Lisa Jenkel über Blindenfußball: „Bei uns tastet man sich durch die Vereinsgeschichte“
Ausstellung „Keep Your Mind Wide Open“ macht Blindenfußball fühl- und hörbar. Kuratorin Lisa Jenkel über Meisterschalen zum Anfassen.
taz: Frau Jenkel, die Blindenfußball-Abteilung des FC St. Pauli wird in diesem Jahr 20 Jahre alt – eine wahre Erfolgsgeschichte. Wie hat das angefangen?
Lisa Jenkel: Katja und Michael Löffler haben die Abteilung 2006 gegründet, als eines der ersten zwei Blindenfußball-Teams in Deutschland überhaupt. Die Blindenfußball-Abteilung war Gründungsmitglied der Blindenfußball-Bundesliga und hat seitdem vier Meisterschaften geholt. International kommen der Sieg beim Bucovice Blind Football Cup und beim eigenen Mastersturnier dazu, das sind die beiden wichtigsten europäischen Turniere. Und auch einzelne Spieler*innen sind ausgezeichnet worden: Serdal Celebi hatte 2018 das Tor des Monats August, Thoya Küster wurde 2022 als Hamburger Sporttalent ausgezeichnet, Jonathan Tönsing war 2017 Torschützenkönig und Spieler der Saison in der Liga.
taz: Es geht ja nicht nur um Wettkampf, sondern auch um Sensibilisierungsarbeit. Wie sieht die aus?
Jenkel: Die Blindenfußball-Abteilung geht mit ihrem Programm „Check Voy!“ in Hamburger Schulen. Das hat sie im Rahmen der Uefa Euro 2024 gestartet, gefördert von der Active City Hamburg und der Alexander-Otto-Stiftung. Blindenfußballer*innen und Trainer*innen kommen mit ihrem Sportmaterial vorbei und trainieren eine Doppelstunde lang Blindenfußball, kostenlos. Die Schule muss nur im Stadtgebiet liegen und möglichst eine Sporthalle oder einen Kunstrasenplatz haben. Allein 2024 haben so schon über 1.200 Kinder selbst Blindenfußball gespielt. Über den Bundesligabetrieb hinaus engagiert sich die Abteilung mit Sensibilisierungstrainings und Fortbildungsangeboten, um Barrieren abzubauen.
taz: Was macht die Ausstellung zu mehr als einer klassischen Vereinsgeschichte an der Wand?
Jenkel: Sie ist inklusiv, interaktiv und barrierefrei konzipiert. Ein Handlauf führt als Leitsystem durch den Raum, mit Symbolen: Ein Ohrsymbol markiert Hörstationen, ein Handsymbol taktile Stationen, etwa Bälle oder eine taktile Taktiktafel. Alle Texte und Bilder sind vertont, inklusive Bildbeschreibung, und am Anfang gibt es eine Audiodeskription des ganzen Raums – alles über Hörmuscheln zugänglich. Dazu kommen ein Spielfeld, auf dem man mit Dunkelbrille selbst Blindenfußball ausprobieren kann, und VR-Brillen mit einer Spielsequenz, erst nur als Audio vom Spielfeld, dann mit Audiodeskription und als Video zum Ansehen.
taz: Eine Meisterschale zum Anfassen, das klingt ungewöhnlich für ein Museum.
Jenkel: Ist es auch, die Schale von 2017 haben wir nachbauen lassen, extra zum Anfassen. Gleichzeitig zeigen wir alle vier Original-Meisterschalen in der Ausstellung.
taz: Wer hat bei diesem inklusiven Konzept mitgewirkt und zusammengearbeitet?
Jenkel: In erster Linie haben das FC St. Pauli-Museum und die Blindenfußball-Abteilung zusammengearbeitet. Der Blinden- und Sehbehinderten-Verband Hamburg wurde dann als Beratungspartner hinzugezogen.
taz: Das Museum und die Blindenfußball-Abteilung, wie hängen die eigentlich zusammen? Und wie lange hat die Vorbereitung in etwa gedauert?
Jenkel: Das ist eine Kooperation, keine Personalunion. Das FC St. Pauli-Museum ist ein eigenständiger Verein, getrennt vom Fußballverein FC St. Pauli selbst. Die Idee zur Ausstellung und erste Planung, auch mit Blick auf Fördergelder, kamen schon 2022. Damals sind auch die ersten Objekte ins Archiv aufgenommen worden. Die intensive Vorbereitungsphase lief dann noch mal sechs Monate, seit etwa Februar 2026.
Keep your mind wide open – die Erfolgsgeschichte des Blindenfußballs im FC St. Pauli, FC St. Pauli–Museum, Mi u. Fr 15-19 Uhr, Do 15-22 Uhr, Sa 11-19 Uhr, So 10-18 Uhr
taz: Die Ausstellung ist seit Kurzem eröffnet. Wie war die Resonanz seitdem?
Jenkel: Sehr positiv, vor allem wegen der inklusiven und interaktiven Konzeption. Besucher*innen fanden es toll, den Sport selbst ausprobieren zu können und dass blinde und sehbehinderte Gäste die Ausstellung und ihre Inhalte barrierefrei erfahren können. Die Ausstellung ist vor allem eine Hommage an die Arbeit der Blindenfußball-Abteilung, an das Zusammenspiel blinder und sehbehinderter Spieler*innen mit sehenden Torhüter*innen, Guides, Trainer*innen und Schiedsrichter*innen, das schon auf dem Platz gelebte Zusammenarbeit und Inklusion zeigt.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert