Linken-Spitze: Pantisano läuft sich warm
Der Parteivorsitzende Jan van Aken wird nicht wieder kandidieren. Der Bundestagsabgeordnete Luigi Pantisano will sein Nachfolger werden. Es wirkt, als sei das ausgemachte Sache.
Der Bundestagsabgeordnete Luigi Pantisano will neuer Parteivorsitzender der Linken werden. Am Donnerstag kündigte der 46-Jährige an, sich auf dem Parteitag Mitte Juni in Potsdam um die Nachfolge von Jan van Aken zu bewerben. Dessen gemeinsame Linie mit der Co-Vorsitzenden Ines Schwerdtner sei „richtig und erfolgreich“. In „großer Demut“ wolle er den Weg der beiden „weitergehen und weiterentwickeln“. Die Linke sei „der Ort der Hoffnung“ und darauf sei er „wahnsinnig stolz“, sagte er der taz.
Am Mittwoch hatte van Aken überraschend erklärt, nicht wieder für den Parteivorsitz zu kandidieren. „In der nächsten Zeit werde ich mich verstärkt um meine Gesundheit kümmern müssen“, begründete er seine Entscheidung. Es sei keine lebensbedrohliche Krankheit, trotzdem müsse er auf sich aufpassen. Ihm falle dieser Schritt „sehr schwer“.
Sein Amt werde er zum Parteitag im Juni niederlegen, so van Aken. Sein Mandat im Bundestag wolle van Aken bis zum Ende der Legislaturperiode ausüben und seiner Partei so gut wie möglich zur Verfügung stehen. Seine Zusage für das diesjährige taz lab am 25. April, bei dem eine Diskussion mit ihm und der Grünen-Bundestagsfraktionsvorsitzenden Katharina Dröge geplant ist, bleibt ebenfalls bestehen.
Der Hanseat steht seit Oktober 2024 gemeinsam mit Schwerdtner an der Spitze der Linkspartei. In ihrer Amtszeit nahm die zuvor bereits von vielen totgesagte Partei einen rasanten Aufschwung. Mit 8,8 Prozent schaffte sie bei der Bundestagswahl im Februar 2025 ein sensationelles Comeback, derzeit steht sie in den Umfragen zwischen 10 und 11 Prozent. Seit dem Amtsantritt der derzeitigen Parteiführung verzeichnete die Linke mehr als 76.600 Neueintritte und zählt inzwischen mehr als 123.000 Mitglieder.
Jünger, westlicher, migrantischer
Die Linke sei auf einem guten Weg, befand van Aken. Er sei zuversichtlich, dass sie in den nächsten Jahren in diesem Land eine immer größere Rolle spielen werde. „Ich freue mich sehr darauf, dabei zu sein – wenn auch in einer anderen Funktion“, erklärte er.
„Jan war ein großartiger Vorsitzender“, resümiert Pantisano. Er wisse um die großen Fußstapfen, die dieser an der Parteispitze hinterlassen werde. „Die Linke ist jünger, westlicher und feministischer, aber auch migrantischer geworden und ich finde, ich passe da als Kandidat gut rein“, sagt Pantisano.
Ob er der einzige Kandidat für die Nachfolge bleiben wird, ist noch offen. Wie auch immer: Seine Aussichten auf den Parteivorsitz stehen gut. Er hat sowohl Unterstützung des scheidenden van Aken als auch von Ines Schwerdtner, die wieder antreten will. „Ich freue mich sehr, dass Luigi Pantisano sich bereit erklärt, für die Partei Verantwortung zu übernehmen“, begrüßte sie seine Kandidatur.
Schwerdtner und Reichinnek unterstützen Pantisano
Schwerdtner habe mit ihm bereits in der Vergangenheit vertrauensvoll zusammengearbeitet und könne sich daher eine Doppelspitze mit ihm gut vorstellen. „Mit seiner langjährigen Erfahrung in der Partei, im Bundestag und in der Kommunalpolitik bringt er wichtige Fähigkeiten mit, um die Partei weiter gut aufzustellen.“
Auch die Fraktionsvorsitzende im Bundestag Heidi Reichninnek sprach sich für ihn aus. Pantisano, aktuell stellvertretender Fraktionsvorsitzender, sei „in seiner Arbeit immer nah bei den Menschen, egal ob Industriearbeiter, Klimaaktivist oder Alleinerziehende“, schrieb sie auf Instagram. Er schaffe es, bei linken Themen klare Kante zu zeigen und zugleich Menschen zusammenzuführen.
