Literaturnobelpreis 2026: Die Lyrikerin Anne Carson wird für ihr kühnes Werk geehrt
Die Kanadierin Anne Carson bekommt den Literaturnobelpreis. Sie galt zuvor als Mitfavoritin. Von der Auszeichnung erfuhr sie in Island, wo sie gerade dem Wind lauscht.
dpa/ap/taz | Der Literaturnobelpreis 2026 geht an Anne Carson aus Kanada. Das hat die Schwedische Akademie am Donnerstagmittag in Stockholm verkündet. Der Preis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung der Welt. Schon in der Vergangenheit galt Carson als Favorit auf den Preis.
Carson greift in ihren Werken, die oft Elemente aus Lyrik, Essayistik und Belletristik vereinen, auf Themen und Geschichten aus der antiken griechischen und römischen Literatur zurück.
Die 76-Jährige bekommt die Auszeichnung für ihr „kühnes und erfinderisches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur geschaffen hat“, wie die Ständige Sekretärin der Akademie, Ingrid Carlberg, bei der Verkündung sagte.
Sie habe kurz mit der Preisträgerin am Telefon sprechen können, sagte Carlberg. „Sie war sehr überrascht. Wir hatten nicht viel Zeit zu sprechen.“
Carson erreichte der Anruf der Akademie auf Island. Dort sei sie gewesen, um den Wind zu hören, sagte Carlberg bei der Bekanntgabe.
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Carson ist bekannt als Autorin rätselhaft schillernder Gedichte. 2020 hatte sie die Berliner Rede beim Poesiefestival gehalten. Sie habe eine Faszination für antike Literatur, sagte der Schriftsteller Anders Olsson, der zur Jury gehört und ihr Lebenswerk vorstellte. Schon ihr Debut „Eros the Bittersweet“ aus dem Jahr 1986 sei ein grundlegendes Werk für ihr weiteres Schaffen gewesen. Darin habe sich Carson mit dem griechischen Wort glukupikron befasst. Das lässt sich als süß-bitter übersetzen und beschreibt das Gefühl romanischer Liebe als eine Mischung aus Schmerz und Genuss.
Zu ihre weiteren Werken gehören der Versroman „Autobiography of Red“, „Men in the Off Hours“, eine Sammlung aus Lyrik und Prosa, die 2001 mit dem kanadischen Griffin-Preis für Lyrik ausgezeichnet wurde, sowie „Norma Jeane Baker of Troy“, in dem Marilyn Monroe und Helena von Troja miteinander verglichen werden.
Olsson hob hervor, dass Carson auch mit Künstler:innen aus anderen Sparten zusammenarbeitet, die visuell arbeiten.
Die heute 76-Jährige wurde 1950 in Toronto in Kanada geboren. Sie war Professorin an mehreren Universitäten, unter anderem in Princeton im US-Bundesstaat New Jersey..
2025 hatte der ungarische Schriftsteller László Krasznahorkai den Literaturnobelpreis „für sein unwiderstehliches und visionäres Œuvre, das inmitten apokalyptischen Terrors die Macht der Kunst bekräftigt“, bekommen. Zu den bekanntesten Werken des Autors gehören „Satanstango“ und „Melancholie des Widerstands“.
In den letzten Jahren hatte die Jury stets abwechselnd einen Mann und eine Frau geehrt. Vor Krasznahorkai hatte die Südkoreanerin Han Kang die Auszeichnung 2024 erhalten. Dieser Logik ist die Jury auch in diesem Jahr gefolgt.
Carson ist die erste Frau, die in diesem Jahr einen Nobelpreis bekommt. Denn die wissenschaftlichen Nobelpreise für Chemie, Physik und Medizin gingen in den vergangenen Tagen ausschließlich an Männer.
Insgesamt sind Frauen in der Nobelpreisgeschichte extrem unterrepräsentiert – auch beim Literaturpreis: Bisher waren nur 18 von 122 Preisträgern seit 1901 sind weiblich.
Anne Carson hatte kurz vor der Verkündung auf den Listen der Wettbüros neben Can Xue auch die Kanadierin Anne Carson weit oben gestanden.
Nach dem Literaturnobelpreis steht am Freitag der Friedensnobelpreis an. Den Abschluss bildet der Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften am kommenden Montag.
Anm. der Redaktion: Der Text wird im Laufe des Tages mehrfach aktualisiert.
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