Literatur in Corona-Zeiten: „Anders denken hilft allen“

Mit „Viral“ hat Donat Blum, Initiator der queeren Literaturzeitschrift Glitter, in nur wenigen Tagen ein digitales Literaturfestival gegründet.

„Viral“-Gründer und Schriftsteller Donat Blum Foto: Marvin Zilm

taz: Herr Blum, Sie haben in kurzer Zeit das digitale Literaturfestival „Viral“ organisiert. Wie ging das so schnell?

Donat Blum: Ich wollte so was schon lange machen. Wenn ich für meinen Debüt-Roman „Opoe“ keinen Verlag gefunden hätte, hätte ich ihn auf YouTube veröffentlicht. Leute von Institutionen haben oft das Gefühl, Literatur-Videos müssten professionell sein – aber eigentlich ist der Live-Charakter wichtiger. Das Gemeinschaftsgefühl kann auch online entstehen. Auf unserer Seite kann man sich neben der Lesung auch austauschen. Das erzeugt Community. Innerhalb von zwei, drei Stunden hatten sich 80 Autor*innen gemeldet, die gerne lesen wollten.

Brauchen Queers diese Orte der wenn auch nur digitalen Begegnung?

Viele queere Menschen sind viel online unterwergs. Queer im Sinn von Querdenken machen wir als Zeitschrift Glitter. Der Untertitel „die Gala der Literaturzeitschriften“ bricht mit Erwartungshaltungen. Wir erlauben uns Trash und Tabubrüche. Das hat uns prädestiniert, „Viral“ zu starten. Das Festival läuft zwar auf den Kanälen von Glitter, wird aber breiter wahrgenommen. Etwa ein Drittel der Autor*innen ist queer. Mehr als im heteronormativen Literaturbetrieb, den wir damit unterwandern.

Das Online-Literaturfestival „Viral“ findet wieder statt am Mi., 1. 4., Fr., 3. 4., So., 5. 4. & Mo., 8. 4. auf www.facebook.com/glitteratur/

Verlage in Deutschland scheinen zu befürchten, dass man mit queeren Storys nur ein Nischenpublikum erreicht.

Wenn man lernt, ein bisschen quer zu denken, hilft das allen. Andere Perspektiven und Muster aufbrechen geht alle etwas an. „Viral“ ist ein queeres Projekt, weil es Normen in Frage stellt. Im Literaturbetrieb, aber auch im Umgang mit gesellschaftlicher Bedrohung. Wenn wir uns physisch nicht nahe sein können: Lasst uns Wege finden, wie wir uns trotzdem nahe kommen können.

Wie ist es denn allgemein um die Queerness im deutschsprachigen Literaturbetrieb bestellt?

Sie wird marginalisiert. Als ob queere Themen nur Queers etwas angingen. Verlage raten, dass man auf den ersten 30 Seiten nicht klar macht, dass es um Queeres geht. Erst mal sagen, dass es um etwas anderes geht – und die Leute dann vorsichtig heranführen, weil sie sonst angeblich überfordert wären. Dabei sind die meisten Leser*innen viel progressiver, als die Verlage annehmen. Für Minderheiten ist Sichtbarkeit wichtig, damit sie gleichwertig angeschaut werden. Dafür kämpft auch das Netzwerk „Queer Media Society“ in Deutschland.

Édouard Louis und Ocean Vuong haben doch aber schon große Erfolge mit ihren autofiktionalen schwulen Romanen gefeiert.

Aber wo bleiben die deutschsprachigen Autoren?

Die Verlage hierzulande trauen sich anscheinend nur, wenn queere Titel anderswo schon Bestseller waren.

Ja, Verlage sind in so einer prekären Lage, dass ihnen der Mut fehlt, etwas zu machen, das nicht schon erfolgsgeprüft ist. Man feiert Queerness hier nicht. Man könnte doch auch sagen: „Wir machen ein queeres Buch, es zeigt alle Facetten auf von alternativen Lebensmodellen, wir sind progressiv, dieses Buch wird der Hit!“ Stattdessen sagt man lieber etwas wie: „Es geht um eine Großmutter.“ Weil: Das kennt man.

In neuen Serien gibt es deutlich mehr queere Figuren als noch vor ein paar Jahren.

Film erreicht viel mehr Leute als Literatur. Dass die junge Generation das abfeiert, ist der Beweis: Es funktioniert. Nun ziehen andere nach. Aber in einer ZDF-Serie ist es nach wie vor schwierig, queere Charaktere unterzubringen. Wenn man bedenkt, wie lange dieser Kampf schon dauert, hat sich erstaunlich wenig getan.

Können die Autor*innen queerer Literatur eigentlich hetero sein?

Eine superschwere Frage! Geschichten wie „Brokeback Mountain“ sind vielleicht eine Brücke, die geschlagen werden kann, von Heteros Richtung queere Welt. Und das möchte ich nicht missen. Für mich persönlich geht das aber oft nicht weit genug. In den Details fehlen mir dann oft die „wahren“ Konflikte, die Dringlichkeit.

Für eine größere Sichtbarkeit müssten auch hetero Autor*innen queere Figuren kreieren?

Ja, und etwa Frauen, die selbstbewusst sagen: „Ich schlafe mit Männern, aber finde es auch toll, wenn Frauen mit Frauen schlafen.“ Hetero Autor*innen könnten zumindest queere Nebencharaktere einbauen. Etwa einen Sohn, der selbstverständlich seinen Freund nach Hause bringt. Dieses beiläufige begegnet mir bisher kaum.

Weil die Kulturbeilage taz plan wegen des Corona-Shutdowns bis auf Weiteres eingestellt wurde, erscheinen hier nun gelegentlich Texte vom taz plan

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