Pantisano, von Beruf Architekt und Stadtplaner, ist seit 2017 Mitglied der Partei. Dem Bundestag gehört der Vater von zwei Kindern seit dieser Legislaturperiode an, davor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestagsbüro des früheren Linkenchefs und heutigen Vorsitzenden der Rosa-Luxemburg-Stiftung Bernd Riexinger. Bis 2025 hatte Pantisanos politischer Schwerpunkt als Mitglied des Stuttgarter Gemeinderats auf der Kommunalpolitik gelegen.
Für bundesweite Aufmerksamkeit sorgte der Linke, als er im Jahr 2020 bei der Oberbürgermeisterwahl in Konstanz mit 45,1 Prozent nur knapp dem CDU-Amtsinhaber Ulrich Burchardt unterlag. Er sei „nicht nur im Straßenwahlkampf ein echter Charmebolzen“, schrieb die taz damals über ihn.
In der Partei gilt Pantisano als Bewegungslinker. Er gehörte zu denjenigen, die früh, deutlich und öffentlich gegen das „linkskonservative“ Lager um Sahra Wagenknecht Position bezogen haben. Wäre es nach ihm gegangen, wäre der Bruch mit Wagenknecht und Co nicht erst mit deren Abspaltung im Oktober 2023 erfolgt.
Wie auch die amtierenden Parteivorsitzenden van Aken und Schwerdtner hat er sein Abgeordnetengehalt auf das Niveau eines Facharbeiters gedeckelt. Den Rest zahlt er in einen Sozialfonds ein. Ob das für alle Abgeordneten zur Regel werden soll, ist derzeit einer der großen Streitpunkte in der Linkspartei.
Ein großer Konflikt
Ein anderer großer Konflikt ist der Umgang mit Israel. Pantisano zählt zum palästinasolidarischen Flügel in der Linken. Ob er im Falle seiner Wahl zum Vorsitzenden wie van Aken mäßigend auf die offen israelfeindlichen Kräfte in der Partei einwirken will und kann, dürfte entscheidend für den Zusammenhalt der Linken sein.
Nach dem früheren Grünen-Chef Cem Özdemir wäre Pantisano der zweite Vorsitzende einer im Bundestag vertretenen Partei, der aus einer sogenannten Gastarbeiterfamilie stammt. Seine Eltern Maria und Giuseppe Pantisano kamen in den 1960er Jahren aus Kalabrien als Fabrikarbeiter:innen nach Deutschland. Sein ältester Bruder Cataldo wurde 1967 noch in Italien geboren, er und seine beiden älteren Brüder Leonardo und Alfonso kamen im schwäbischen Waiblingen zur Welt.
Die Geschichte seiner Familie präge ihn bis heute und er sei „stolz darauf, als Kind aus einem Arbeiterhaushalt mit Migrationsgeschichte studiert zu haben“, betont Pantisano. Er besitzt die deutsche sowie die italienische Staatsbürgerschaft und ist Mitbegründer von Linkskanax, einem migrantischen Netzwerk in der Partei. Sein 51-jähriger Bruder Alfonso ist Mitglied der SPD und seit 2023 Queerbeauftragter des Berliner Senats.
„Als Kind italienischer Gastarbeiter weiß ich, was es heißt, zu kämpfen“, sagte Pantisano der taz. Außerdem kenne er als Hauptschüler, der erst über den zweiten Bildungsweg studieren konnte, „die Erfahrung, die so viele machen: von der Politik nur von oben herab behandelt zu werden“.
Sein Ziel sei es, die Arbeiter:innen für die Linke zurückzugewinnen. Er sei „jemand, der sich nicht scheut, dorthin zu gehen, wo es auch mal Gegenwind gibt, nur so gewinnen wir am Ende Mehrheiten“. Davon ist die Linkspartei derzeit allerdings noch ziemlich weit entfernt.
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