piwik no script img

Linke will KiezkantineKein Champagner für alle

Im Kreuzberger Spumante testet die Linke vor der Abgeordnetenhauswahl die Kiezkantine. Essen gibt es für 3 Euro – aber nur so lange der Vorrat reicht.

Am Samstag standen Wirsingrouladen auf dem Speiseplan, Sonntag Spinatknödelchen mit Salbeibutter, Montag Feta Saganaki mit Reis und am Dienstag Manti. Doch am Dienstag um 13 Uhr sind die türkischen Teigtaschen bereits ausverkauft. „Essen ist alle“, verkündet eine handgeschriebene Notiz am roten Türrahmen des Spumante in Kreuzberg. Eigentlich sollte es in der Pilot-Kiezkantine in der Woche vor der Abgeordnetenhauswahl täglich von 12 bis 15 Uhr eine warme Mahlzeit für 3 Euro geben. Aber: „Alle finden es so toll, dass das Essen jeden Tag früher ausgeht“, berichtet eine Mitarbeiterin.

Das „Familienunternehmen seit 2023“ in der Reichenberger Straße ist sonst für seine frittierten Calamaris und Pommes bekannt – und das Highlight (nach dem Maggi-Ei): Sekt aus dem Hahn. Im Kiezkantinenmenü ist der allerdings nicht enthalten. Champagner für alle würde wohl selbst unter einer Regierenden Bürgermeisterin Elif Eralp Utopie bleiben.

Finanziert wird die Pilot-Kiezkantine im Spumante von der Linkspartei. Sollte Spitzenkandidatin Eralp Bürgermeisterin werden, will die Partei das Konzept langfristig auf ganz Berlin ausweiten. Bereits Ende August hatte die Partei eine Woche lang eine Pilot-Kiezkantine auf dem Zickenplatz aufgebaut, wo Eralp höchstpersönlich Kartoffelpüree mit roter Schürze verteilte.

Das Konzept der Linke sieht so aus: In jedem Bezirk soll eine öffentlich finanzierte Kiezkantine aufgebaut werden, die täglich warme, gesunde Mahlzeiten anbietet, von denen die günstigste immer 3 Euro kostet. Dafür sollen bestehende Kantinenangebote ausgebaut und auch neue eröffnet werden, etwa in öffentlichen Verwaltungen oder Stadtteilzentren. Das langfristige Ziel ist der Aufbau eines landeseigenen Betriebs. Der Fokus liegt auf den 24 Berliner Großsiedlungen, in denen besonders viele Rent­ne­r*in­nen und Menschen mit geringem Einkommen wohnen, etwa Siedlungen in Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf oder Südneukölln. Finanziert werden soll der Aufbau und Betrieb von zunächst 20 Kiezkantinen mit 19 Millionen Euro pro Jahr.

Kantinen gegen die Einsamkeit

Die Kiezkantinen sollen gleich zwei Probleme angehen: die gestiegenen Lebensmittelpreise und die grassierende Einsamkeit. Im gehypten Spumante, in dem im Sommer kaum Plätze zu ergattern sind, vor lauter Negroni schlürfenden Kreuzberger Yuppies, kommt zur Kiezkantine ein sehr gemischtes Publikum, erzählt Helene Gottwald. Sie betreibt das Spumante gemeinsam mit ihrer Schwester. Einige Familien und ältere Menschen seien direkt um 12 Uhr da, es kämen viele Nach­ba­r*in­nen und Linken-Genoss*innen. An einem Tisch döst ein Mann mit olivgrüner Che-Guevara-Mütze und „Palestine“-Schal, an einem anderen trinken zwei Mädels Limonade.

Wer nach 13 Uhr kommt, geht leer aus. Immerhin gibt es in der Nähe genug Alternativen, um für wenig Geld satt zu werden. Bei Bilgisaray in der Oranienstraße gibt es jeden Dienstag ab 17 Uhr Küfa, beim Heilen Haus in der Waldemarstraße jeden Mittag die „Küche für alle“. Private Küfas können Lücken füllen, doch die Berliner Linke findet: Essen soll zumindest teilweise entprivatisiert und zur öffentlichen Daseinsvorsorge werden.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare