu Menschen herzustellen, die weniger mediale Aufmerksamkeit bekommen als andere – etwa ärmere oder marginalisierte Communities.
Mit Unterstützung der Genoss:innen
Was das heißt, zeigt sich Ende Februar im Easton Community Center, einem Nachbarschaftstreff im Osten der Stadt. Bei Tee und Keksen erzählt Redakteur Sean Morrison rund 20 Menschen aus der Nachbarschaft von seiner aktuellen Recherche. Es geht um eine städtische Anwendung, die polizeiliche Einträge von Schüler:innen sammelt und Schulen in Bristol zur Verfügung gestellt wird.
Der Bristol Cable fragt seine Leser:innen regelmäßig nach Unterstützung bei Recherchen. Dafür gibt es ein Online-Umfrage-Tool. Wer Genossenschaftsmitglied ist, kann außerdem bei einem jährlichen Treffen abstimmen, worüber die Redaktion berichten soll.
Das läuft nicht immer glatt. Vor zwei Jahren berichtete die Zeitung kritisch über ein Projekt der Stadt zu verkehrsberuhigten Straßen. Einige Genossenschaftsmitglieder waren darüber nicht erfreut. Sie warfen der Redaktion vor, gegen „grüne Politik“ zu schießen. Am Ende habe der Konflikt gezeigt, was die Mitglieder bewegt, sagt Raval. Beim jüngsten Jahrestreffen äußerten sie den Wunsch, dass die Redaktion mehr über Klimathemen berichtet. Das will sie nun umsetzen.
Joe Mitchell von der Stiftung Public Interest News Foundation (PINF) nennt den Bristol Cable ein „Vorzeigebeispiel für eine Lokalzeitung in Genossenschaftsbesitz“, weil er sich rechtlich und inhaltlich seinen Mitgliedern verpflichtet. Für Mitchell sind solche Modelle die Zukunft. „Eine gute Lokalzeitung im 21. Jahrhundert arbeitet mit der Community zusammen, um ihre Geschichten zu erzählen.“
Mittlerweile gibt es in Großbritannien ähnliche Projekte, etwa den Meteor in Manchester. Allerdings gibt es auch Regionen ganz ohne Lokalzeitung. Im vergangenen Jahr zählte die Stiftung Public Interest News Foundation (PINF) 27 sogenannte Nachrichtenwüsten in Großbritannien, die 4,4 Millionen Menschen betreffen.
Priyanka Raval denkt deshalb darüber nach, das Konzept des Cable auszubauen – und genossenschaftlich organisierte Lokalzeitungen im ganzen Land bei der Gründung zu unterstützen.
Transparenzhinweis: Die Autorin war während der Recherche für zwei Monate unbezahlte Praktikantin beim Bristol Cable.
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