Lieferdienste mit prekärer Arbeit: Teure Partys, miese Bezahlung

Die Lieferdienstbranche ist ein hartes Pflaster, vor allem für die Fahrer*innen. Etwa Lieferando, das in Berlin eine Zweiklassengesellschaft schafft.

Lieferando-Fahrer unterwegs

Was für die einen das gelieferte Abendessen, ist für die anderen ein Knochenjob Foto: picture alliance/dpa/Jan Woitas

BERLIN taz | Die Lieferdienstbranche ist ein hartes Pflaster. Und zwar nicht für die vielen konkurrierenden Start-ups, die zunehmend Schwierigkeiten haben, an frisches Geld für ihr unrentables Geschäft zu kommen, weshalb sie reihenweise Ar­bei­te­r*in­nen entlassen. Sondern vor allem für die Rider, die bei Schnee, Regen oder bei sengender Hitze durch die Straßen fahren, um den Kun­d*in­nen Lebensmittel zu liefern, die sie ebenso gut im Supermarkt oder im Restaurant nebenan selbst einkaufen könnten.

Doch Zeit ist Geld, und je weniger Zeit die Menschen in Einkaufen und Kochen investieren, desto länger können sie arbeiten. Dass diese Effektivität im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Rücken von prekär angestellten und meist mi­gran­ti­schen Ar­bei­te­r*in­nen ausgetragen wird, scheint dabei nur wenig zu interessieren.

Zumindest sind die schwarzen, lila- oder orangefarbenen Rider im Straßenbild vieler Städte nach wie vor so allgegenwärtig, als hätte es die vielen Berichte über ihre schlechten Arbeitsbedingungen niemals gegeben.

Bringdienste wie Gorillas, Getir oder Lieferando kennen die Gesetze, die einst den Manchesterkapitalismus und dessen ungezügelte Ausbeutung und Profitgier eindämmen sollten. Sie wissen auch genau, wie man sie umgeht, indem man so viel Verantwortung wie möglich an die Ar­bei­te­r*in­nen abgibt, die in der Gig Economy verschlissen werden, als wären sie keine Menschen, sondern Gebrauchsgegenstände.

Die wollen sich das jedoch nicht länger gefallen lassen und wehren sich mit Betriebsratsgründungen gegen zu niedrige Gehälter, Lohndiebstahl und mangelhafte Arbeitsausrüstung.

Auch bei Lieferando, das immer wieder durch schlechte Arbeitsbedingungen für seine Fah­re­r*in­nen auffällt, gründen sich immer mehr Betriebsräte, in Berlin sind für Anfang August Wahlen angesetzt. Doch statt seinen Fah­re­r*in­nen verkehrssichere Räder und Arbeitshandys zur Verfügung zu stellen, gibt das Management sein Geld lieber dafür aus, eine Zweiklassengesellschaft unter den Angestellten zu eta­blie­ren: Mit einer exklusiven Poolparty in Berlin wollte Lieferando am vergangenen Wochenende „den Teamgeist stärken“. Und damit klar ist, wer zum Team gehört und wer nicht, waren nur die Angestellten des Headquarters eingeladen – die Rider, die auf der Straße täglich mit harter körperlicher Arbeit die riesigen Umsätze des Unternehmens einfahren, waren explizit nicht erwünscht.

Es ist nicht das erste Mal, dass Lieferando so unverblümt zeigt, welchen Stellenwert seine Ar­bei­te­r*in­nen für das Unternehmen haben: Während die Mit­ar­bei­te­r*in­nen des Headquarters zu Weihnachten mit einem 15-Millionen-Euro-Skitrip in die Schweiz belohnt wurden, erhielten die Rider eine Nudelpackung mit dem Logo des Konzerns. Frei nach dem Motto „Teile und herrsche“ wird das Headquarter hofiert, die Rider werden außen vor gelassen. Doch die Büroangestellten sollten sich gut überlegen, mit wem sie sich solidarisieren: Wenn es hart auf hart kommt, sind auch sie ganz schnell raus.

Das zeigt ein Blick auf den Konkurrenten Gorillas, der Ende Mai 300 Mit­ar­bei­te­r*in­nen und damit die Hälfte seiner Beschäftigten im Headquarter entlassen hat, um Geld zu sparen.

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Dieser Artikel stammt aus dem stadtland-Teil der taz am Wochenende, der maßgeblich von den Lokalredaktionen der taz in Berlin, Hamburg und Bremen verantwortet wird.

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