Liebeserklärung ans Fahrrad: Mein Joker auf zwei Rädern
Unsere Autorin liebt das Fahrradfahren. Es gab ihr Selbstvertrauen und bringt ihr ein Gefühl von Freiheit, rosige Wangen und Glück.
F ast schon überheblich rolle ich am Morgen an den vielen langsam vor sich hinsiechenden Autos vorbei und halte an der Ampel vor ihnen. Ich liebe den Fahrradabschnitt, der sich ganz vorne vor dem Haltestreifen für Vierräder befindet. Drei Kilometer sind es mit dem Rad zur Arbeit – eine ziemlich läppsche Pendellänge. Im Aufzug bei der Arbeit sehe ich, dass die noch kalte Luft mir rosige Wangen beschert hat und mir ein lebendiges Etwas im Gesicht gibt.
Ich fahre immer Fahrrad. Im Alltag, im Urlaub, wenn ich meine Familie besuche. Wie für viele Andere war das Fahrrad für mich als Kind ein Draußenspielzeug und eine Schulwegbewältigungshilfe. Bis es geklaut wurde und die Pubertät eintrat. Als ich schließlich aus- und in die Großstadt zog, schenkte meine Tante mir ihr altes, dunkelblaues, nach Hollandrad aussehendes Gefährt, und das Zweirad wurde in der Funktion als günstiges Fortbewegungsmittel wieder präsenter in meinem Leben.
Immer wenn es regnete, flog die Kette runter. Irgendwann bekam ich eine Joker-Klingel geschenkt Als sie jemand klauen wollte und ich diesen Jemand erwischte, wollte ich ihn verprügeln. Ein anderes Mal stand mein Rad nicht mehr im Hof, mein Nachbarkumpel fand es ein paar Straßen weiter mit einem anderen Schloss versehen und wir klauten es zurück. Das waren vermutlich die Momente, nach denen ich mir kein Leben mehr ohne (m)ein Fahrrad vorstellen konnte.
Das Radfahren lehrte mich Selbstvertrauen. Dank ihm habe ich, französische Zigaretten rauchend, den Mont Ventoux erobert. Das Radfahren half bei Bahnausfällen. Die 72 Kilometer zu Maman konnte ich einfach selber fahren. Das Radfahren brachte mich an die entlegensten Orte, die weder zu Fuß noch mit dem Auto zu erreichen sind. Ich war in Gegenden Vietnams, die meiner Familie kaum ein Begriff sind. Es rührte sie und brachte uns näher.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Meine Familie fährt ebenfalls viel Rad, allen voran mein Opa, der uns früher aus Sperrmüllfunden ein Zweirad hergerichtet hat. Allerdings bedauern sie hin und wieder meine (alleinige) Anreise auf zwei Rädern. Ein wenig aus Sorge, vor allem aber, weil ich nicht mehr so viel Essen zurücktransportieren kann. Der Umstand jedoch, dass Radfahren meine Ankunft wahrscheinlicher macht, tröstet sie.
Zudem schätzt meine Maman, dass ich ihre Fahrräder warten kann. Ich schraube ehrenamtlich an Rädern herum und habe mir in den letzten zehn Jahren einige Fertigkeiten beigebracht. Das brachte mir die Gewissheit, immer wenn ich es brauche, alleine unterwegs sein zu können, weil ich mir bei Pannen selbst helfen kann.
Jede Beziehung braucht Pflege
Manchmal vergesse ich, wie viel Selbstbestimmung und Freiheit mir das Radfahren gibt. In seiner alltäglichen Präsenz wird es für mich zu selbstverständlich. Wie in Partner*innenschaften mangelt es an Wertschätzung und man vernachlässigt die vermeintliche Arbeit, die ein Miteinander mit sich bringt. Ich ärgere mich dann über Tüddelkram, wie, dass die Kette sauber gemacht werden muss oder dass ich den schönen Vintagemantel nicht tragen kann, weil er sonst genau da drankommt.
Um mir zu demonstrieren, dass ich nicht abhängig von meinem Fahrrad bin, unternehme ich Städtetrips. Dann fahre ich in der vollen verspäteten Bahn voller menschlicher Ausdünstungen nach Paris. Um asiatische Lebensmittel einzukaufen, die ich in Deutschland nicht bekomme. Zu Fuß unterwegs, genieße ich anfangs das alleinige Flanieren. Bis es mir zu (un-)menschlich wird.
Als kleine Frau kenne ich das Ärgernis, das in der Vergangenheit erfreulicherweise medial aufgegriffen wurde: Manslamming. Hindernisse, in männlicher Menschenform, die selbstverständlich nicht ausweichen, sondern rempeln. Nicht selten fliegt nach einer tief hochgezogenen Erzählung aus dem Inneren noch ein dicker Geleeklotz vor die Füße.
Nun sind die Straßen in Paris entweder prächtig breit oder gassig schmal, aber immer dicht gedrängt. Ich erwische mich dabei, wie ich all die Menschen auf ihren Rädern beneide. Erhöht gleiten sie elegant und zügig an Menschen und Autos vorbei, sie haben etwas Starkes an sich. Sie sind eine Menschmaschine.
In dem Moment identifiziere ich eine weitere Libertät, die mir das Radfahren vermittelt: Isoliert am Leben teilzunehmen, fernab von ungewollter Nähe. Auf dem Rad bin ich in meinem Safe Space. Ziemlich defensiv sitze ich also im vollen Zug auf dem Weg nach Hause, zu den Fahrrädern. Doch die Vorfreude auf ein Wiedersehen erweckt ein lebendiges Etwas in mir und beschert mir rosige Wangen.
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